Die Haupthalle des Nationalgalerie-Hauses Hamburger Bahnhof gibt viel Raum für Körper-Abstand und harrt nun der Bilderschau von Katharina Grosse.
Foto: dpa/Paul Zinken

BerlinWie holt man ein Museum aus dem Dornröschenschlaf? Anscheinend nur ganz langsam. Berlins Museen dürfen, ebenso wie die Kunstgalerien, wieder öffnen. Und das nicht erst am 11. Mai, wie vorab mit viel Zweifeln gemunkelt, sondern schon am vierten. Die erste Reaktion verrät eher verhaltene Freude, durchmischt mit Zögerlichkeit und Vorsicht. Der Betrieb muss erst wieder anlaufen.

Es gilt abzuwägen, was jetzt noch geht und was nicht: In welchen Räumen ist der gebotene Sicherheitsabstand der Besucher und Mitarbeiter möglich? Wo gibt es Desinfektionsmöglichkeiten? Und gar Maskenpflicht? Die Berliner Museumsteams trafen sich gleich nach der Senats-Verkündigung zu Medienkonferenzen aus ihren verstreuten Homeoffices. Und nun zeigt es sich: Der plötzliche Stopp auch allen kulturellen Lebens ermöglicht die Erweckung aus dem Koma nur Schritt für Schritt.

Bei den einen scheint es flotter, bei den anderen schwerfälliger anzulaufen. Wann die ersten der 19 Häuser der Staatlichen Museen zu Berlin öffnen, muss gründlich beraten werden. Preußenstiftungspräsident Hermann Parzinger, Generaldirektor Michael Eissenhauer, die Sammlungsdirektoren und deren Teams prüfen, wo sich ein Rundgang bei infektionssicherem Körper-Abstand am raschesten realisieren lässt: Vielleicht im weitläufigen Hamburger Bahnhof, wo sich das Publikum aus dem Weg gehen kann? Möglicherweise in der James-Simon-Galerie, wo demnächst eine Ausstellung über die „Kunst des sinnvollen Gebens“ beginnen sollte? Oder bei reduziertem Zugang ins Kupferstichkabinett, wo die kostbaren Raffael-Blätter schon länger ausgebreitet sind?

Die Staatlichen Museen hatten sich für den Kunstfrühling so viel vorgenommen: In der Alten Nationalgalerie sollte es einen in Berlin erstmaligen Auftritt des belgischen Symbolismus geben, als Höhepunkt die Bilder des Meisters des Absurden, James Ensor.

Im Hamburger Bahnhof waren eine Medienschau der Sammlung Flick und neue Bilder der Malerin Katharina Grosse aufgebaut. Erstere in den weitläufigen Rieckhallen, Letztere in der Haupthalle. Wo also ist die Kunst des nötigen Zwischenraumes in Corona-Zeiten am sichersten zu betreiben?   „Alle angekündigten Sonderausstellungen werden realisiert“, so die aktuellste Auskunft aus der SMB-Generaldirektion. Aber zeitliche Festlegungen gibt es nicht. Vernünftigerweise, da sich nun der gesamte Kulturbetrieb auf den Herbst kapriziert, eine schiere Überfülle droht.

Ein Beratungsmarathon liegt offenbar auch noch vor dem Deutschen Historischen Museum, das dem Bund untersteht und alle Schritte abstimmen muss. Die feine Ausstellung über die jüdische Philosophin Hannah Arendt musste zum Shutdown am Tag nach der Eröffnung zugesperrt werden. Und natürlich, so betont man in der Presseabteilung, sei es der primäre Wunsch, zuallererst diese Räume im Pei-Bau, mit den Fotos, Schriften, Dokumenten der großen Denkerin zugänglich zu machen. Wegen der Leihgabefristen stehen Sonderausstellungen wie diese unter Termindruck.  

Überraschend gelassen regierten die Berliner Landesmuseen auf die vorzeitige Lockerung der Kontaktsperre. Das Team von Paul Spies in der Stiftung Stadtmuseum will zunächst das Museumsdorf Düppel öffnen, da sind die Besucher im Freien. Der Direktor selbst hatte sich vor Wochen mit Corona infiziert, steckte lange in Quarantäne. Nun ist alles heil überstanden. Aber Vorsicht hat er gelernt. Er geht es langsam an, welches der Ausstellungshäuser – Märkisches Museum, Ephraimpalais oder Nikolaikirche – am besten für einen unbedenklichen Besuch  taugt.

In der Zwischenzeit ruft sein Museum die Berliner auf, Fotos von Alltagsobjekten zur Corona-Krise einzureichen für eine spätere Ausstellung, zusammen mit dem Museum für Europäische Kulturen. Das rätselhafte Virus werde „als zeitgenössische Ausnahmesituation reif fürs Museum“, so der Direktor. Außerdem können Spies’ Mitarbeiter nun weiterplanen an dem ehrgeizigen Vorhaben zur Berlin Art Week im September, auf der jetzt viele Hoffnungen ruhen: Zwölf Berliner Künstler, darunter auch der Maler Norbert Bisky, schaffen derzeit Werke, die sich auf historische Wandfriese aus dem alten Berlin und aus der Zeit der geteilten Stadt beziehen. 

Auch Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie, will nichts überstürzen: „Wir öffnen am 11. Mai, planen die Publikumswege penibel. Zum Glück können wir die Ausstellung   über den Fotografen Umbo verlängern.“ Ihm sitzt noch der Schreck des Frühsommers 2019 in den Knochen. Da hatte die Bauaufsicht sein Museum wegen einer Statik-Warnung gesperrt. Wochen der Prüfung vergingen. Nun, 2020, kam Corona. Köhler meint, diese elementare Erfahrung mache sehr nachdenklich, auch bescheidener. Und dankbarer für die bislang so selbstverständliche Begegnung mit Kunst.