„Bestandsaufnahme Gurlitt“ im Martin-Gropius-Bau: Geraubte und gerettete Bilder

Also, „durch“, wie es im Pressejargon heißt, ist das seit 2013 präsente Skandalthema, das in Büchern, einem Film und spektakulären Ausstellungen in Bonn und Bern – das dortige Kunstmuseum erbte das komplette verdächtige Kunstgut – bearbeitet wurde, noch lange nicht. Am „Schwabinger Kunstfund“, dieser so aufregenden wie fatalen Mixtur aus Kriminalität und Rettung durch den Kunsthändler und Hitlers Kunsteinkäufer Hildebrand Gurlitt (1895 – 1956) dürfte noch die nächste Generation von Provenienzforschern zu puzzeln haben.

Dass es ab heute auch im Berliner Martin-Gropius-Bau, in sämtlichen Sälen einer ganzen Etage die aktuellste „Bestandsaufnahme Gurlitt“ zu sehen gibt, kann Kunst- wie Geschichtsinteressierten gar nicht mit genug Nachdruck empfohlen werden. Rund 1500 Kunstwerke hatte der Zoll in den Münchner und Salzburger Behausungen des wie ein Eremit lebenden, 2014 verstorbenen Gurlitt-Sohnes Cornelius entdeckt.

Es ist Raubkunst

Der alte Mann wurde zur tragischen Figur eines gesellschaftspolitischen Kunstdramas. Beinahe sein ganzes Leben hatte er mit dem väterlichen Erbe zugebracht, als sei er ein Gefangener dieser geheimen Sammlung. Am Ende wurde er, bereits schwer krank, wie ein Verbrecher vorgeführt. Zunächst stand ja jedes Bild unter dem Verdacht, Raubkunst zu sein. Es wäre an der Zeit, ihn, der die Washingtoner Erklärung noch auf dem Sterbebett anerkannt hatte, postum zu rehabilitieren.

Tatsächlich konnte die Forschung mittlerweile nur bei acht Werken zweifelsfrei feststellen, dass der Verdacht gerechtfertigt war. Diese Bilder wurden oder werden restituiert. Kürzlich waren vier Zeichnungen aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitts verstorbener Schwester Benita hinzugekommen. Deren Erben hatten die der zumeist in KZ ermordeten französisch-jüdischen Sammlerfamilie Deutsch de la Meurthe entzogenen Blätter aus dem 18. Jahrhundert dem Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg zur Prüfung übergeben. Alte Auktionskataloge bestätigten: Es ist Raubkunst.

200 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken

Saal für Saal ist eine unglaubliche, thematisch wie zeitlich disparate Kunstsammlung ausgebreitet, von der die Welt lange nichts wusste und deren politisch-historische Brisanz die Alliierten nach 1945 ignoriert hatten. Sie ließen dem flugs „entnazifizierten“ Hildebrand Gurlitt damals alle Bilder. Eine Rauminstallation im Gropius-Bau erzählt davon. Nach dem Krieg Kunstvereinsleiter im Rheinland, stellte er sogar aus, schließlich stand er doch als Retter der von den Nazis verfemten Kunst da. Die nach der spektakulären Entdeckung 2013 von der Bundesregierung berufene Task Force, später das Zentrum für Kulturgutverluste, ebenso Fachleute in Bonn und im von Cornelius Gurlitt – durchaus auch belastend – beschenkten Berner Museum leisteten immense akribische Arbeit, dies bereits für die bis März 2018 gezeigten Ausstellungen in Bern und Bonn.

In Berlin nun ist man auf dem neuesten Stand: 200 Bildwerke – Gemälde, Zeichnungen, Grafiken – aus der Sammlung des Kunstliebhabers und zugleich Hitlers „Chefeinkäufer“ Hildebrand Gurlitt haben wir vor Augen, eng verkoppelt mit der gespaltenen Biografie des höchst widersprüchlichen Sammlers und Händlers, der einerseits die Kunst liebte, sich für die (bei den Nazis verfemte) Avantgarde einsetzte, die Expressionisten förderte, als Museumsdirektor geschasst wurde, zig „entartete“ Werke vor Vernichtung oder dem Verhökern bewahrte. Der aber im gleichen Atemzug skrupellos jüdischen Sammlern in Notlage deren Schätze abluchste und sich dem Naziregime andiente.

Europäische Dimension von Kunstraub

Eine Menge Dokumente ergänzen die Bilderfolgen, erhellen, soweit belegbar, deren Geschichte. Auf den Infoschildern verfolgt man die oft verschlungenen Wege des jeweiligen Werkes und das Schicksal seiner Vorbesitzer. Und bei 90 Prozent gibt es die erleichternde Auskunft: bislang keine Raubkunst nachgewiesen oder Provenienz noch nicht geklärt. Das betrifft Monets „Waterloo-Bridge“ von 1903, laut einem Zettel auf der Rückseite von Gurlitts Mutter das Geschenk zu seiner Hochzeit 1923. Angeblich, denn diesen Beleg schrieb er erst 1938. Eine Klärung ist schwierig. Etwas leichter war es da schon, Liebermanns „Zwei Reiter am Strand“ bereits 2015 an die Nachfahren des jüdischen Sammlers David Friedmann zu restituieren und gleich darauf die „Sitzende Frau“ von Matisse an die Familie Rosenberg. Letztes Jahr bekamen die Erben von Elsa Cohen Menzels Zeichnung einer gotischen Kirche zurück und die Nachfahren von Max Heilbronn das Pont-Neuf-Gemälde von Pissarro.

In Berlin wird auch weit stärker der Blick auf die NS-Aktion „Entartete Kunst“ von 1937 gelenkt und das Thema Kunstraub in eine europäische Dimension gestellt. Gurlitt war ja keinesfalls ein Einzel-Täter, sondern Teil eines straff organisierten perfiden Systems, dem namhafte Kunstleute dienten. Auch bekommen der „Handelsplatz Paris“ mit seinen dubiosen Strukturen und die schändlichen Pläne für das „Führermuseum Linz“ zusätzlichen Raum. Entlarvt wird dabei der schwülstige Kunstgeschmack Hitlers.

Spannend führt die Schau all jene „Fallbeispiele“ vor, bei denen bisherige Nachforschungen erfolgreich waren. So können Bilder entweder vom Verdacht der Raubkunst freigesprochen werden, wie etwa das Bildnis einer jungen Frau des Brücke-Expressionisten Otto Mueller, das Bern nun erleichtert sein Eigen nennen darf. Umso bedenklicher das Beispiel Max und Martha Liebermann: Bilder des preußischen Impressionisten tragen den Vermerk: Provenienz in Klärung. Als die Witwe des Malers sich 1943, vor der drohenden Deportation, das Leben nahm, verschwanden aus der beschlagnahmten Wohnung auch Bilder. Ob diese sich unter den 70 zum Gurlitt-Fund gehörenden Werken befinden, harrt der Klärung. Es kann dauern.

Martin-Gropius Bau, Niederkirchener Str. 7., bis 7. Januar 2019. Mi–Mo 10–19 Uhr.