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BerlinMan kann nicht behaupten, dass sich das Boulevardblatt „Bild“ und die Landesmedienanstalten übertrieben gut verstehen. 2018 hatte die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Medienkontrolleure entschieden, dass die Zeitung für ihre digitalen Video-Angebote wie etwa „Bild-Live“ oder „Die richtigen Fragen“ eine Rundfunklizenz benötigt. Dagegen klagte „Bild“ vor dem Verwaltungsgericht Berlin – und verlor. Nun hat das vom Medienhaus Axel Springer herausgegebene Blatt bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg doch noch einen Antrag auf Erteilung einer Rundfunklizenz gestellt.

Für dessen Bewilligung ist abermals die ZAK zuständig, in der alle 14 deutschen Medienanstalten vertreten sind. Schon jetzt steht fest, dass die Kommission den „Bild“-Antrag nicht einfach durchwinken wird. „Wir werden da genau drauf gucken“, sagt Thomas Fuchs, Direktor der Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein und stellvertretender ZAK-Vorsitzender. „Das ist kein Selbstläufer.“

Bild TV soll bis zu 18 Stunden täglich live senden

Aufgeschreckt haben die Medienwächter Äußerungen von „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, die sich so anhören, als sei die bewusste Missachtung der journalistischen Sorgfaltspflicht bei seinem neuen Projekt Bild TV Programm. Bild TV soll laut Reichelts Plänen bis zu 18 Stunden täglich live senden. Der Lizenzantrag erstreckt sich offenbar auch auf dieses Vorhaben.

In einer Rede über das Projekt auf einem Medienkongress im Januar fragte Reichelt, ob „wir“, die Journalisten, „erst verstehen müssen, bevor wir berichten“. Das müssen Journalisten nach Ansicht des „Bild“-Chefs ganz offenbar nicht. Dazu hätten sie bei Bild TV auch keine Zeit, denn was Reichelt vorschwebt sind „News in Echtzeit“. Und überhaupt: „Nirgendwo steht, dass Journalismus und Journalisten das Tor zur Wahrheit, die Pforte zu den Fakten bewachen sollen.“ Folglich freut sich der 39-Jährige schon darauf, dass wir „in den kommenden Jahren, erleben werden, dass Technologie uns Erzählweisen ermöglicht, die früher der Inszenierung von Fiction vorbehalten waren“.

Einige Medienwächter fragen sich, warum jemand, dem Schnelligkeit und fiktionale Erzähltechniken wichtig sind, nicht aber Wahrheit und Fakten, überhaupt eine Lizenz für journalistische Formate beantragt. Schon jetzt seien manche „Bild“-Formate fragwürdig. So sendete das Boulevardblatt bereits unmittelbar nach den rassistischen Morden von Hanau live – und zwar stundenlang. Die Berichterstattung habe sich im Wesentlichen in wilden Spekulationen erschöpft, heißt es in Kreisen der Landesmedienanstalten.

Bedenklich finden die Medienkontrolleure auch Reichelts Pläne, bei Bild TV Beiträge von Laien gleichberechtigt neben denen von Journalisten zu bringen. Wie es denn da um das Überprüfen von Fakten bestellt sei und zwar insbesondere bei Live-Sendungen, wollte nach Reichelts Vortrag eine Moderatorin wissen. Es könne ja sein, dass die Bürgerreporter „Blödsinn“ erzählten. „Journalisten erzählen oft genug auch Blödsinn“, beschied sie der „Bild“-Chef. Ob sich die Medienwächter mit solchen Antworten zufriedengeben werden?