Aus Lada Nakonechnas Kriegsserie „Camouflage“: links das Bild vom toten Soldaten, rechts ein vermummter Kämpfer.
Foto: Nakonechna/ Eigen+ Art/ U.Walter

BerlinWenn es heißt, Zeichnen sei eine andere Art von Sprache, dann ist dieser poetische Satz wie für sie geschrieben: Lada Nakonechna aus Kiew, geboren 1981.

Seit etwa acht Jahren gehört die Ukrainerin, die seinerzeit während der Orangenen Revolution viel Zeit auf dem Kiewer Maidan bei den Protestlern zubrachte, zum Künstlerkreis der Galerie Eigen+Art. Sie verstand es seither mehrmals, uns hier in Berlin, im Kunstmuseum Wolfsburg oder auch im Junge-Kunst-Museum Kiasma Helsinki mit so subtiler wie eindringlich politischer Kunst zu packen. Ihre gezeichneten, gemalten, collagierten „Reportagen“ vom Geschehen in der Ostukraine, wo sie romantische Landschaftsmalerei mit dem Kriegszustand kollidieren ließ, drangen unter die Haut.

Widerhaken und Irritationen in den Bildern

Zwischendurch kam die Zeichnerin für Monate nach Leipzig und verbrauchte da eine Hundertschaft von Bleistiften für eine 100-Quadratmeter-Wand in der Universitätsbibliothek. Das Motiv dieses Auftragswerks zeigt eine friedliche Landschaft, umgeben von Bücherregalen. Dann fuhr sie zurück, dahin, wo der irreale und brutale Konflikt inzwischen den Alltag zwischen Krim und Ukraine, in den von Russland okkupierten Gebieten von Donezk und Luhansk prägt, den Alltag zermürbt.

Den Eingang zu ihrer soeben eröffneten Ausstellung in der Auguststraße markiert ein winziges, am oberen Rand skaliertes Schwarz-Weiß-Foto: Eine menschenleere Flusslandschaft mit Brücke. Im Wasser spiegeln sich Bäume. Stille. Frieden. Aber sie misstraut solchen Bildern, den romantischen ebenso wie denen der medialen Flut. Darum baut sie Widerhaken und Irritationen in ihre wandfüllenden Blätter ein.

Das Publikum hängt mit

Und diesmal macht sie uns Betrachter zum Bestandteil ihrer Kunst. Die Frontwand des nach unten, in den ehemaligen Keller führenden White Cubes der Galerie hat Lada Nakonechna mit minimalistischen Bleistiftzeichnungen bedeckt. Horizontale und vertikale Strichlagen und Schraubhaken geben vor, wie Besucher all die auf dem Fußboden bereitstehenden Zeichnungen und Fotocollagen der Kiewerin genau zwischen ihre geometrische Wandzeichnung hängen können: Platzhalter und simple Vorgabe für ein Wechselspiel der Motive, Wahrnehmungen, Assoziationen.

Die ausladenden wie die kleineren Zeichnungen, die der Hängung durchs Publikum harren, haben abermals die politische Dimension von Landschaften zum Thema. Eins der großen Blätter zeigt eine in intensiven Strichlagen verfremdete Landkarte, in der Kiews Bezirke dargestellt sind, aber   völlig verschoben.

Verfremdete Landkarten der Ukraine

Gleiches wiederholt sich auf einer gezeichneten Karte des Staates Ukraine, wo die okkupierte Krim und die Donezregion grellrot warnend aufleuchten. Die Grenzgebiete markiert die Zeichnerin als weiße Aussparungen, so, als habe man einem Körper die Lebensadern entfernt.

Eine nächste Landschaftskarte − mit Häusern, Straßen, Bäumen − stellt sie mit Buntstiften in Blau, Schwarz, Rot dar, übers Bild gelegt wie ein Filter, wie ein beunruhigender Eingriff, eine Verunsicherung: Bilder eines unsichtbaren Krieges. Es sind die Flaggenfarben der proklamierten, aber international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk. Und in Blau und Schwarz verweist eine nächste, fast plastisch verdichtete Strichelzeichnung auf die Flagge des ukrainischen Verwaltunsgbezirkes Oblast Donezk.

Ihre feine Zeichnungsstruktur verbindet die Künstlerin mit einer saftigen Portion Sarkasmus, der aus ihrer Empörung wächst. Und aus ihrer Trauer: Über 13000 Menschen haben in dem seit sechs Jahren brennenden und schwelenden Ukraine-Russland-Konflikt ihr Leben verloren. Lada Nakonechna ist vor zwei Monaten Mutter eines kleinen Jungen geworden. Das macht ihr, wie sie sagt, die Haut noch dünner, ihre Sorge um die Zukunft noch größer.

Schablonen für Gewalt

Auf zwei großen Zeichnungen, die zur Vernissage rasch entschlossene Besucher gleich als erstes an die Wand hängten, hat sie sich der Camouflage zugewandt. In grünschwarzer Uniform prangen da auf dem Papierweiß Umrisse eines unbekannten, eines „fremden“ toten Soldaten und eines vermummten Kämpfers. Schablonen für Gewalt, die Menschen einander antun. Opfer und Täter. Nakonechna konfrontiert uns   lakonisch mit Kunst aus einem Land, das keinen Frieden findet. Mit einem Krieg, der keinen interessiert.

Galerie Eigen+Art, Auguststr. 26, bis 20. Februar, Di–Sa 11–18 Uhr. Tel.: 2806605.
www.eigen-art.com