Seit das Eingangstor des alten Mietshauses endlich verschließbar ist, öffnet der Mann, der einst „Florida-Rolf“ genannt wurde, wieder die Wohnungstür, wenn es klingelt. Es kann ja nur ein Nachbar sein, der um eine kleine Gefälligkeit bittet. Und Rolf J. ist dankbar für ein wenig Geselligkeit. Längst sind der kleine Plausch an der Wohnungstür, das zufällige Treffen auf dem Hof, der flüchtige Gruß im Treppenhaus seine einzigen Kontakte. Ansonsten führt Herr J. das Leben vieler Rentner in einer deutschen Großstadt. Es ist ein einsames Leben, einsamer vielleicht als erwünscht. Dabei gab es eine Zeit, da sah Rolf J. keinen anderen Ausweg als den des Rückzugs. Da wollte er möglichst keine Spuren hinterlassen, nicht mehr erkannt werden, einfach untertauchen.

Vor genau zehn Jahren, im heißen Sommer des Jahres 2003, startete die Bild-Zeitung eine Kampagne, die ihre Leser auch in der nachrichtenarmen Zeit zum täglichen Kauf des Blattes bewegen sollte. Die Zeitung hatte von einer Entscheidung des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts (Aktenzeichen: OVG 4 ME 310/03) Kenntnis bekommen, die bestätigte, dass ein 64-jähriger deutscher Frührentner in Florida Sozialhilfe kassieren dürfe. Für die Redakteure von Deutschlands auflagenstärkster Boulevardzeitung war die Sache klar: Ein Abzocker genießt im sonnigen Florida einen sorgenfreien Lebensabend – auf Kosten des deutschen Steuerzahlers. Und so wurde im August 2003 „Florida-Rolf“ geboren.

„Er lacht uns alle aus!“

Mit der Schlagzeile „Er lacht uns alle aus!“ begann die Bild-Zeitung damals eine mehrwöchige Fortsetzungsgeschichte. Das Blatt legte täglich neue Details nach, es waren siebzehn Schlagzeilen in fünf Monaten. Innerhalb weniger Tage kannte ganz Deutschland den „dreisten Sozialschmarotzer“. Bild-Reporter lauerten Rolf J. vor seinem Appartement in der Collins Avenue in Miami auf. Sie machten auch den Amtsrat Stefan Kellenter ausfindig, der im Landessozialamt Hildesheim bereitwillig die „30 Zentimeter dicke Akte“ vorzeigte: „Weil er in Niedersachsen geboren ist, müssen wir zahlen.“

Die damalige Gesetzeslage verpflichtete das Landessozialamt Niedersachsen, Lebensunterhalt und Miete (insgesamt 1 605 Dollar) für Rolf J. nach Miami zu überweisen. J. war nach seiner Scheidung 1979 nach Amerika übergesiedelt und 1983 in Florida ansässig geworden. Er arbeitete als Immobilienmakler, ehe 1985 eine akute Bauchspeicheldrüsenentzündung diagnostiziert wurde. Die Ersparnisse gingen zur Neige. Ende März 1993 beantragte er erstmals in seiner alten Heimat Hilfe zum Lebensunterhalt, da er erwerbsunfähig und mittellos sei und in den USA keine Leistungen erhalte. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigte ihm die Unzumutbarkeit einer Rückführung aufgrund tiefer Depressionen und erhöhter Suizidgefährdung.

Frührentner J. war leistungsberechtigt – so wie 959 Deutsche weltweit. Die Regelung war in der Nachkriegszeit eingeführt worden, um bedürftigen Emigranten eine Rückkehr ins Land der Täter zu ersparen.

Rolf J. hat sich heute, im Sommer 2013, mit dem Leben in einer deutschen Großstadt arrangiert. „Eine spürbare Verschlechterung ist es schon“, sagt er gleich an der Wohnungstür: vom sechzig Quadratmeter großen Appartement in der Collins Avenue von Miami Beach, lediglich zwei Gehminuten vom Sandstrand entfernt, in eine wesentlich kleinere Hinterhofwohnung. Erst jüngst hätten der infernalische Lärm einer Baustelle auf dem Nachbarhof und ein Einbruch sein fragiles Nervensystem arg strapaziert, berichtet Rolf J.

Er führt durch einen langen Flur ins eher zweckmäßig eingerichtete Wohnzimmer. An sein 25-jähriges Amerika-Intermezzo (zunächst Haiti, dann die USA) erinnern nur noch ein paar schlichte Möbel. Seine Körpersprache verrät Unsicherheit; es wird einige Zeit dauern, bis die Reserviertheit weicht. Beim Blick aus dem Fenster ist vom saftigen Grün und blauen Himmel dieses Sommers nichts zu erahnen. Immerhin schützen der Hof und das Vorderhaus den Mieter vor den Zumutungen der Hauptstraße.

#image1

Rolf J. führt die teuerste Neuanschaffung der vergangenen Jahre vor, ein altes Röhrenradio, das er erst kürzlich bei einem Bastler um die Ecke erworben habe. Der Klang ist in der Tat besser als der des wesentlich jüngeren Modells, das in der Küche vor sich hindudelt. Das Küchenradio scheint ebenso permanent zu laufen wie der gerade auf tonlos gestellte Fernseher im Wohnzimmer. Die Medien helfen J. dabei, das allgegenwärtige Alleinsein zu ertragen.

Vor zehn Jahren verführten Zeitungen und Sendungen wie Bild, Explosiv, Brisant oder Taff die (infolge von Rekordarbeitslosigkeit im demoskopischen Tief verharrende) rot-grüne Bundesregierung dazu, Handlungsfähigkeit demonstrieren zu wollen. „Sozialhilfe unter Palmen“, sagte die damalige Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) in die Kameras und Mikrofone, werde es in Zukunft nicht mehr geben. Der entsprechende Paragraph 119 des Bundessozialhilfegesetzes wurde innerhalb weniger Wochen geändert; bereits im Oktober stimmte der Bundestag zu. Nach der Gesetzesverschärfung wird nur noch deutschen Staatsbürgern in ausländischen Krankenhäusern oder Gefängnissen und Überlebenden der Nazidiktatur die Grundsicherung bewilligt.

Kritiker zogen sogleich den Einspareffekt dieser Maßnahme in Zweifel. Der seit langem rückläufige jährliche Haushaltsposten (Stand 2003: 4,3 Millionen Euro) konnte nicht etwa weiter verringert, sondern musste aufgestockt werden. Für die Umzüge fielen Kosten an, die die Sozialämter übernahmen. Außerdem hatten die Rückkehrer wider Willen in Deutschland weitaus höhere Leistungsansprüche als in Ländern mit wesentlich geringeren Lebenshaltungskosten, etwa Polen und Thailand.

Durch einige unbedachte Äußerungen gegenüber Reportern, die ihn in Miami abpassten, heizte Rolf J. im Sommer 2003 die öffentliche Debatte zusätzlich an: Er sei wegen einer „Deutschland-Allergie“ nach Florida gezogen. Seine Landsleute sollten sich „wegen der paar Dollar“ nicht so aufregen. Er habe schon mit 35 Jahren ein Millionenvermögen besessen und stets seine Steuern bezahlt. „Außerdem habe ich meinen Vater im Krieg verloren ... und genug für Deutschland getan.“ Es waren Sätze, die es seinen Widersachern leicht machten, das Bild vom unbelehrbaren Sozialhilfebetrüger zu zeichnen.

Nach ein paar Tagen der kollektiven Erregung urteilten einige Medien differenzierter. Er habe Gesetze nicht verletzt, sondern, gestützt von Gerichtsurteilen, konsequent ausgereizt, argumentierte die Süddeutsche Zeitung. Die Frankfurter Rundschau beobachtete, dass Rot-Grün „unter dem Druck des Boulevards sich selbst derart marginaler Probleme“ annehme. Der Berliner Zeitung drängte sich der Verdacht auf, „dass es um eine Kompensationshandlung geht, die sich aus wachsender Frustration speist.“

Kampfeswille ist Resignation und Milde gewichen

Anfang September 2003 versuchte J., sich live im Fernsehen zur Wehr zu setzen. In der ersten Ausgabe der ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“ war er aus Miami zugeschaltet. (Einen Marktanteil von über 20 Prozent erreichte die Sendung nie wieder.) Rolf J. wies den Vorwurf des Sozialhilfemissbrauchs zurück. Er habe sieben Jahre vor Gericht gekämpft. Von Deutschland sei er längst entfremdet. Gutachter hätten ihn als depressiv und suizidgefährdet eingestuft. Von einem Luxus-Appartement mit Meerblick könne auch keine Rede sein; er lebe in einer Altenwohnanlage. Und an Gerhard Schröder gerichtet sagte ein sichtlich erregter Rolf J.: „Kanzler, ich bin kein Schmarotzer!“

Da die Überweisungen nach einer Übergangsfrist zum 1. April 2004 ausblieben, siedelte J. im Frühjahr nach Deutschland um. Triumphierend veröffentlichte Bild, worauf der „obdachlose Ex-Banker“ jetzt Anspruch habe: 341 Euro Grundsicherung und 50 Prozent Ermäßigung für Theater, Volkshochschulkurse, Bus und Bahn. Bild wusste auch, dass ihm die Stadt Frankfurt am Main ein dreizehn Quadratmeter großes Zimmer in einem Obdachlosen-Wohnheim zugewiesen hatte (was J. ablehnte).

Im Sommer 2004 versuchte die Zeitung, das Thema noch einmal zu beleben. Das Blatt berichtete über ausstehende Gerichtsentscheidungen und rätselte öffentlich über sein Verbleiben: „Oh Schreck! Florida-Rolf ist weg.“ Frankfurts Sozialdezernent Franz Frey (SPD) musste einräumen: „Wir kennen seinen Aufenthaltsort nicht.“ Und J.s Anwalt Michael Weiss-Mattulat ließ sich auf Bild-Anfrage nur entlocken: „Er hält sich in Deutschland auf.“

#image2

Rolf J. hat die Schweigepflicht, die er sich nach seiner Rückkehr selbst auferlegt hat, nicht aufgegeben. Und eigentlich lehnt er auch weiterhin alle Interviewanfragen ab. Dem Treffen in seiner Wohnung hat er erst nach mehreren längeren Telefonaten zugestimmt.

Sein Kampfeswille ist Resignation und Milde gewichen. Er ist um Contenance bemüht, aber man spürt, dass sich die erzwungene Rückkehr nach Deutschland nach all den Jahren noch wie eine Niederlage anfühlt. Immer noch ärgert es ihn, dass er Opfer einer medialen Kampagne wurde, die ihn aus dem sozialen Umfeld riss. Immer noch empört es ihn, dass Minister und Oppositionspolitiker gleichermaßen das Vokabular und die Argumentationsweise der Boulevardmedien ungeprüft übernahmen.

Gelassener sieht er es heute, dass Reporter in seinem Privatleben herumschnüffelten und sogar seine Ex-Frau zu Ehe, Scheidung, Vermögensverhältnissen und Hausverkauf befragten. „Das sind eben die Methoden der Krawallpresse“, sagt er. Was hat ihn letztlich resignieren lassen? Es sei die Erkenntnis von der Unabwendbarkeit der Entwicklung durch die Gesetzesänderung gewesen, sagt er. „Der Rückzug war mein einziger Ausweg .“

Rolf J. hat Kaffee gekocht und Baguettes zubereitet. Mehr als einmal bietet er dem Gast eine Zigarette an. J. selbst raucht genussvoll, schwärmt vom guten Leben, von der Sonne und dem Meer Floridas. An den deutschen Winter hat er sich wieder gewöhnen müssen. Von Palmen und Strand sind nur allmählich verblassende Erinnerungen geblieben. Und ein paar Fotos: Rolf J. mit Sonnenbrille stolz auf seiner Jacht – ein gut gebräunter Lebemann in Shorts und luftigem Hemdchen mit einer karibischen Schönheit im Arm. Nur zögerlich zeigt er die Bilder. Sie sind Dokumente besserer Tage. „Ja, so war das damals“, sagt er. Er hat sich umgewöhnen müssen.

Regelmäßige Schmerzattacken

„Man lernt, genügsamer zu werden“, sagt Rolf J. Er vertreibt sich die langen Tage mit ausgedehnten Spaziergängen, berichtet er, mit Einkäufen und mit dem Kochen, einer spät erwachten Leidenschaft. Ein Grübler, so scheint es, ist er geblieben. Und das Misstrauen wird vielleicht nie mehr weichen.

Die Frage nach seinem Befinden beantwortet er ausweichend, als wisse er nicht recht, ob sie echtem Interesse entspringt. Regelmäßige Schmerzattacken seiner Bauchspeicheldrüse müsse er mit Painkillern bekämpfen, erklärt er dann doch. Noch heute mischen sich englische Worte in seinen Erzählfluss. Turtles und Beach fallen ihm eher ein als die deutschen Äquivalente, als er erzählt, wie er, der Frühaufsteher, morgens an der Atlantikküste die Schildkröten beobachtet hat.

Wird er irgendwann noch einmal nach Florida reisen? Er schließe das nicht aus, sagt er, besuchsweise natürlich nur. Aber er ahnt, dass ein langer Flug bei seiner angegriffenen Gesundheit sehr anstrengend wäre, eine Wiederaufnahme der Kontakte beschwerlich, ein Beschwören der alten Zeit unaufrichtig. Schließlich sind die Anrufe aus Amerika zuletzt immer seltener geworden, bis sie ganz einschliefen.

Einen neuen Freundeskreis hat der Rentner J. seit seiner Rückkehr, die nicht wirklich eine Heimkehr war, nicht mehr aufgebaut. Die Annäherungsversuche einer Nachbarin habe er als besitzergreifend empfunden, sagt er, die habe zu den unmöglichsten Zeiten geklingelt. Dabei sei er eigentlich alles andere als ein Individualist, eher ein Geselligkeit suchender Mensch. Lediglich sein Sohn besucht ihn noch, in größeren Abständen.

Aus den Boulevardmedien ist er längst, wie ersehnt, verschwunden. Das letzte Mal fragte Bild im Februar 2010 nach dem Verbleib von „Florida-Rolf“.