Es geschieht nicht allzu häufig, dass deutsche Landgerichte zu Weltruhm gelangen. Dem Kölner Landgericht ist dies mit seinem Urteil zur Beschneidung minderjähriger männlicher Kinder gelungen. Von Kairo und Tel Aviv über Paris bis nach New York wurde das Urteil in den Medien aufgegriffen. Auf Internetseiten wie der liberalen israelisch-palästinensischen „+972“ kann man verfolgen, welch große Werte dabei auf dem Spiel stehen: Es geht neben der eigentlichen Frage nach dem Glauben und dem Rang eines religiösen Gebots auch um Identität, Tradition und Zusammengehörigkeitsgefühl.

Die Kölner Richter haben eine im Judentum und Islam seit Jahrhunderten und Jahrtausenden verbreitete Praxis als irreversible Körperverletzung interpretiert, die mit dem grundgesetzlich verbrieften Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht vereinbar ist. Das Landgericht kommt zu dem Schluss, dass das Erziehungsrecht der Eltern nicht über Gebühr eingeschränkt wird, wenn sie mit dem Ritus so lange abwarten, bis das Kind mündig geworden ist, also selber über den Eingriff entscheiden kann.

Das klingt zunächst einmal einleuchtend. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen religiösen Initiationsriten hinterlässt die Beschneidung eine Spur, die nicht mehr zu beseitigen ist. Die Entscheidung über sie wird nicht vom Kind selbst getroffen, das in dem Lebensalter, das die Religionen für die Beschneidung vorsehen, dafür noch zu jung ist, sondern von den Eltern. Der junge Mann muss später mit den Folgen dieser Entscheidung leben, unabhängig davon, ob er sich weiter zur Religion seiner Eltern bekennt und unabhängig davon, ob er das körperliche Zeichen als existenziellen Bestandteil seiner religiösen Identität betrachtet. In jedem Fall hat er mit einem körperlichen Merkmal zu leben – auch wenn die Meinungen über dessen Auswirkungen stark auseinandergehen. Konsens besteht lediglich darin, dass die Beschneidung von Jungen keineswegs ein solch massiver, gar barbarischer Akt ist wie die Beschneidung von Mädchen.

Verbot schränkt jüdisches Leben ein

Infolge dieses Urteils herrscht nun eine große Verunsicherung. Denn alle diejenigen, die religiös motivierte Beschneidungen durchführen, setzen sich nun der Gefahr aus, strafrechtlich belangt zu werden. Eine rasche Klärung der Situation ist also geboten. Dabei ist die rein rechtliche Seite nur ein Teil der Lösung, zumal bei der Beschneidung von Jungen vor dem Hintergrund ihrer uralten Praxis bisher von einem Gewohnheitsrecht ausgegangen werden kann. Wie bei anderen Fragen des Zusammenlebens in einer multikulturellen Realität müssen den rechtlichen Abwägungen pragmatische zur Seite gestellt werden. Diese Realität ist auf der einen Seite durch eine abnehmende Rolle der großen „alten“ Religionen, auf der anderen Seite aber auch durch eine zunehmende Diversifizierung der religiösen Bekenntnisse geprägt ist. Die Gesellschaft muss darüber befinden, unter welchen Bedingungen sie welche religiöse Traditionen akzeptiert.

Dabei müssen wir zunächst den Charakter und die Verbreitung des religiösen Ritus und die Art des Grundrechtseinschnitts betrachten. Im Falle der männlichen Beschneidung im Kindesalter handelt es sich um ein Gebot, das von der jüdischen Lehrmeinung fast einhellig und von der muslimischen mit großer Mehrheit vertreten wird.

Es ist kulturell so fest verwurzelt, dass es sich nicht per Dekret verbieten lassen wird. Wenn auch die Zahl der Juden, die seine Notwendigkeit infrage stellt, zunimmt, so steckt dieser Diskussionsprozess in der jüdischen Gemeinschaft noch in den Anfängen. Ein Verbot der Beschneidung würde also das jüdische Leben in Deutschland stark einschränken. Die Lage ist in den muslimischen Familien weniger eindeutig – vor allem was das Alter der beschnittenen Jungen betrifft. So gibt es Beschneidungen bei Neugeborenen genauso wie auch bei Pubertierenden.

Dennoch können wir davon ausgehen, dass die Beschneidung ihrer jungen Söhne für viele Muslime ebenfalls wesentlicher Teil ihrer religiösen Identität ist. Auch hier würde das Gemeindeleben gestört. Juden und Muslime würden für die Beschneidung ins Ausland fahren oder den Eingriff unter medizinisch fragwürdigen Bedingungen im Verborgenen ausführen.

Medizinisch verträgliche Form einfordern

Im Gegensatz dazu steht die Art des Eingriffs in die körperliche Unversehrtheit. Man kann sie nicht einfach wegwischen. Und im Falle der jüdischen Beschneidung, die in der Regel ohne Betäubung durchgeführt wird, kommt eine große Schmerzbelastung für das Kind hinzu. Dennoch sind die Langzeitfolgen aus wissenschaftlicher Sicht begrenzt: Die amerikanische Gesellschaft für Pädiatrie konstatiert, dass die männliche Beschneidung dem Stand der Forschung zufolge keine gravierenden Folgen für die sexuelle Empfindungsfähigkeit des Mannes hat. Die Spur, die sie hinterlässt, ist andererseits auch nicht exklusiv religiös konnotiert, denn sie wird nicht nur von einer Religion und nicht nur aus religiösen Gründen durchgeführt.

Die Praxis scheint also zumindest hinnehmbar. Ihrem Verbot steht die Gefahr entgegen, die gängig akzeptierte Praxis zweier Weltreligionen, die in Deutschland fest verwurzelt sind, zu kriminalisieren. Eine ihrer Traditionen würde in Hinterzimmer und ins Ausland verdrängt. Wir tun gut daran, diesen Schritt nicht zu gehen und eine gesetzliche Klarstellung zu schaffen. Sie muss darauf drängen, die Eltern über die Risiken aufzuklären und eine medizinisch möglichst verträgliche Form des Ritus einzufordern.

Der Umgang mit religiösen Vorschriften ist einem geschichtlichen Wandel unterworfen. Dieser Wandel wird von Diskussionsprozessen innerhalb der Gemeinden getragen. Sie können zu Wegen führen, den Glauben und die Lebensrealität der Gläubigen zu vereinbaren – sodass heute etwa katholische Einrichtungen Beratungen anbieten, die rechtliche Voraussetzung für einen möglichen Schwangerschaftsabbruch sind. Ähnliches gilt auch für die Debatte um männliche Beschneidung. Sie muss in den Religionsgemeinschaften selbst stattfinden. Dass sie begonnen hat, ist alles andere als falsch.