Berlin - Von seinem Schreibtisch in der ersten Etage des Karl-Liebknecht-Hauses blickt Klaus Lederer direkt auf die Volksbühne. Nicht mehr lange. Bald wird er sein Büro in der Kulturverwaltung in der Brunnenstraße beziehen. Der Berliner Zeitung gibt der 42-jährige Linken-Politiker sein erstes Interview als Kultursenator. Bereits vor seinem Amtsantritt hatte er sich über die umstrittene Berufung des belgischen Museumsmanagers Chris Dercon zum neuen Intendanten der Volksbühne geäußert – er wolle diese Personalie noch einmal überprüfen. Das sorgte für einigen Wirbel.

Herr Lederer, wie wollen Sie die Scherben wieder kitten, die Sie mit Ihren vorschnellen Äußerungen zur Volksbühne verursacht haben?

Ich habe nichts anderes gesagt als das, was ich schon vor der Wahl gesagt habe. Von daher ist das nicht die Aufregung wert, die da entstanden ist. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass diejenigen, die neu politische Verantwortung tragen, Vorgänge noch einmal anschauen, dass sie danach mit allen Beteiligten reden und gegebenenfalls schauen, ob die Entscheidung Bestand haben kann oder geändert wird.

Vor der Wahl hatten Sie sich sehr pointiert über den Nachfolger von Frank Castorf an der Volksbühne, Chris Dercon, geäußert, sprachen von neo-liberalem Kunstbetrieb mit globaler Jetset-Attitüde.

Ja, habe ich.

Sind Sie Chris Dercon in der Zwischenzeit begegnet? Ihre Büros sind ja Tür an Tür.

Herr Dercon hat mir öffentlich drei unterschiedliche Signale gegeben: Das erste, dass wir gern miteinander reden können. Das zweite, dass Michael Müller und Tim Renner seine Chefs sind und er nur ihnen rechenschaftspflichtig ist – was bis vor zwei Tagen noch zutraf. Und drittens hat sein Anwalt presseöffentlich mitgeteilt, wie die Vertragssituation sei. Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass es erst einmal sinnvoller ist, das Amt anzutreten und dann schnell ins Gespräch zu kommen.

Gilt das auch für die Besetzung der Choreografin Sasha Waltz als neue Leiterin des Staatsballetts?

Wo kulturpolitische Konflikte existieren, ist es absolut geboten, dass man das Gespräch sucht. Das gehört dazu, wenn man so ein Amt wie das des Kultursenators antritt.

Nervt es Sie, dass Sie die Wogen glätten müssen, die Tim Renners Personalentscheidungen folgten?

Mir wurde schnell der Vorwurf gemacht, ich würde in Trump-Manier durch die Häuser marschieren und ahnungslos rumholzen. Mein Anspruch ist für die Zukunft, da wo Personalentscheidungen anstehen, nicht im stillen Kämmerlein zu beraten, was dann der Öffentlichkeit ex cathedra mitgeteilt wird. Man muss sich genau anschauen, was der Charakter einer Einrichtung ist und wie man deren Stärken unterstützen kann. Das schließt Veränderung nicht aus. Im Gegenteil, Kultur ist immer in Bewegung.

Das klingt nach einer Stärkung der Häuser auf Kosten der Intendanten.

Auch in Zukunft wird es so sein, dass Intendanten von Stadttheatern eigene, profilierte Schwerpunkte setzen werden, auch personelle Veränderungen vornehmen. Aber natürlich soll es nicht so sein, dass diejenigen, die in einem solchen Organismus bisher Arbeit geleistet haben, den Eindruck gewinnen, dass ihnen von Ferne jemand vorgesetzt wird, der die gesamte Identität des Betriebes, des Gewebes Theater komplett infrage stellt.

Als Spitzenkandidat der Linken hätte man erwartet, dass Sie Themen wie Arbeit und Soziales für sich reklamieren. Was ist so attraktiv am Amt des Kultursenators?

Ich bin da ein wirklicher Teamplayer, kann mich zurücknehmen. Wir haben mit Elke Breitenbach eine ausgewiesene Arbeits- und Sozialpolitikerin und mit Katrin Lompscher eine unbestrittene Expertin für Stadtentwicklung, Bau, Wohnen und Mieten. Mir war wichtig, dass wir bestimmte Themenfelder in unsere Verantwortung übernehmen, in denen wir Veränderung angekündigt und gefordert haben. Dazu gehört ohne Frage auch die Mieten- und Wohnpolitik.

Aber Kultur?

Menschen, die in den vergangenen Jahren genauer hingeguckt haben, konnten durchaus im Bereich der populären, der Clubkultur, der Gedenkkultur oder des Denkmalschutzes von mir hören, oder mich in diversen Kultureinrichtungen sehen und somit wissen, dass ich eine Menge Verbindungen in die kulturelle Szene habe.

Sie haben die europapolitischen Themen in Ihr Haus geholt, nicht die Wissenschaft. Wieso?

Vor wenigen Tagen haben wir noch gebibbert, ob in Österreich der Rechtspopulist Norbert Hofer oder der Ökonom Alexander Van der Bellen Präsident wird. Wir haben gemerkt, dass Selbstverständlichkeiten nicht mehr als selbstverständlich gelten. Wir erleben die Klagen von ungarischen und polnischen Kulturschaffenden, weil deren Kultureinrichtungen künftig einem bestimmten Zweck dienen sollen, nämlich das nationale Selbstverständnis und die nationale Identität Ungarns oder Polens zu stärken. Man kann auch nach Westen schauen, in die Niederlande, nach Frankreich.

Sie wollen die Kultur als kritisches Korrektiv stärken?

Es gibt einen bestimmten Humus innerhalb einer Gesellschaft, der ist nicht vorhanden, sondern der muss immer wieder erzeugt werden. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Demokratie sich aus sich selbst heraus immer wieder reproduziert. Künstler und Medienarbeiter sind eine wichtige Säule, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Selbstverständigung zu betreiben, auch auf die Frage hin: Wo wollen wir in diesem Land in 10, 20 Jahren stehen?

Und Sie treiben solche Debatten voran?

Kultur definiert ihren Gegenstand erst einmal selbst. Da hat die Politik gar nichts zu kamellen. Nichtsdestotrotz ist es nicht untypisch, dass Kulturschaffende sehr allergisch auf externe Einflussnahme reagieren oder den Versuch, Kultur einem Zweck zu unterwerfen. Das ist mir sehr sympathisch.

Mancher Politiker würde das eher als lästig bezeichnen.

Natürlich gibt es Versuche, sich das Anstrengende, das Widerborstige vom Hals zu halten, vor allem in geschlossenen Gesellschaften. In dem Augenblick, in dem eine Gesellschaft beginnt, ihre Horizonte enger zu ziehen, fängt die Aufgabe von Kulturpolitik an, ihre Kulturschaffenden zu unterstützen, ihre Freiräume zu erhalten, wenn möglich zu erweitern. Das ist das eine. Das Zweite ist, in einer Gesellschaft wie unserer, in der klar Kapitalverwertung das Antriebsrad des ökonomischen Entwicklungsprozesses ist, gerät Kultur auch von der anderen Seite unter Druck. Es geht nicht nur darum, Räume für preiswerte Wohnungen, für Schulen, Kitas oder öffentliche Infrastruktur zu erhalten, sondern auch welche, in denen Kultur stattfinden kann.

+++ Lesen Sie auf der nächsten Seite unter anderem, was Lederer zu den Themen Berliner Clubszene und Musikschulen sagt +++