Ganz ehrlich?“, entgegnet Enes Akkoyunlu auf die Frage, was in ihm vorging, als der Schlusspfiff in der Partie gegen die zweite Mannschaft von Empor ertönte. „Ich war überglücklich. Es war verrückt. Ich habe jeden, den ich gesehen habe, in die Arme genommen. Ich glaube, ich habe 100 Leute gedrückt.“ Diese Überschwänglichkeit war nicht nur die Freude über einen 2:1-Sieg zum Saisonauftakt in der Bezirksliga, es war für seinen Klub BSV Hürtürkel eine Genugtuung.

Seit November 2016 hatte der Verein aus Neukölln zuvor nicht gewonnen. Das waren 53 Ligaspiele. In den zwei Spielzeiten, in denen man wenig überraschend durch die Ligen nach unten gereicht wurde, setzte es 460 Gegentore. Vorige Saison holte die Mannschaft in der Landesliga nicht mal einen Punkt und stieg mit einer Tordifferenz von minus 278 ab. Die B.Z. nannte Hürtürkel daraufhin den schlechtesten Verein Deutschlands. Dieser Stachel sitzt tief, auch bei Akkoyunlu und Adem Aydin. Die beiden sind seit Anfang der Saison das neue Trainerteam der Männermannschaft. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, auf den Trümmern etwas Neues entstehen zu lassen.

„Wir haben uns einfach gesagt, dass wir was machen müssen“, meint Akkoyunlu, 25. Seit fünf Jahren ist er im Verein. Vorige Saison hatte er hin und wieder die undankbare Aufgabe, das Hürtürkel-Tor zu hüten: „Adem und ich haben hier in den letzten Jahren alles miterlebt – und es war meist einfach zu frustrierend. Niemand hat Lust auf Fußball, wenn man nach 20 Minuten 0:8 hinten liegt und das keine Ausnahme ist.“

Mit Motivation und Liebe

Ein regelmäßiges Training gab es da schon nicht mehr. Gespielt hat, wer überhaupt zum Spiel erschien. Notfalls wurde der Rest kurz vor Anpfiff zusammentelefoniert. Disziplin: Fehlanzeige. Das sind nicht die besten Voraussetzungen, um sich in dem geschundenen Verein für ein Traineramt zu motivieren und diese Überlegungen plagten auch Aydin und Akkoyunlu. „Viele Chancen hat der Klub nicht mehr. Das ist vielleicht eine der letzten“, sagt Aydin. Für die baut das Trainerduo nahezu alles von null auf.

Nur noch drei Akteure der vorigen Saison sind im Kader. Akkoyunlu, der vor einigen Jahren die A-Jugend betreute, rief viele frühere Spieler zusammen. Das Gros des Teams ist deshalb 21 oder 22 Jahre alt. „Überhaupt wieder Leute für Hürtürkel zu begeistern, war eigentlich fast unmöglich“, sagt Akkoyunlu. Hartnäckigkeit und Überredungskunst waren daher nötig, um einen Kader mit 21 Mann auf die Beine zu stellen.

Umso mehr kümmern sich Aydin und Akkoyunlu nun um jegliche Befindlichkeiten. Rund um die Trainingseinheiten gibt es frisches Obst und Getränke. Und jeder Spieler findet seinen Namen auf den rot-weißen Trikots beflockt. Für die Bezirksliga ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

„Das Geheimnis ist Motivation und Liebe“, sagt Akkoyunlu und lacht. Ihre Rollen haben sie gut geteilt. Er soll für die lockere Stimmung da sein, Aydin kommt mit seinen 46 Jahren die etwas strengere Rolle zu. Dies musste Akkoyunlu selbst schon spüren. Als Spieler der zweiten Mannschaft wurde er vom damaligen Trainer Aydin rausgeworfen. „Sein Bauch war schuld“, sagt Aydin. „Nun ja“, sagt Akkoyunlu, während er lachend mit seiner rechten Hand über die Wölbung seines T-Shirts fährt. Man kann wieder gemeinsam lachen bei Hürtürkel.

Das hatte man in den vergangenen Jahren beinah verlernt. „Hier herrschte das Chaos“, sagt Aydin. Finanziell stimmte vieles nicht und auch sonst lief einiges chaotisch. Das Vereinsleben im Klubheim an der Sonnenallee ist zum Erliegen gekommen. Hürtürkel wurde müde belächelt oder – schlimmer – stark bemitleidet. „Ab dieser Saison wird das endlich anders!“, sagt Aydin. Das Trainerduo, das zeigt der erlösende Auftaktsieg, hat nicht nur metaphorisch die Ärmel nach oben gekrempelt.

Doch der Rückhalt hält sich in Grenzen. Selbst im Verein gab es Stimmen, die den beiden nicht viel zugetraut und den nächsten Abstieg prophezeit haben. Motivierend sei das gewesen, sagt Akkoyunlu. Nun wollen sie beweisen, dass man mit Leidenschaft und Einsatz das Ruder herumreißen und die Abwärtsspirale beenden kann – und so vielleicht sogar einen ganzen Klub vor der Bedeutungslosigkeit oder preisgegebenen Lächerlichkeit rettet.

Individuelle Fehler

Die Schritte dafür haben die beiden bereits getan. „Die ersten Männer sind jetzt erst einmal wichtig. Die müssen stehen und wieder Erfolge erzielen, damit man auch die Jugendabteilungen nachhaltig entwickeln kann; und danach den ganzen Verein“, sagt Aydin. Mit 31 Jugendteams hat Hürtürkel die viertgrößte Nachwuchsabteilung Berlins. Der Klub will und muss wieder interessant für Sponsoren werden und natürlich für den eigenen Nachwuchs. Doch erst einmal braucht es eine Perspektive, für die sich die Jugend empfehlen kann. Genau das soll die erste Männermannschaft wieder werden.

Der Auftaktsieg war ein kleines Achtungszeichen. Am gestrigen Sonntag folgte beim Heimspiel gegen Wartenberg ein 0:2, eingeleitet durch ein Eigentor, vollendet durch ein Gegentor in der 6. Minute der Nachspielzeit. „Das ist ärgerlich“, sagt Akkoyunlu, „ein Unentschieden wäre verdient gewesen. Wir sind aber noch nicht erfahren genug und machen noch die individuellen Fehler.“

Sechs Spieler sind zudem noch im Urlaub, sie stoßen erst in den nächsten Wochen zum Kader. Die erste Tabellenhälfte zu erreichen lautet das Ziel. Ganz leise wird an die Plätze weiter oben gedacht. „Die ersten fünf Spiele entscheiden, wo die Reise für uns hingeht“, sagt Adem Aydin. Für Enes Akkoyunlu entscheiden sie wahrscheinlich auch, wie vielen Menschen er nach Schlusspfiff noch um den Hals fallen darf.