Marion Eichmann  in ihrem „Kreuzberg Merkezi“, 2020, Papierschnitte, Pigmenttusche,  zweiteilig.
Foto: VG BIldkunst Bonn 2020/Galerie Tammen/. M. Eichmann/ Roman März

Berlin- Sie steht vor dem Zentrum Kreuzberg, dem als Kreuzberg-Merkezi bekannten Gebäuderiegel, der bis 1974 am Kottbusser Tor erbaut wurde, zwölf Etagen und 367 Wohnungen, großteils wohnen hier türkische Familien. Die Fassade bildet zum Platz hin einen leichten Winkel. Vorgelagert sind 15.000 Quadratmeter Fläche für Gewerbe, zwei Parkhäuser sowie multikulturell angehauchte Restaurants und Imbisse.

Marion Eichmann steht jedoch nicht vor dem Original des heute von der Gewobag verwalteten Stadtquartiers, das gemeinhin als sozialer Brennpunkt bekannt ist. Sie steht in ihrer eigenen Merkezi-Welt, klar strukturiert aus Papier, Karton und Farbe. Sie hat das urbane Wahrzeichen des quirligen und ethnisch heterogenen Berliner Stadtbezirks noch einmal von Neuem geschaffen – als eine ästhetische, spielerische, lebenswerte Utopie aus Formen, Farben, Oberflächen Strukturen und Dimensionen.

Doch Eichmann wertet nicht. Sie zeigt in ihrer Fantasie nur einen „idealen“ Merkezi, wo alles in der Balance zu sein scheint. Das komplexe Werk füllt eine ganze Wand der Kreuzberger Galerie Tammen. Und es sieht aus, als laufe die junge Frau direkt aus dem gelb-schwarz-rot-blauen, seitlich auch rosafarbenen Ensemble heraus. Es ist riesig und in seinen geometrischen Formen akribisch geschnitten, gerissen und geklebt. Kaum zu glauben, dass Eichmann diese Assemblage allein mit ihren beiden Händen schaffen konnte. Aber das hat sie!

An den anderen Wänden hängen noch weitere Motive – von Tankstellen, vom New Yorker Times Square, von Stadtszenen aus Istanbul und Tokio, Spielotheken, Automaten und Blumenauslagen, von Mülltonnen und Waschmaschinen, Caféhäusern und McDonald's-Läden, von Stadttunneln und Verkehrszeichen. All das Alltägliche, Unscheinbare wird hier sensationell, entstanden aus der Großstadt-Faszination Eichmanns heraus. Oft sind die Motive durchsetzt mit den Leitfarben Rot, Gelb, Blau. Als würde sie mit diesem Farbschema, hinterlegt mit Schwarz oder Weiß, die Avantgarde der Moderne befragen: Mondrian, Bart van der Leck, Barnett Newman. Und natürlich Malewitsch.

Eichmann stammt aus Essen, sie ist Jahrgang 1974. Mit ihren hippiehaften Künstler-Eltern ist sie schon als Kleinkind durch die Welt gereist. Kaum konnte sie einen Stift halten, hat sie bereits alles gezeichnet, was sie sah. Und wenn andere kleine Mädchen mit Puppen hantierten, schnitt und riss sie sich ihre überbordende und grenzenlose Spielwelt selbst zurecht, tauchte darin ein. Papier und Stifte waren schon damals stets präsent.

In den 90er-Jahren hat sie erst an der UdK, dann an der Kunsthochschule Weißensee studiert. Schon damals zeigte sich: Eichmann ist anders als andere Bildermacher, entgrenzter. Und zugleich überlässt sie nichts dem Zufall. Das brachte Förderpreise. Eichmann hatte in der Weißenseer Modewerkstatt eine alte Strickmaschine entdeckt und wieder zum Laufen gebracht. Für ihre Abschlussarbeit strickte sie den ganzen Raum, das Mobilar und auch sich selbst in gelb-schwarze Wellenmuster ein. Ein japanischer Modedesigner war fasziniert, holte sie aus dem Stand in den Fernen Osten. Bald aber stellt sie fest, dass diese Szene nicht ihre ist. Sie hielt sich meist in Tokios Cafés auf, fertigte da unentwegt farbenfrohe Scherenschnitte von den anwesenden Gästen, klebte sie zu Schichten übereinander, mit witziger, fast dreidimensionaler Wirkung.

Zurück in Berlin wurde sie gleichsam zu einer eigenwilligen Ur-Ur-Enkelin Matisses. Sie schneidet seither mit offenbar leichter Hand und virtuosem Gestus groß- wie kleinformatige Architekturen und Großstadtszenen in Berlin, Istanbul und New York – aus farbigem Malkarton. Und ebenso grandiose, dreidimensionale Blumensträuße.

Galerie Tammen, Hedemannstr. 14 (Kreuzberg). Bis 29. August, Di–Sa 12–18 Uhr. Und wer bis zum 18. Oktober nach Waiblingen bei Stuttgart kommt, kann dort eine große Eichmann-Retrospektive erleben.