Die Filmlegende Bernhard Wicki.
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BerlinWarum sind sie gegen uns? Das fragt der Hilfsarbeiter Günter, als er den Eltern seiner Freundin vorgestellt wird und sie ihn abschätzig begutachten. Warum sind sie gegen uns? Diese Frage wählt auch Bernhard Wicki als Titel seines ersten Films, den er im Mai 1958 mit zahlreichen Laiendarstellern und ein paar Profis dreht. Wicki ist zu dieser Zeit ein erfolgreicher Schauspieler, mit großen Rollen in Dramen, Komödien und Kriegsfilmen. Aber er will mehr. Er will endlich Regie führen und dabei das seichte Kino der Adenauer-Ära hinter sich lassen.

Die erste Chance, einen eigenen Film zu inszenieren, eröffnet ihm das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht. Eigentlich produziert es didaktische Medien für den Einsatz in Schulen, aber Wicki nutzt die Gelegenheit, um sich fürs große Kino fit zu machen. Seine Vorbilder sind die italienischen Neorealisten – Luchino Visconti, Vittorio de Sica, Roberto Rossellini –, und es begeistert ihn, dass sie für viele ihrer Filme die Ateliers verlassen, auf öffentlichen Straßen und Plätzen oder in originalen Wohnungen drehen, oft mit Amateuren. Nicht von ungefähr kommt sein Kameramann Gerd von Bonin vom Dokumentarfilm. Dem Leben bei der Arbeit zusehen, das ist ihre Devise.

Wicki dreht in Mannheim, er beobachtet junge Leute beim Motorradfahren, in einem Jazzclub, beim Feiern und Tanzen, beim Baden am Strand und in der Fabrik. Günter, seine Hauptfigur, hat keine Berufsausbildung, er malocht in einem Metallwerk und erhält dafür gutes Geld. Nie sah man in einem westdeutschen Spielfilm jener Jahre mehr Bilder von Schwerstarbeit als hier. Wicki zeigt die Feuer der Stahlöfen, Lärm, Schmutz, Schweiß. Und Günters Zuhause: die enge Wohnung, den versoffenen Vater, die Mutter, die darauf achtet, dass der Junge ihr auch genügend Geld abgibt.

Günters Freundin heißt Gisela. Ihr Vater ist Prokurist, geschniegelt und gebügelt, früher wahrscheinlich ein eifriger Hitlerjunge. Die Eltern wollen keinen Proleten als Schwiegersohn. Klassenschranken. Am Ende fügt sich die Tochter; Wicki lässt ihr Gesicht hinter herabfallenden Jalousien verschwinden. Günter rast auf seinem Motorrad davon, zornig, schlägt mit der Faust auf die Gitter seines Taubenschlags. Jalousien, Gitter – der Film ist voller solcher Metaphern. Die Jugendrevolten der 1960er-Jahre haben noch nicht begonnen, aber sie werfen ihre Schatten voraus.

Mit „Warum sind sie gegen uns?“ liegen nun fast alle Wicki-Filme auf DVD vor, auch die bei der Defa entstandenen Spätwerke „Die Grünstein-Variante“ nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase und „Sansibar oder der letzte Grund“ nach einem Roman von Alfred Andersch. Ein filmisches Œuvre, für eine Wiederentdeckung dringend empfohlen.

Warum sind sie gegen uns? BR Deutschland 1958, R: Bernhard Wicki, 64 Min, Anbieter: Filmjuwelen, ab 13,99 Euro