Max Reinhardt
Foto: Österreichisches Theatermuseum/Kunsthistorisches Museum

Während in diesem Jahr die Salzburger Festspiele ihr hundertjähriges Bestehen feiern, wird auch wieder an Max Reinhardt erinnert. Zusammen mit Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss gründete er dieses heute weltweit wohl bedeutendste Festival und schuf 1920 mit seiner Inszenierung des „Jedermann“ dessen Herzstück.

Geboren wurde der Sohn jüdischer Eltern 1873 als Max Goldmann in Baden bei Wien, sollte Bankkaufmann werden, wurde aber lieber Schauspieler. Otto Brahm engagierte ihn 1894 ans Deutsche Theater Berlin. Ein paar Jahre später sattelte Reinhardt auf Regie um, ach was, er erfand den Beruf des Regisseurs recht eigentlich. 1905 wurde er Eigentümer und Intendant des Deutschen Theaters. Der Rest ist Theatergeschichte.

Reinhardt leitete bald ein richtiges Imperium, zu dem in Berlin und Wien zeitweise zehn Bühnen gehörten: Deutsches Theater samt Kammerspielen, Volksbühne, Großes Schauspielhaus, Komödie und Theater am Kurfürstendamm. Er sammelte ein hochkarätiges Ensemble um sich und begeisterte mit meisterlichen Inszenierungen auch auf ausgedehnten Tourneen. Als Magier und Zauberer gefeiert, befreite er das Theater vom engen Korsett des Naturalismus zugunsten einer festlichen, utopischen Poesie mit ihrer spektakulären „Harmonie von Worten, Tönen, Gesten, Farben und Formen“, wie der Berliner Kritiker Siegfried Jacobsohn schwärmte.

„Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel“ ist ein großartiges Buch von Sibylle Zehle

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlor er alles und war im Exil in den USA nicht länger der umschwärmte Starregisseur auf Reisen, sondern, wie so viele andere, ein armer Emigrant mit schlechtem Englisch.

Wer war dieser Mann, der unseren Begriff vom Regietheater geprägt hat wie kein anderer, obwohl er den Beruf des Schauspielers erheblich wichtiger fand als seinen eigenen? In ihrem großartigen Buch „Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel“ bringt Sibylle Zehle, die es bescheiden „Versuch einer Annäherung“ – nicht Biografie – nennt, die mannigfachen Aspekte dieses Phänomens so gründlich wie farbig, so sinnlich wie kritisch zusammen. Von akademischer Trockenheit ist da keine Spur, denn Zehle ist eine glänzende Erzählerin, der es famos gelingt, zwischen den Zeiten, Ebenen, Personen zu vermitteln. Empathisch-klug hat sie Reinhardts Werden und Wirken erforscht und lässt ihn mit seiner faszinierenden Aura auf geradezu wundersame Weise auferstehen.

Helene Thimig und Max Reinhardt
Foto: Österreichisches Theatermuseum

Zu den künstlerischen Ausführungen kommen plastische Schilderungen der jeweiligen Milieus und Zeitumstände. Wie das Kind aus einfachsten Verhältnissen, dessen Familie mit Kunst nichts im Sinn hatte und das die Mitschüler als „Judenbub“ mit Steinen bewarfen, zum Liebling der Berliner Gesellschaft und zum mächtigsten Theaterkünstler der Welt wurde, kann man nicht erklären, und auch nicht, woher dieser szenische Visionär seine grandiose Phantasie und ästhetische Brillanz nahm. Unbeirrbar bewegte er sich zwischen Perfektionismus und Pedanterie – etwa bei der legendären „Sommernachtstraum“-Inszenierung 1905 am Neuen Theater (dem heutigen Berliner Ensemble), die ihn berühmt machte, bei der Ausstattungsorganisation bis hin zu den Lichtschaltern in seinem Schloss Leopoldskron oder der im Vertrag seines Chauffeurs festgelegten Höchstgeschwindigkeit – niemals über 70 Stundenkilometer!

Sibylle Zehle hat Max Reinhardt in Archiven in Salzburg, Wien, Berlin, München und New York nachgespürt und ist ihm bis nach Hollywood gefolgt. Sie hat selbst die Stehplätze hoch oben im Wiener Burgtheater ausprobiert, sagte er doch über diesen „Olymp“: „Ich bin auf der vierten Galerie geboren. Dort erblickte ich zum ersten Mal das Licht der Bühne.“ Zahlreiche zum Teil bisher unveröffentlichte Fotografien ergänzen die hinreißend spannend aufbereitete Hommage, die den „großen Schweiger und begnadeten Zuhörer“ mit seinen lichtblauen Augen als Privatmensch wie als Theatergenie, als Kosmopolit wie als politisches Opfer würdigt. Kluge Anmerkungen, ein Personenregister und eine Zeittafel runden das aufwendig gestaltete Buch ab, ganz im Sinne Max Reinhardts, der seinen Schauspielstudenten 1929 riet: „Werden Sie wesentlich. Es ist nicht die Welt des Scheins, die Sie heute betreten, es ist die Welt des Seins.“

Sibylle Zehle: Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel. Brandstätter, Wien 2020. 304 S., ca. 200 Abb., 50 Euro