Berlin - Am Mittwoch wurde deutlich, dass sich das Medienhaus Bertelsmann – trotz beachtlicher Investitionen in den Bildungsmarkt und seiner nach wie vor starken Dienstleistungstochter Arvato – vor allem als Inhalte-Haus versteht. An diesem Tag verkündete der Konzern, für seine Buchsparte Penguin Random House zum Preis von sage und schreibe 2,175 Milliarden Dollar den US-Verlag Simon & Schuster übernehmen zu wollen. Und obwohl zum Autorenstamm des global operierenden amerikanischen Buch-Hauses so bekannte Persönlichkeiten wie John Irving, Stephen King und Hilary Clinton zählen, müssen sich solche Milliarden-Investitionen erst mal amortisieren.

Das Buch-Geschäft von Bertelsmann floriert zwar. Doch es gibt nichts, was nicht noch verbessert werden könnte. Und so entwickelt der Medienkonzern derzeit in Berlin eine neue Digital-Plattform für alle seine Medieninhalte. In den Räumen der Konzerntochter RTL Radio am Kurfürstendamm hat seit dem 14. August 2019 auch die Now GmbH ihren Sitz. Laut Handelsregister ist ihr Geschäftsgegenstand der Betrieb einer „Plattform für unterschiedliche Mediengattungen des Bertelsmann Konzerns, inklusive TV Now, Audio Now, Zeitschriften, Bücher, Musik“. TV Now ist die Streamingplattform von RTL. Bei Audio Now handelt es sich um die ebenfalls bereits bestehende Audioplattform von Bertelsmann, bei der RTL Radio federführend ist.

Auffällig ist, dass mit dem Chef der Mediengruppe RTL Deutschland, Bernd Reichart, und dessen für Inhalte und Marken verantwortlichem Kollegen Stephan Schäfer zwei Manager der TV-Tochter des Medienkonzerns in der Geschäftsführung der Now GmbH sitzen. Ursprünglich waren es sogar drei: Der einstige RTL-Digitalchef Jan Wachtel schied jedoch am 8. Oktober aus; offenbar wegen seines Abgangs bei RTL.

Dabei würde es die Now GmbH ohne Wachtel vermutlich gar nicht geben. Wie es in RTL-Kreisen heißt, geht das Portal auf seine Idee zurück. Demnach soll der Manager zu dem Schluss gekommen sein, dass TV Now im Markt der deutschsprachigen Video-Streamingdienste angesichts der starken Konkurrenz von Netflix, Amazon und Disney+ nicht über Platz drei hinauskommen werde. Folglich habe Wachtel die Entwicklung eines medienübergreifenden Portals angeregt, einschließlich Audio Now, der Angebote der Zeitschriftentochter Gruner + Jahr, der digitalisierten Bücher von Penguin Random House und der Musik der Bertelsmann Music Group.

Die Now GmbH ist keine RTL-Tochter

Ein Portal, wie es die Now GmbH entwickelt, wäre einzigartig, vergleichbar vermutlich nur mit Amazon, wo auch digitale Inhalte aller Mediengattungen erhältlich sind. Einen gewichtigen Unterschied gibt es jedoch: Amazon vertreibt vor allem Medieninhalte Dritter. Dort, wo der US-Konzern eigene Inhalte anbietet, wie etwa Serien auf Amazon Video, muss er sie für sein Portal extra produzieren. Dagegen soll die Plattform der Now GmbH fast ausschließlich Bertelsmann-Inhalte anbieten, die es bereits gibt und die sich großenteils bereits monetarisiert haben.

Trotz der starken Stellung von RTL im Management ist die Now GmbH keine RTL-Tochter. Ihr alleiniger Gesellschafter ist die Reinhard Mohn GmbH. Die Now GmbH steht im Handelsregister von Gütersloh, jener Stadt in Ostwestfalen, in der die Bertelsmann-Konzernzentrale ihren Sitz hat. Dass die Firma von Berlin aus arbeitet, liegt nach Angaben aus Konzernkreisen daran, dass bei RTL Radio gerade passende Räumlichkeiten frei waren. Zudem sei der Standort Berlin für das benötigte Personal sehr attraktiv.

Unklar ist, wann das Portal freigeschaltet wird. Dem Vernehmen nach soll Wachtel auf einen schnellen Start gedrängt haben. Er habe sich aber nicht durchsetzen können. Auch deshalb habe er im September RTL verlassen.

Wachtel war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ein Bertelsmann-Sprecher verweist auf die Unternehmenstochter RTL, wo man jeden Kommentar ablehnt.