Nach einer Anzeige von Volksbühnen-Intendant Chris Dercon wegen Hausfriedensbruchs hat die Polizei am Donnerstag die Volksbühne geräumt. Damit ist die siebentägige Besetzung des Theaters zu Ende. 

Die Aktivisten versammeln sich seitdem vor der Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Gegen 16 Uhr, gut zwei Stunden nach Räumung durch Polizisten, hielten die Besetzer und deren Unterstützer dort ein Plenum ab, in dem sie das weitere Vorgehen berieten. Mehrere Redner betonten noch einmal, dass sie ihre Aktion nicht als Besetzung, sondern als Kunstperformance verstanden wissen wollen. Eine Aktivistin bat Volksbühnen-Chef Chris Dercon, die Anzeige gegen die Besetzer zurückzuziehen.

Gegen 20 Uhr wollten die Aktivisten eine Pressemitteilung veröffentlichen, in denen das weitere Vorgehen erläutert wird. Am Freitag soll es zudem um 15 Uhr ein Picknick vor der Volksbühne geben.

Lederer und Dercon äußern sich

Kultursenator Klaus Lederer bedauerte, dass es zu einer Räumung durch die Polizei kommen musste. Allerdings betonte er auch: "Die Volksbühne hatte den Besetzerinnen und Besetzern ein auf Kompromiss orientiertes, gutes Angebot unterbreitet. Die Gruppe hat dies nicht angenommen." Der Polizei dankte er für ihr "umsichtiges" und "hochprofessionelles Handeln".

Dercon äußerte sich ähnlich. Er bedauere, dass das Angebot, den grünen Salon und den Pavillon zu nutzen, nicht angenommen wurde. Die Aktivisten betonten bei ihrem Plenum jedoch explizit, dass sie das Angebot keineswegs abgelehnt hätten.

Mehrere Personen in Gewahrsam genommen

Die Räumung im Vorfeld verlief relativ ruhig. Ab 13.45 Uhr führten die Beamten nach und nach die verbliebenen Besetzer aus einem Seitenausgang des Gebäudes. Umstehende Aktivisten beklatschten die Besetzer, die von den Beamten in Polizeiwagen gebracht wurden. Gegen 14.30 Uhr sagte ein Polizeisprecher der Berliner Zeitung, dass sich keine Personen mehr im Theater aufhalten. 

"Wir haben 21 Personen hinaus begleitet, 5 davon wurden getragen", so die Polizei auf Twitter. Laut den Besetzern wurden mehrere Künstler in Gewahrsam genommen, da ein mitgeführter Kanister mit Kunstblut als Waffe gewertet wurde.

Mittags twitterte die Polizei: "Nach Aufnahme aller Personalien werden die Betroffenen nach draußen begleitet. Die Sicherung des Gebäudes veranlassen Verantwortliche der #Volksbühne."

"Unser Kuenstler*innen werden soeben aus der Buehne getragen. Seid hier und schenkt Ihnen Liebe", schrieben dagegen die Aktivisten. Zudem teilten sie mit, dass sie um 16 Uhr vor der Volksbühne auf der Wiese eine Vollversammlung abhalten wollen - mit Performances und Musik. "Wir machen weiter. Kommt!", heißt es in dem Tweet. Gegen 18 Uhr soll es zudem ein weiteres Plenum geben.

Gegen 13.30 Uhr sagte Polizeisprecher Winfried Wenzel der Berliner Zeitung: "Wir werden jeden einzelnen aus dem Haus begleiten." Zudem würden die Personalien festgestellt. Dieses Vorgehen sei der Wunsch von Intendant Dercon und mit der Senatskulturverwaltung abgestimmt. Nur wenige Personen befanden sich nach Polizeiangaben zu diesem Zeitpunkt noch im Gebäude. 

Chris Dercon erstattete Anzeige wegen Volksbühnen-Besetzung

Dercon hatte gegen 13 Uhr die Anzeige gestellt. "Ein Teil der unberechtigt Anwesenden hat angekündigt die #Volksbühne nicht verlassen zu wollen. Ein Anzeige wegen Hausfriedensbruchs liegt uns jetzt vor", twitterte die Polizei. 

Damit lag die Voraussetzung für die Räumung vor: Ein Polizeisprecher erklärte am Vormittag, erst wenn Dercon als Hausherr die Strafanzeige stelle, werde die Polizei aktiv und räume. 

Vor dem Theater versammelten sich rund 100 Demonstranten, um gegen die Räumung zu protestieren. 

Zuvor hatten einige Besetzer erklärt, die Volksbühne nicht verlassen zu wollen. Gegen 12.30 Uhr trat die Aktivistin Sarah Waterfeld vor die Presse und erklärte, dass die Besetzer nicht aufgeben würden. Unter dem Applaus von weiteren Aktivisten sagte sie: "Wir wollen die Inszenierung, die seit Wochen vorbereitet wird, weiterführen." Es solle noch eine Abschlussperformance geben. Dennoch tragen Aktivisten Gegenstände aus dem Theater, zum Beispiel Lautsprecher und Musikanlagen, und räumen sie in einen Kleintransporter.

Auf Twitter teilten die Aktivisten mit: "Die Performance geht weiter - drinnen und draussen (Wiese) bei strahlendem Sonnenschein. Kommt rum, macht mit."

Besetzer verhandelten mit Intendant Chris Dercon 

Zuvor hatte es Verhandlungen mit dem Intendanten Chris Dercon gegeben, immer mehr Aktivisten verließen das Theater. "Wir hätten das Angebot mit dem Grünen Salon annehmen sollen", sagte eine Besetzerin der Berliner Zeitung. Einige trugen Materialien, etwa aus der Suppenküche, nach draußen.  Gegen 12 Uhr waren nur noch wenige Personen im Gebäude.

Die Polizei hatte zuvor die Räumung vorbereitet. Drei Polizei-Hundertschaften postierten sich ab 9.30 Uhr rund um die Volksbühne. Etwa 50 Polizisten betraten das von Kunst- und Politaktivisten besetzte Theater am Rosa-Luxemburg-Platz. Insgesamt waren 200 Beamte vor Ort.

Mehr als ein Dutzend Mannschaftswagen waren vor dem Theater aufgefahren, die Straßen rundherum wurden weiträumig abgesperrt. "Während in der #Volksbühne die Gespräche stattfinden, stehen unsere Kolleg. davor und sperren den Zugang ab. Auch Innen verschaffen wir uns ein Bild", teilte die Polizei via Twitter mit. Auch Journalisten mussten "auf Wunsch des Hausherrn" das Theater verlassen. Intendant Chris Dercon verhandelte rund eineinhalb Stunden mit der Besetzern und bat sie, das Theater zu verlassen.

Den Besetzern sei angeboten worden, das Theater freiwillig bei Verzicht auf eine Strafverfolgung zu verlassen, teilte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) am Vormittag im Berliner Abgeordnetenhaus mit. „Andernfalls wird geräumt.“ Bei Gesprächen am Mittwochabend mit den Besetzern habe der Senat nochmals deutlich gemacht, „dass wir die Besetzung nicht akzeptieren werden“, so Lederer. Die Besetzer seien aber auf Angebote, die Situation zu lösen, nicht eingegangen.

Wie die Polizei weiter mitteilte, hätten bereits Personen freiwillig das Theater verlassen, als die Beamten eintrafen. 

Volksbühnen-Besetzer: "Staatlicher Angriff auf eine laufende Performance"

Die Besetzer äußerten sich auf Twitter. "Wir haben Besuch. Die @polizeiberlin ist im Haus und erkundet in Schwärmen die Räume. Wir frühstücken im Foyer", schrieben die Aktivisten. Weiter sprachen sie von einem "staatlichen Angriff auf eine laufende Performance". 

Rund 100 Politaktivisten hatten am vergangenen Freitag die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz besetzt und gegen den neuen Intendanten protestiert. Um Dercon - Nachfolger von Frank Castorf - und die zukünftige Ausrichtung der Volksbühne gibt es seit Monaten Streit. Im Volksbühnen-Stammhaus sind ab November Aufführungen des Dercon-Teams geplant. Derzeit finden Vorstellungen nur am zweiten Spielort auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof statt.

Senat und Volksbühne hatten den Besetzern zuletzt angeboten, zwei Räume in dem Theater zu nutzen. Dieses Angebot ließen die Aktivisten jedoch unbeantwortet. (mit dpa)