Bertrand Bonello bei der Eröffnung des 26 Film Festival Cologne im Jahr 2016 mit dem Film „Nocturama“ im Cinenova.
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Ein nicht mehr ganz junger Mann recherchiert für seinen neuen Film. Er überredet den Geschäftsführer eines Beerdigungsinstituts, eine Nacht im Beratungsraum zwischen Grabsteinen und Urnen verbringen zu dürfen. In jener Nacht kann er der Versuchung nicht widerstehen, in einen Sarg zu klettern. Der Deckel schlägt zu, der Regisseur wird erst am nächsten Morgen von der Putzfrau befreit.

Ist alles, was wir daraufhin zu sehen bekommen, nur die Halluzination eines Scheintoten? Oder reisen wir mit ihm bereits durch das Totenreich? Es gibt hier ein Château, dessen Gäste merkwürdigen Ritualen nachgehen. Der Held (Mathieu Amalric) fühlt sich davon magisch angezogen, durchschaut aber die Struktur nicht. Mal geht es um die Ureinwohner Nordamerikas, mal um Sex, dann wieder werden scheinbar zweckfreie Übungen im Außengelände exerziert. Der Titel des Films „De la Guerre“ („Vom Kriege“) zitiert den Titel des berühmten, aber kaum mehr gelesenen Buches von Carl von Clausewitz (1780-1831) - was auch nicht wirklich Aufschluss darüber liefert, worum es geht.

Das Spiel der Irritationen ist eröffnet. Der im Schlüsseljahr 1968 geborene Regisseur Bertrand Bonello versucht mit seinen Filmen, schnellen Zuordnungen zu entkommen. Er schlägt Haken und legt Spuren, die sich naheliegenden Interpretationen entziehen. Bonello ist ein zu spät geborener Sohn seiner Nouvelle-Vague-Überväter – ihm sind aber auch die Rettungsversuche der Postmoderne fremd. So gelingt es ihm mit jedem Film, innere Landschaften zu entwerfen und Zuschauer dazu einzuladen, ihn bei seinen Exkursionen zu begleiten.

In „L’ Apollonide“ (Haus der Sünde, 2011) beschreibt er ein Bordell als einen von Zeit und Moral enthobenen Raum. „Le Pornographe“ (2001) lässt Jean-Pierre Léaud als alternden Porno-Regisseur durch eine Medienwelt wanken, die er selbst nicht mehr versteht. „Tiresia“ (2003) begleitet eine brasilianische Transsexuelle durch Paris. „Nocturama“ (2016) porträtiert eine Gruppe von Teenagern, denen bei ihren Aktionen selbst nicht klar ist, ob sie die Welt retten oder vernichten wollen.

Bonellos jüngster Film namens „Zombie Child“ ist soeben in den deutschen Kinos gestartet. Eine junge Frau aus Haïti weiht darin ihre Mitschülerinnen an einer Pariser Eliteschule in uralte Voodoo-Praktiken ein. Dabei wird ein Bogen von der französischen Kolonialgeschichte über aktuelle postkoloniale Traumata, bis hin zu simplen Nöten Heranwachsender geschlagen. Bonello ist weder Moralist noch Analytiker. Er sammelt Phänomene, zuletzt triumphiert immer die Poesie. Sein Film „De la Guerre“ schließt mit Bob Dylan.

Walk on the Wild Side – Die Filme von Bertrand Bonello, Arsenal, noch bis zum 25. Oktober. „De la Guerre“ läuft am 24. Oktober um 20 Uhr.