Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ hat sich bis heute mehr als 2,2 Millionen Mal verkauft und wurde in mehr als 25 Ländern veröffentlicht. Unmittelbar nach ihrem Erscheinen im September 2010 wurde die Geschichte über die Freundschaft eines 14-jährigen Außenseiters mit einem gleichaltrigen Spätaussiedler aus Russland, die den deutschen Osten einen Sommer lang in einem geklauten Lada erkunden, zum Phänomen. An den Theatern wurde „Tschick“ seither 52 Mal inszeniert. Allein in der Spielzeit 2014/2015 wurde das Stück 1156 Mal aufgeführt.

So viel Erfolg kann eine große Last sein für den, der eine Kinoadaption angeht, die garantiert am Buch gemessen werden wird. Dabei türmte sich in diesem Fall nicht allein die Bestsellergeschichte der Vorlage als Schwierigkeitsgebirge auf. Nein, auch die Geschichte des Autors war zu bedenken: Wer Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“ gelesen hat, weiß dass sein Urheber ein passionierter Filmfreund war.

Unmittelbar nach Erscheinen des Buchs gingen die ersten Anfragen zu den Filmrechten ein, doch Herrndorf wollte auf keinen Fall, dass sein Roman als deutsche Comedy verfilmt wird. Bereits todkrank legte er noch fest, dass sein Freund Lars Hubrich das Drehbuch schreiben sollte. Mit Fatih Akin wurde – nach dem David Wnendt ausgestiegen war – ein Regisseur gefunden, der sich vor „Tschick“ nicht fürchtete und zudem einen internationalen Ruf genießt als Filmemacher. Gemeinsam mit Hubrich und seinem Mentor Hark Bohm hat Akin das Drehbuch noch einmal gründlich überarbeitet.

Nun ist der Film in der Welt; an diesem Montag feiert er im Berliner Kino International Premiere. Akins „Tschick“ beginnt mit Maiks fragmentierter Wahrnehmung nach dem Unfall im Lada und einer Rückblende auf die Schultage vor den großen Ferien. Vor versammelter Klasse liest Maik aus seinem unerwünscht wahrhaftigen Aufsatz über seine alkoholkranke Mutter vor, was ihm den Beinamen „Psycho“ einbringt. Nur Andrej Tschichatschow, der Neue aus Russland, gibt sich mit Maik ab. Tschick, „der Assi“, und Maik, „der Psycho“, finden zusammen, eine Notgemeinschaft. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zum Erwachsenwerden.

Die ersten Szenen von Akins Film werden regelrecht geflutet von Energie, Farben und inszenatorischer Dringlichkeit. Erzählt wird aus Maiks Perspektive: Seine Ich-Stimme aus dem Buch wird im Film wiederholt als Voice-Over umgesetzt. Maiks Mutter ist im Entzug, der Vater mit der Assistentin auf „Geschäftsreise“. Zwei 14-jährige Jungs bleiben wochenlang sich selbst überlassen und probieren aus, was sie sich trauen und wieweit sie damit kommen. Ohne Karte und Kompass fahren sie im gestohlenen Auto durch die ostdeutsche Provinz, begegnen „Adel auf dem Radel“ oder Risi-Bisi-Familien mit zahlreichen Kindern – ein karikierender Querschnitt durch die Gesellschaft.

Wunderbare Sätze und Szenen enthält der Roman; nicht alle wird man im Film so gewichtet finden wie in der Vorlage. Wahrhaftigkeit und Würde waren Akins erklärte Leitbegriffe bei der Verfilmung, aber er setzt durchaus andere Schwerpunkte als der Roman, den er nicht nur bebildern wollte. Akin hat am meisten interessiert, dass jemand wie Maik in ein Mädchen verliebt ist, das ihn nicht beachtet. Die Erfahrungen, die Maik, der Schüchterne, gemeinsam mit Tschick, dem Tatkräftigen, sammelt, machen ihn in den Augen der anderen interessant und Maik selbstbewusst.

Hinreißende Hauptdarsteller

Das Kino kennt einen Begriff für solche Geschichten: Coming-Of-Age-Filme, sie bilden ein eigenes Genre. Unterwegs zu sein, auch zu sich selbst, ist wiederum das Wesen des Road Movie, das sich nicht selten mit dem Coming-of-Age verzwittert – beide zusammen ergeben die ideale Kombination von psychologischer Figurenentwicklung und Action.

Hinreißend sind Anand Batbileg und Tristan Göbel, die jugendlichen Hauptdarsteller. Für Batbileg ist die Rolle des Tschick seine erste überhaupt. Göbel, der Maik verkörpert, war schon des öfteren im Kino zu sehen. Bei den Dreharbeiten waren die beiden 13 Jahre alt. Batbileg lernte von einem Stuntman, wie man Auto fährt – nun wirkt es genauso, wie es sollte: Gleichermaßen großspurig wie unsicher. Fatih Akin hat seinen Film im Format 1:1,85 gedreht, weil Batbileg zu Beginn der Dreharbeiten viel größer war als Maik – es sollten ja beide aber auch gleichzeitig ins Bild.

Ist nun das Lebensgefühl des Romans getroffen? Das ist es – in der vollkommenen Gegenwärtigkeit der beiden Helden, auch in Maiks durch Akin gewitzt visualisierten Fantasien, etwa wenn sich der Junge einen Western-Shoot vorstellt, als sich der Vater mit der Geliebten davon macht. Diese Szene gibt es im Buch nicht; überhaupt betont Akin in seiner Verfilmung das Aktive, Hoffnungsvolle. Eine Schlüsselstelle im Roman ist jene, als Tschick und Maik in die Sterne gucken und begreifen, wie klein und endlich sie sind. Im Film ragen dabei Windräder in den Himmel.