"Verkauft“ steht draußen an der Volksbühnen-Mauer. Drinnen auf der Bühne stapeln sich in einem riesigen Supermarkt meterhohe Regale mit übergroßen Limonaden- und Colaflaschen und ebenso riesigen Packungen auf denen in großen Lettern Ritalin oder Prozac oder schlicht Goldmann Sachs oder BP zu lesen steht. Geschmückt sind die Kartons mit ikonografischen Irak-Folter-Bildern und mit verwundeten Kindergesichtern aus der Werkstatt des Bühnenbildners Gottfried Helnwein. Das Ganze hat in seiner Gigantomie und Cleanheit eine ziemliche Wucht. Erst recht als eine Mädelstruppe zu tanzen beginnt, als befände sie sich gerade in einem Youtube-Clip, und zwei herausragende Breakdancer (David Eger und Lukas Steltner) den Gangman Style in virtuose Höhen und Querlagen schrauben.

Wow, denkt man, aber weiß dabei schon, dass es so nicht weitergehen wird, dass das nur die spaßige Ouvertüre zur großen Kapitalismuskritik sein kann. Auf der Bühne irren Unverständliches schreiend auch schon die Protagonisten herum, der Politiker, der Bischof, der Richter und die Huren.

Man ist auch schon gewarnt. An allen Eingangstüren klebt die Mitteilung, dass dieses Stück für Jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet ist. So recht kann man die Warnung nicht verstehen, denn dies ist ein Stück von Johann Kresnik. Bei Kresnik geht es oft laut und drastisch zu, aber wirklich gefährlich und bedrohlich wird es nie. Dazu ist die Gewalt des Regisseurs und Choreografen zu eindimensional, zu eindeutig. Das ist schon in seinen früheren Arbeiten so gewesen, als Kresnik von 1994 bis 2002 an der Volksbühne arbeitete. Geradlinig, mit dem unerschütterbaren Wissen, was gut und was böse ist. Anachronistisch war das schon damals. Aber gepaart mit Kresniks Bilderwucht hatte sein aus der Zeit gefallener Zorn noch seinen Reiz.

Kresnik, der Rebell, der es aus dem Kärntner Land als Balletttänzer bis zu Georges Balanchines New York City Ballet schaffte, in Deutschland in den 1970er-Jahren das politische Tanztheater erfand und mit Stücken wie „Ulrike Meinhof“ (1990) ernsthaft unbequem den Theaterbetrieb aufmischte, ist inzwischen 75 Jahre alt.

Die Volksbühne ist verkauft an den Kunstmarkt, wo so etwas ganz bestimmt nicht mehr passieren wird: Dass man einen in die Jahre gekommenen Kunst-Veteran, der in den 1990er-Jahren mal Tanzgeschichte geschrieben hat, ins Haus lädt und ihn einfach weiter sein Ding machen lässt. Als mit Kresnik die Produktion von „Die 120 Tage von Sodom“ vereinbart wurde, hatte noch keiner was geahnt von dem Verkauf der Volksbühne. Dagegen musste man kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass das nicht gut gehen würde: Kresnik-Kapitalismuskritik nach Pier Paolo Pasolinis gleichnamigem Film. Aber dass es so schlimm wird!

Johann Kresnik hat das Erwartete getan und auch wieder nicht. Er hat versucht sich selbst zu überbieten und eine Riesenschweinerei angerichtet. Also werden jede Menge übergroßer Plastik-Pimmel aus den Hosenschlitzen geholt, einer Schwangeren wird der Bauch aufgeschnitten, das Baby zerhackt, das, ächz, aus echtem Fleisch besteht, das man auf einem echten Grill echt grillt und aufisst.

Die unteren Chargen müssen alle weitgehend nackt und blutbeschmiert über die Bühne rutschen, derweil die wichtigeren Darsteller ihre Sachen meistenteils anbehalten dürfen. Nur Ismael Ivo, der auch für die Choreografie mitverantwortlich zeichnet, zieht sich öfter mal aus. Was er ja auch schon früher immer gerne getan hat. Die 70-jährige Großschauspielerin Ilse Ritter muss als zweite Hure ziemlich viele Plattitüden von sich geben, dass die Politik ein Supermarkt ist und so ähnlich. Nein, man schaut nicht gern zu. Auch wenn es teilweise etwas von einem grotesken Splatter hat. Etwa wenn die Gangman-Girls-Line des Anfangs, jetzt im Helnwein-Outfit blutbeschmiert und in Verbände gewickelt, als Zombie-Revue über die Bühne tanzt. Das ist der eine Moment, wo man denkt, wenn sich jetzt alles ironisch wenden würde, das wäre vielleicht die Rettung. Es könnte vielleicht sogar noch wirklich unheimlich werden. Aber natürlich ist es nicht ironisch gemeint, sondern pur.

Zum großen Finale wird Katastrophe auf Katastrophe geschichtet. Geschändete Puppenleichen fallen aus dem Schnürboden, Porträts von Karl Marx, Che Guevara, Rosa Luxemburg und Pasolini werden zerhackt, ein paar Grausamkeiten noch schnell im Zeitraffer, eine bepinkelte Sängerin, dann ist es geschafft. Die Menschen applaudieren. Kresnik macht sein Ding und lässt sich nicht beirren. Er weiß immer noch, wo es lang geht. Seine moralische Weltsicht kommt ohne die strafmildernden Umstände von Systemen und Rollen aus − für ihn sind das Ausreden. Er weiß, wer schuld ist. Und er wüsste auch, was er verdient.