Was kann, was soll Fotografie? Heute, wo doch jeder Fotograf ist – schnell mal auf die betreffende Smartphone-Taste gedrückt und gepostet. Loredana Nemes macht es sich nicht so einfach. Sie fotografiert noch mit einer klassischen Kamera, mit diesem technischen Aufwand in Schwarz-Weiß. Sie sucht ihre Motive zwischen Schärfe, fast malerischer Unschärfe und Abstraktion. Und sie experimentiert kühn mit Doppelungen, Schärfe-Verschiebungen, abstrahierenden Körper- und Farbkomponenten.

Menschen interessieren sie, soziale Belange und Situationen, Naturmomente, etwa von gierig ums Futter kämpfenden Möwen, woraus sie nahezu Fotomalerei macht. Sie entdeckt uns aber auch Paradoxien, Vertracktheiten, Missverständnisse. Den Surrealismus des Alltäglichen also. Folgerichtig gibt die gebürtige Rumänin ihrer ersten musealen Einzelausstellung in ihrer Wahlheimat Berlin den Titel „Gier Angst Liebe“ und es ist, als spiele sie dabei mit den Worten aus dem biblischen Hohelied des Apostel Paulus im 1. Korintherbrief des Neuen Testaments: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Poetische und dennoch radikal

Nemes Kunst dient der Wahrnehmung des Fremden. Sie erspürt gleichsam die realen wie absurden Ängste, Unsicherheiten, Vorurteile, Befremdungen und Ablehnungen durch Unwissen in unserer Gesellschaft – und zwar der angestammten wie der zugewanderten Bevölkerung. Nemes beobachtet. Sie wertet nicht, etwa in ihrer Neukölln-Serie „Beyond“. Sie stellt nur fest: Menschen sind und leben so. Dazwischen braucht es Toleranz, Akzeptanz. Unabdingbar fürs Zusammenleben, nicht nur im multikulturellen Berlin. „Beyond“, angekauft von der Berlinischen Galerie, fotografierte sie 2008 – 2010 und richtete die Kamera auf die Fremdheit einer völlig anderen Kultur.

Sie nahm dafür die rätselhafte Männerwelt und Männerkultur der türkischen und arabischen Caféhäuser im kunterbunten, aber auch sozial problematischen Stadtbezirk auf, wo der Migrationshintergrund der Bewohner 43,9 Prozent beträgt und sich zugleich die unterschiedlichsten Szenen heimisch fühlen. Von innen, aus den Kaffee-Stuben und Lokalen heraus, in denen man fast nie eine Frau sieht, fotografierte Nemes, die ihre Kindheit in Iran verbrachte, der also die Treffpunkte muslimischer Männer nicht fremd sind, die Straßen und von außen die Gesichter der Männer wie hinter Milchglas. Oder wie unter Eis.

Ihr sind poetische und dennoch radikale Transformationen gelungen, denn die Porträts wirken existenziell und spirituell zugleich. Das linke Motiv der Abbildungen lässt die Umrisse eines Mannes mit markantem Kinnbart sehen. Mit beiden Armen lehnt er sich auf einen Stuhl. Die Gestalt sieht aus, als sei sie von Seifenschaum umhüllt, ein wattiger Schutz. Das rechte Motiv lässt gar an das legendäre Schweißtuch der Veronika mit dem surrealen Abbild Jesu denken. Beim genauen Hinsehen aber entpuppt sich das vermeintliche Tuch als Sicherheits-Fensterglas, strukturiert von winzigen Drahtvierecken. Das Thema Abschottung kommt ins Gedankenspiel. Bedrohung ebenso.

Bilder erzählen von Fremdheit und von Vertrautheit

Und der Mann in der Mitte steckt hinter einem Spitzenschleier. Es könnte aber auch eine opulente Gardine oder eine Tischdecke sein. Jedenfalls erinnert gerade dieses unsichtbar gemachte Gesicht an kulturelle Besonderheiten: an von Männern gemachte Gesetze. Derart verhüllt müssen nur streng muslimische Frauen in die Öffentlichkeit gehen. Zugleich lässt die Aufnahme auch an ähnliche Motive von Fotoklassikern denken: an Man Ray oder Irving Penn. Und so stehe ich in der Berlinischen Galerie vor einem Paradebeispiel der kühnen Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums Fotografie.

„Beyond“, einer von sechs Zyklen in dieser Schau illustriert mitnichten eine islamische Parallelwelt in Neukölln. In ihrer poetischen Ästhetik will die Fotokünstlerin Nemes vielmehr mit unseren Erwartungen spielen und das vermeintlich Fremde, daher Bedrohliche ad absurdum führen. Freilich musste sie ihre bärtigen „Modelle“ geduldig bitten, bei dieser Inszenierung mitzuspielen. Es hat gedauert, bis es gelang. Nun erzählen die Bilder Geschichten von Fremdheit und von Vertrautheit. Von der Normalität der Unterschiede. Nur so ist gutes Miteinanderleben möglich.