„Die sieben  Todsünden“ malte Otto Dix, scharfer Beobachter der Weimarer Republik, 1933,  dem Jahr der Machtergreifung Hitlers. Und die Deutschen ließen den Sündenfall zu. 
Foto: Kunsthalle Karlsruhe/ VG BIldkunst Bonn 2020

BerlinWas ist heute eine Sünde? Bislang galt in unserer Wohlstandsgesellschaft, die auf 75 Jahre Frieden zurückblickt, wohl nur ein Verstoß gegen die soziale Verkehrsordnung als solche. Insofern Schuld, Gewissensbisse und Herzdrücker damit verbunden waren, war die Sache ein Fall für Therapien – und in jedem Fall verhandelbar. Wir Menschen der Spätmoderne nahmen Tschernobyl, die Ölpest im Golf von Mexiko, den Tsunami, Fukushima, Ebola-Ausbrüche und Dürre in Afrika zur Kenntnis – als Folgen sündhaften Verhaltens deuteten wir solche Ereignisse nur ungern. Die Klimaveränderungen und Umweltschäden setzten uns zwar zu, wissenschaftliche Erkenntnisse schlugen wir aber in den Wind. Das Mahnen ging, wie paradox, von der Jugend aus. Wir dagegen machten weiter: mehr, mehr, mehr.

Spätestens jetzt, da ein Virus die globalisierte Welt heimsucht, sollten wir wissen, das man Geld nicht essen kann. Dass die Natur zurückschlägt auf Menschen, die sich achtlos und sorglos alles herausnahmen, alles  zu beherrschen glaubten. Und es kann gar nicht schaden, sich einmal den drastischen Sprachbildern der Bibel und allegorischen Bildwerken zuzuwenden, die Heimsuchungen als Strafe für Sünden verhandeln.

Die sieben Todsünden – Neid, Hochmut, Geiz, Zorn, Wollust, Völlerei, Trägheit – listete schon Papst Gregor im 6. Jahrhundert als jene Hauptlaster auf, die geradewegs in die ewige Verdammnis führten. Seit dem Mittelalter war das ein großes Thema für Künstler. Hier soll stellvertretend und epochenübergreifend von zweien die Rede sein: dem Renaissancemaler Albrecht Dürer und dem Expressionisten   Otto Dix. Mit nur 26 Jahren schuf Dürer ein Werk, das ihn mit einem Schlag berühmt machte: die 15 Holzschnitte der „Apokalypse“, Blätter voller Wucht. Düster brach   das Buch vom Ende der Welt aus ihm heraus: Flammen züngeln, Wolkenbänder winden sich wie Gedärm. Die vier apokalyptischen Reiter mit dem Wahnsinn im Blick bringen Tod, Hunger, Elend; die Hure Babylon ist der Pfuhl für Seuchen und   Verderben. Ungeheuer und Chimären übernehmen die Macht. Und der Zorn Gottes straft Gerechte wie Ungerechte.

Albrecht Dürers Blatt 11: „Das Tier aus dem Meer und das Tier aus der Erde“ aus dem 15-teiligen Holzschnittzyklus der „Apokalypse“, den Dürer 1494 nach einem Aufenthalt in Italien schuf. Allegorisch illustrierte er darin die Todsünden und die biblischen Strafen dafür. 
Foto: Imago Images

Sehr wahrscheinlich hatte Otto Dix die Dürer-Blätter studiert und sich dabei ermutigt gefühlt in seinem schonungslosen Blick auf die Gesellschaft um 1933: Seine „Sieben Todsünden“, in altmeisterlicher, lasierender Technik und grellen Farben inszeniert, sind ein karnevalesker Aufmarsch des Monströsen. Die Todsünden sind von links nach rechts in aufsteigender Reihe angeordnet. Ein makabrer Zug, der eine tote Welt zurücklässt. Auf der von bröckelndem Putz gezeichneten Mauer erscheinen Verse des Philosophen Nietzsche: „Die Wüste wächst. Weh dem, der Wüsten birgt.“

Das Gemälde hat viele Deutungen erfahren. Die einen sehen darin vor allem eine Warnung vor politischem Unheil. Bestärkt wird das durch den Hitlerschnurrbart des kindhaften „Neides“, den der Künstler allerdings erst 1947 nachträglich aufgemalt hat. Andere sehen, in einem zeitlosen, allgemeinen Sinne, dass das Bild die menschlichen Laster schlechthin versinnbildlicht, von der maßlosen Gier bis hin zur Gleichgültigkeit. Und somit besitzt es damit gerade   derzeit wieder große Aktualität.

Die ganze Welt ist heimgesucht von einem Virus, gegen das es noch kein Gegenmittel gibt. Verschwörungstheorien und Mythen haben Konjunktur. Das ist alles andere als hilfreich. Die Menschheit muss sich besinnen. Ein „Weiter so“ darf es nicht geben.