In New York hat die Gleichstellung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen einen Anfang. Auf der Christopher Street, im Stadtteil Greenwich Village, kam es Ende der 60er zu Krawallen, die die Initialzündung zum Befreiungsschlag der Subkultur war, die gegen die Repressalien und die Diskriminierung durch eine heterosexuell dominierte Gesellschaft protestierte.

Dass dieses Thema bis heute an Bedeutung nicht verloren hat, zeigt die Tatsache, dass sich erst in dieser Woche der amerikanische Präsident gegen Transgender-Menschen in seinen Streitkräften ausgesprochen hat.

Neues Selbstbewusstsein

Ihr Eldorado hingegen fanden Minderheiten nicht an der Ostküste, sondern an der amerikanischen Westküste, im San Francisco der 60er im Nachgang der Hippiebewegung.

Hier, im Stadtteil „The Castro“, einem ehemaligen Einwandererviertel für emigrierte Skandinavier und in der Nachbarschaft zum bereits zu Weltruhm gelangten Hippie-Kiez Haight-Ashbury, fanden auch Schwule und Lesben zu einem neuen und vor allen Dingen nie dagewesenen öffentlich ausgelebten Selbstbewusstsein.

Tony Normands (Hrsg.) „LGBT San Francisco – The Daniel Nicoletta Photographs“ zeigt diesen Prozess in einem wunderbaren Bildband. Nicoletta wurde berühmt durch seine Aufnahmen Harvey Milks, des ersten offen schwulen Politikers der Vereinigten Staaten, dessen Leben 2009 von Gus Van Sant mit Sean Penn in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Nicolettas Bilder dokumentieren das Heranwachsen und Erwachsenwerden einer Subkultur, die in der kalifornischen Metropole jenes pulsierende Nachtleben bei gleichzeitiger Liberalität vorfand, die es brauchte, um die Stadt für Schwule und Lesben bis heute zum Sehnsuchtsziel werden zu lassen.

Globaler Ideengeber

Von hier aus trat der „schwule Look“ seinen weltweiten Siegeszug an, die Homosexuellen in Jeans und Leder, mit Oberlippenbart und Cowboystiefeln – vom lokalen Volksmund liebevoll als „The Castro Street Clone“ bezeichnet und prägend für die Popkultur von Freddie Mercury über The Village People bis hin zu den Schwulen in William Friedkins kontroversem Film „Cruisin“ mit Al Pacino in der Hauptrolle.

Der Bildband ist ein erstaunliches, mitunter auch verstörendes Dokument einer Subkultur, eines Biotops, das weltweit der Ideengeber für eine Art des Zusammenlebens war, das sich durch ein besonderes Bewusstsein für das eigene Anderssein auszeichnet. Der Stadtteil als Heimat, als Schutzraum, in Deutschland ähnlich vielleicht dem Schöneberger Nollendorf-Kiez, in dem der kalifornische Castro Street Clone bis heute existiert.

LGBT San Francisco: The Daniel Nicoletta Photographs, Reel Art Press, 304 Seiten, 45 Euro