Welcher Politiker stellte fest, das Publikum habe sich vom Staatsfernsehen entfremdet und forderte, die TV-Sender müssten ihre Langeweile überwinden? Würde man die Frage in einer Quizshow stellen, könnte man manchen in die Irre führen. War es Björn Höcke? Tatsächlich war es Erich Honecker, der sich 1971 als frisch gewählter Erster Sekretär der SED mit dem DDR-Staatsfernsehen auseinandersetzte.

In jenen Jahren gab es im Osten viel Neues: Unterhaltungssendungen wie der „Kessel Buntes“ oder „Außenseiter-Spitzenreiter“ wurden etabliert, neben der belehrenden Krimireihe „Der Staatsanwalt hat das Wort“ startete der offenere „Polizeiruf 110“.

Auch technisch gab es Neues: Der spektakuläre Fernsehturm mitten in Berlin strahlte schon ab 1969 Fernsehen in Farbe und ein zweites Adlershofer Programm aus – der Start erfolgte zum 20. Republikgeburtstag am 3. Oktober. Fünfzig Jahre später stellt nun das Zeughauskino zehn besondere Spielfilme „Im Auftrag des Fernsehens der DDR“ vor – Kooperationspartner ist das Deutsche Rundfunkarchiv.

Filme in der DDR: Frauen spielten in Betrieben eine starke Rolle 

Der Auftakt fällt aus der Reihe. Die Literaturadaption von Saint-Exuperys „Der kleine Prinz“ durch Konrad Wolf sollte zwar 1969 das neue Farbfernsehen eröffnen. Doch da der Sender die Rechte aus Frankreich noch nicht bekommen hatte, lief der Film erst 1972 und konnte wegen der verworrenen Rechtelage auch später im Fernsehen nicht gezeigt werden. Dabei gilt der Film heute als Juwel, weil Konrad Wolf, Präsident der Akademie der Künste der DDR, stilistisch viel wagte und die Parabel mit Christel Bodenstein, Eberhard Esche, Inge Keller und Klaus Piontek stark besetzt war.

„Der keine Prinz“ ist der einzige Film der Reihe, der im Studio gedreht wurde – alle anderen zeigen DDR-Alltag. Aus heutiger Sicht fällt auf, dass damals das Arbeitsleben in den Betrieben als Schauplatz diente. Im heutigen Fernsehen tauchen ja neben den Hundertschaften von Kommissaren, neben Dutzenden Ärzten und Rechtsanwälten kaum andere Berufe auf. Dagegen arbeitet der von Ulrich Thein gespielte „Tull“ in Lothar Bellags Film als Gießer in einem Hüttenwerk; „Kippenberg“, Titelheld in Christian Steinkes Verfilmung von Dieter Nolls Buch, forscht in einem Biologie-Institut.

Nun hatte sich das DDR-Fernsehen schon in den 60er-Jahren intensiv um das Arbeitsleben gekümmert – doch wie hier mitunter Helden der Arbeiterklasse ausgestellt wurden, war selbst ganz oben als „langweilig“ empfunden worden. „Die Charaktere werden widersprüchlicher, ambivalenter, sind näher an den tatsächlichen Erfahrungen der Arbeitswelt und komplexer, insofern sie mehr psychologische und zwischenmenschliche Facetten besitzen“, betont im Geleitwort Kurator Thomas Beutelschmidt, der seit den 90er-Jahren das DDR-Fernsehen erforscht.

Noch auffälliger ist, welch starke Rolle die Frauen in den Betrieben spielten. Vera (Angelica Domröse) kämpft in Horst E. Brandts Film „Eva und Adam oder Drum Prüfe“ um ihre Stellung in einem Druckmaschinenwerk und will sich auch von ihrem Mann, dem Betriebsdirektor (Horst Drinda), nicht einschränken lassen. Rita (Jutta Hoffmann), Titelfigur von Egon Günthers Film, arbeitet am Fließband und will sich weiterbilden.

Die Ingenieurin Nora (Swetlana Schönfeld) will zwischen lauter männlichen Geologen herausfinden, warum eine Pumpe an einer Bohrstelle nicht funktioniert – hier verfilmte Georg Schiemann eine Erzählung von Erik Neutsch. Wie diese Heldinnen sich behaupten, beruflich wie privat, das dürfte gerade in den aktuellen Geschlechterdebatten anregend sein.

Film „Risiko“ wurde erst nach der Wende ausgestrahlt 

Weitere Filme der Reihe folgen einer Aufforderung Honeckers, es dürfe keine Tabus in der Kunst geben. So handelt „Absage an Viktoria“ von Celino Bleiweiß von einer Frau, die Mann und Kind für eine Karriere im Westen verlässt. Auch ein Beitrag der Reihe „Der Staatsanwalt hat das Wort“ widmete sich dem heiklen Thema „Republikflucht“. Doch ausgestrahlt werden konnte der 1980 gedrehte Film „Risiko“ erst nach der Wende – die ausgerufene Liberalisierung war schon ab Mitte der 70er- Jahre an ihre engen Grenzen gekommen.

Viele Regisseure und Schauspieler hatten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert, ein Teil war ausgereist. Auch im SED-Führungszirkel drehte sich der Wind: Auf den 1978 verunglückten Werner Lamberz, Vertreter einer offeneren Medienpolitik, folgte der Apparatschik Joachim Herrmann.

Hans Bentzien, couragierter Leiter der Fernsehdramatik, der schon in den 60ern als Kulturminister für die Filmkunst gestritten hatte, wurde nach der Ausstrahlung von Frank Beyers „Geschlossene Gesellschaft“ durch den linientreuen Erich Selbmann ersetzt, bis dahin Chef der „Aktuellen Kamera“. Das DDR-Fernsehen wurde wieder langweiliger.