In Zeiten, da von der Entfremdung zwischen Deutschland und Russland viel die Rede ist, ist es doppelt schön, wenn man feststellen darf: Das Verbindende wächst weiterhin. Es wächst langsam und still wie alles Gute, aber es trägt reiche Früchte. Am Donnerstagabend hat im Moskauer Puschkin-Museum eine Ausstellung eröffnet, die nicht nur die deutschen Maler Lucas Cranach den Älteren (ca. 1472-1553) und den Jüngeren (1515-1586) mitsamt ihren Werkstätten dem russischen Publikum vorstellt, sondern die eine vom Krieg getrennte deutsche Sammlung zum ersten Mal wieder zusammenführt.

Wer sich mit dem Thema „Beutekunst“ auskennt, also den von der Sowjetischen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerten Museumsbeständen, der weiß: Das ist ein politisches Minenfeld, auch nach 70 Jahren und nach mittlerweile mehreren Ausstellungen, die ähnliches geleistet haben.

Ersatz für sowjetische Verluste

Das Puschkin-Museum ist ein klassizistischer Kunsttempel, eröffnet 1912 als bürgerliches Museum der bildenden Künste. Die Reise nach Deutschland, Flandern oder Italien konnte der kunsthungrige Moskauer seither bei sich zu Hause unternehmen – es gab ganze Kirchenportale und Großskulpturen in Kopie. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Museum durch deutsche Luftangriffe beschädigt wurde, erhielt es aus dem besetzten Deutschland Kunst, die als Ersatz für sowjetische Verluste abtransportiert worden war.

Darunter waren auch Werke der Cranachs aus Schloss Friedenstein, der prächtigen Barock-Residenz der Herzöge von Sachsen-Gotha. Cranach der Ältere war zur Zeit der Reformation Hofmaler dreier sächsischer Kurfürsten gewesen. Die Sammlung aus Thüringen wurde so 1946 auseinandergerissen. In Moskau hängen die Werke nun wieder nebeneinander, in zwei prächtigen Sälen des Obergeschosses. Dazu kommen Cranach-Werke aus der Petersburger Eremitage (etwa das berühmte „Venus und Amor“ von Lucas Cranach dem Älteren), aus Prag und Budapest, sowie eine anmutig sich erdolchende Lucrezia aus Nischni-Nowgorod.

Das Moskauer Publikum, das zeigte der Andrang am Donnerstagabend, weiß die Gelegenheit zu schätzen, diese Werke beisammen zu sehen. Zum ersten Mal kann es den intensiven Blick der blauen Augen Jesu auf sich ruhen sehen, im ungewöhnlichen Bild des erwachsenen „Christus und Maria“ des älteren Cranach. Es ist das wohl bekannteste Werk, das aus Gotha angereist ist. Und mit Verwunderung vertiefen sich die Moskauer in das von Luthers Geist getränkte allegorische Bild „Gesetz und Gnade“. Es hängt nun gleich neben einer Darstellung von Adam und Eva, die 1946 nach Moskau kam und hier blieb. Einen Saal weiter hängen die Druckgrafiken der Cranachs – etwa zwei Wimmelbilder von Turnieren, eines aus Deutschland, eines aus Russland. Man möchte am liebsten wie ein Kind zum Buntstift greifen und die ineinander verkeilten Leiber der Ritter ausmalen.

Neun Cranach-Gemälde und 14 Cranach-Grafiken hat die Gothaer Stiftung Schloss Friedenstein nach Moskau gebracht. Dass eine Kleinstadt von nicht einmal 50000 Einwohnern solche Schätze besitzt, hat im zentralistischen Russland natürlich für Verblüffung gesorgt. Es zeugt von der großen Offenheit des Puschkin-Museums, ebenso wie von der Beharrlichkeit der Gothaer, dass die ungleichen Partner sich vereinten. Schon vor fünf Jahren hatte der Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch erste Kontakte geknüpft.

Vertrauensvolles Verhältnis zwischen Museumsdirektoren

Damals wurde das Puschkin-Museum noch von Irina Antonowa geleitet; die hatte als junge Frau selbst noch die eintreffenden Kisten mit Beutegut aus Deutschland im Puschkin-Museum ausgepackt und galt als schwierige Partnerin. Fünf Jahrzehnte war sie Museumschefin und verbarg bis in die 1990er, welche deutschen Bestände in Moskau lagerten. Das Misstrauen der Kriegsgeneration war groß, und die juristischen Positionen sind ja tatsächlich weiterhin unvereinbar – deshalb kann diese Ausstellung auch nicht in Deutschland gezeigt werden. Die 1946 aus Deutschland abtransportieren Bilder würden bei ihrer Rückkehr beschlagnahmt.

Zwischen der rührigen neuen Direktorin des Puschkin-Museums, Marina Loschak, und dem Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein, Martin Eberle, herrscht offenbar ein vertrauensvolles, herzliches Verhältnis. Es hilft, dass Eberle die russische Position würdigt. Die sowjetische Armee, sagt er, habe nach dem Krieg die Gothaer Sammlungen vor Raub und Zerstörung bewahrt; dafür sei man ebenso dankbar wie für die Rückgabewelle in den 1950ern, als wertvolle Bestände in die DDR fanden. 21 von ursprünglich 40 Cranach-Gemälden erhielt Gotha 1958 zurück. „Wir müssen da auch etwas Demut lernen“, sagt er.

Stolz ist er, zu Recht, dass das Puschkin-Museum auch eine Gegenleistung erbringt. Wenn schon die aus Gotha entführten Cranachs nicht nach Gotha können, so sollen nun französische Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts dorthin ausgeliehen werden. Es ist eine kleine, aber hochsymbolische Geste.