Tacita Dean, Palast I-VI , 2005, Blatt 1 von 6 Fotogravüren auf Somerset 300g.
Quelle: Kai-Annett Becker

Berlin„Erinnerung ist kein Instrument zur Vermessung der Vergangenheit“, schrieb Walter Benjamin in seinen autobiografischen Skizzen zur Berliner Kindheit, „sondern ihres Theaters.“ Wer sich an den berüchtigten Benjaminischen Sprachgirlanden entlanghangelt, für den mag sich ein Bild Berlins um 1900 herauskristallisieren, das, wenngleich theatralisch, so doch umso deutlicher strahlt – als ein literarisches Denkbild des anbrechenden 20. Jahrhunderts. 

Dass Berlin aber auch in den darauffolgenden 100 Jahren und darüber hinaus, bis heute, sprichwörtlich gezeichnet wurde – und zwar nicht nur von Künstlerhänden, sondern auch von Kriegen und Teilungen, Grenzbefestigungen und Mauern, von der Wiedervereinigung und historischen Neuaufwertung; von schrillen, kulturellen Gegensätzen und leuchtenden Projektionen, symbolträchtigen Salto mortale der Geschichte, von Erfolgen, Enttäuschungen, Niederlagen, so ungewohnt und unabsehbar, dass wohl kaum eine Avantgarde der Welt sich einen besseren Stoff für ihre künstlerischen Auseinandersetzung hätte ausdenken können –, das lässt sich in der Ausstellung „Gezeichnete Stadt“ auf herrlich unprätentiöse und direkte Art und Weise nachvollziehen.

Die Geschichte der dort gezeigten künstlerischen Herangehensweisen an Berlin, so beschreibt es die Kuratorin der Ausstellung Annelie Lütgens, ist „alles andere als geradlinig“. Sie verflaufe eher in einer Zickzack-Bewegung, entlang derer sich die Verwachsungen, Biotope, fragilen Strukturen und palimpsestartigen Architekturen Berlins darstellen und verstehen lassen – als eine Art fragmentarisches Gegennarrativ zur sonst oft als monolithischem, großem Ganzen gedachten Stadt.

Es sind auch zahlreiche Ost-Berliner Künstler vertreten

Die meisten der fast 70 in dieser Ausstellung versammelten Künstler leben und arbeiten vor Ort in Berlin. Zu ihnen zählen Malerei-Stars wie Rainer Fetting oder Tal R, aber auch unbekanntere und vor allem auch viele ostdeutsche Positionen wie etwa Florian Merkel oder Monika Meiser. Ein Highlight der Schau sind die merkwürdig-malerischen Filmstills auf Fotogravüren der Künstlerin Tacita Dean „Palast I-VI“ (2005). In der bronzefarbenen Fensterspiegelung des ehemaligen Palasts der Republik, dessen bläuliche Rasterfassaden darin die charakteristische Bildstruktur vorgeben, werden verschwommene Spiegelbilder berlintypischer Gebäude sichtbar: Man sieht da etwa die goldene Spitze des neobarocken Berliner Doms auf der Spreeinsel aufblitzen oder, schemenhaft, die Pferdeskulpturen der Quadriga auf dem Brandenburger Tor.

Das Besondere dieses Werks ist, wie die Zeitebenen in ihm kippbildhaft ineinanderfließen: Die perspektivische Mitte des Bildes ist der zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits sichtlich marode dahinvegitierende Volkspalast, das ehemalige DDR-Kulturzentrum und prestigeträchtige Parteitagshaus. Es ist jenes Relikt einer ideologisch entfernt erscheinenden Vergangenheit, das hier eine noch weiter zurückliegende Vorvergangenheit spiegelt – allerdings eine in die Zukunft gewendete Vergangenheit, eine, die so restauriert wurde, dass sie für das gegenwärtig-nostalgische Auge ein monarchistisches Ideal in neuem Licht erstrahlen lässt.

Der Sturz des Palasts: Bilder als Vorboten vom Abriss

Deans Bilder sind somit gewissermaßen auch Vorboten vom damals (2004/2005) bevorstehenden Abriss des Palasts des Republik. Hier schimmert also bereits die Geschichte des Berliner Schlosses hindurch, die bekanntlich bis in die Gegenwart reicht: Letztlich wurde das Schloss – in Form des Humboldt-Forums – an derselben Stelle rekonstruiert, in einem Stil, der die komplexe Geschichte des Gebäudes zugunsten eines emblematischen, preußischen Ideals ausradierte. Auch hierzu würde sich übrigens die Lektüre Benjamins empfehlen: „In dem Augenblick, in dem das Kriterium der Authentizität nicht mehr auf die künstlerische Produktion anwendbar ist“, schrieb er, „kehrt sich die Funktion der Kunst um. Anstatt auf Ritualen zu beruhen, beginnt sie, auf einer anderen Praxis zu beruhen – der Politik.“

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128 (Kreuzberg). Bis 04. Januar 2021, Mi–Mo 10–18 Uhr, dienstags geschlossen. Besuch mit geltenden Abstandsregeln.