BerlinAm 18. November teilte Bild-Chefredakteur Julian Reichelt seiner Redaktion schriftlich mit, man werde „die regulären Sendungen um 9 und 12 Uhr“ von Bild Live, dem TV-Ableger des Boulevardblatts, „nicht fortsetzen“. Tags zuvor hatte der Vorstand, des Medienhauses Axel Springer, in dem Bild erscheint, nach eigenen Angaben „für das Jahr 2021 für BILD Live ein Investitionsvolumen von ca. 22 Millionen Euro bestätigt“.  

Das klingt nach viel Geld. Aber reichen 22 Millionen Euro für ein so ambitioniertes Projekt wie Bild Live? Und wenn ja, warum werden - quasi als Antwort auf die Freigabe der Mittel - Sendungen gestrichen? Reichelt schreibt, mit der Absetzung der Sendungen wolle man „zusätzliche Freiräume“ schaffen. Im Übrigen sei Bild Live ein „Wachstumsprojekt“.

Die Frage ist nur, was dort wächst. Die Quoten sind es jedenfalls nicht. Sie gelten konzernintern als enttäuschend. Ist der schwache Zuschauerzuspruch womöglich der Grund, weshalb Bild Live nicht mehr als die nun zugesagten 22 Millionen Euro erhält?

Wie mau das Interesse an dem Angebot ist,  geht aus internen Zahlen hervor, die der Berliner Zeitung vorliegen. Die Sondersendung zur US-Präsidentschaftswahl etwa verfolgten in der Nacht vom 3. auf den 4. November im Schnitt ganze 11.166 Zuschauer. Sogar auf dem Höhepunkt der Berichterstattung zwischen 5:30 und 9:30 Uhr lag ihre Zahl bei nur 22.440. Für Bild Live ist das aber ein sensationell hoher Wert. Denn die durchschnittliche Zahl der Zuschauer, die sich Livesendungen des Boulevardmediums anschauen, „schwankt zur Zeit zwischen 1000–3000“. So steht es in den internen Bild-Unterlagen.

Derzeit verfangen selbst sogenannte „Breaking News“ nicht: Die Sondersendung zur Amokfahrt von Trier verfolgten am Dienstag im Schnitt nur 5069 Zuschauer. An diesem Tag war das aber ein überdurchschnittlich guter Wert: Einen Bericht zu einer Suchaktion nach einer verschwundenen Zweijährigen sahen am Vormittag im Schnitt ganze 626 Bild-User. Und zu einem Interview mit Tesla-Chef Elon Musk anlässlich der Verleihung des Axel-Springer-Awards versammelten sich am Dienstagnachmittag durchschnittlich 260 Unentwegte vor den Bildschirmen.

Bei Springer reagiert man angefasst auf diese Recherchen. Er gehe davon aus, dass die Berliner Zeitung ihre Informationen zu den Quoten von Bild Live „nicht zum Gegenstand einer Berichterstattung machen“ werde, schreibt ein Konzernsprecher. Im Übrigen mag der Sprecher die Quoten des Angebots „nicht bestätigen“. Sie seien nicht marktrelevant. „Maßgeblich“ sei die Zahl der Views, also die Zahl der Klicks, die Bild Live über alle Plattformen hinweg generiert. So habe die Sendung zur US-Wahl 1,2 Millionen Views erreicht.

Diese Zahl steht auch in den internen Bild-Unterlagen. Sie ist für den digitalen Werbemarkt durchaus relevant. Bild Live soll jedoch nicht nur Nutzer von Digitalmedien ansprechen, sondern auch klassisches lineares Fernsehen sein. Das hat Bild-Geschäftsführer Lars Moll in einem Interview mit dem Fachblatt Horizont erst diese Woche wieder bestätigt: Auf die Frage nach einem zusätzlichen linearen Ausspielweg, also einem klassischen TV-Kanal, sagt er vielsagend, man prüfe „auf welchen großen Ausspielplattformen Bild Live 2021 noch stattfinden“ könne.

Grund für diese Begehrlichkeiten dürfte der TV-Werbemarkt sein, der für Medienhäuser weitaus lukrativer ist als die digitale Reklame. Dort ist jedoch die durchschnittliche Zuschauerzahl das Maß aller Dinge. Und mit den miserablen Quoten, die Bild Live derzeit einfährt, wäre da nicht viel zu holen.

In dem Interview verspricht Bild-Geschäftsführer Moll auch, es werde „bis zu acht, zehn Stunden“ Programm „am Tag“ geben. Moment mal, acht bis zehn Stunden tägliches Programm? Bild-Chefredakteur Reichelt, für dessen weiteren Karriereweg ein Erfolg von Bild Live nicht ganz unwesentlich sein dürfte, sprach bisher immer von 18 Stunden täglichem Programm …

In einer vorherigen Version schrieben wir, am 17. November habe der Springer-Aufsichtsrat beschlossen, „Mittel in Höhe von mindestens 20 Millionen Euro für Bild Live", würden „nicht fließen“. Inzwischen teilte Axel Springer mit, dass  am 17. November in einer Vorstandssitzung „für das Jahr 2021 für Bild Live ein Investitionsvolumen von ca. 22 Millionen Euro bestätigt worden“ sei. Zudem ist uns im ursprünglichen Text eine Verwechslung unterlaufen: Nicht die Verleihung des Axel-Springer-Awards sahen bei Bild Live im Schnitt 260 Zuschauer. Tatsächlich hatte diese Quote ein Interview mit dem Tesla-Chef im Vorfeld der Preisverleihung.