Berlin - Im Haus am Waldsee trifft Kunst auf Naturwissenschaft. Die Begegnung wird zum faszinierenden Spektakel über ein großes, aktuelles und endloses Thema der Physik: Zeit, Raum, Energie, Materie. Elf Säle und Zimmer im Haus am Waldsee, das seit 75 Jahren ein Podium anspruchsvoller wie packender Ausstellungen zeitgenössischer Kunst ist, machen bildhaft, was sich zwischen Himmel und Erde befindet – oder sich dort befinden könnte. Wovon schon seit Menschengedenken geträumt wird: die Sehnsucht nach dem Weltraum, nach fernen Galaxien, nach womöglich außerirdischen Lebensformen, nach Schwerlosigkeit und unfassbare Energien außerhalb unserer Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft.

Haus am Waldsee-Direktorin Katja Blomberg, bekannt und geschätzt für außergewöhnliche Kunsterlebnisse mit großem Erkenntnis- und Reflexions-Potenzial, bringt hier jetzt eine Bildhauerin und zwei Bildhauer zusammen: Berta Fischer, Jahrgang 1973, ihren Kollegen Björn Dahlem, geboren 1974 – und auch eine Avantgarde-Ikone, den russischen Konstruktivisten Naum Gabo (1890-1977). Gabo, einst Mitglied der legendären  Novembergruppe, ist sozusagen der geistige Urgroßvater der beiden, seit Jahren an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft arbeitenden Berliner Künstler.  Und dieser, dem Universum zugewandte „Trialog“ und seine sinnlich-anschauliche Rückführung auf die irdischen Fußböden, Wände und Decken des Zehlendorfer Kunstortes fasziniert allein schon durch die originellen Formungen und macht zugleich physikalische Phänomene deutlich. Dies alles per farbigem Acrylglas, Stahl, Holzlatten, gebogenen Leuchtstoffröhren, Plexiglas und Stahl.

Der Naum-Gabo-Raum im Haus am Waldsee mit Leihgaben aus der Berlinischen Galerie- Referenzwerke für die „Into Space“- Arbeiten der zwei jungen Berliner Bildhauer Fischer und Dahlem.
Foto: Haus am Waldsee/Roman März

Im Entrée der Ausstellung „Into Space“ stehen in Vitrinen kleine Objekte aus Metall und dem erst in den 20er-Jahren entwickelten Plexiglas. Naum Gabo, Bildhauer des Experimentellen, schuf seinerzeit regelreche Science Fiction-Skulpturen. Es sind allesamt Leihgaben der Berlinischen Galerie. Gabos Versuchsanordnungen galten einer Kunst als Erkenntnismittel der physikalischen Grundlagen unseres Planeten. Dafür suchte er nach „neuen“ Bildern.

„Die Vergangenheit lassen wir wie einen Kadaver hinter uns. Die Zukunft überlassen wir den Wahrsagern. Wir ergreifen das Heute“, mit diesen Worten eröffneten Gabo und sein Bruder Antoine Pevsner 1920 in Moskau ihr „Realistisches Manifest“. Raum und Zeit, schrieben sie dort, seien „die einzige Kategorie, die unsere Realität formen und sollten darum auch die Kunst bestimmen“. Farbe, Linie und Volumen lehnten die Brüder als Gestaltungsmittel an, dienten diese doch lediglich einer nachahmenden Beschreibung der Welt. Für Gabo und seinen Bruder war dagegen die Kunst, egal, wie abstrakt, nur dann „realistisch“, wenn sie ein echter Bestandteil des Lebens wäre. Die beiden forderten nichts weniger als eine autonome Kunst, welche die Vision einer allesumfassenden, neuen Gesellschaftsordnung sein sollte.

Björn Dahlem: Modell für „ Into Space“
Foto: Haus am Waldsee/Roman März

So weit, so utopisch, und auch kompliziert. Inspirierend sind solche Visionen für junge Künstler von heute allemal. Sie beflügeln deren Interesse an Raumfahrt, am interstellaren Raum, an den Billionen von Galaxien, Superclustern und Schwarzen Löchern: „Garmion“ nennt Berta Fischer ihre riesige Farbwolke aus thermoplastischem, also durch große Hitze-Einwirkung geformtem Acrylglas. Die Teilchen darin wirbeln und schweben. Durch solide Fäden-Befestigung an der Saaldecke geben sie, der Gravitation entzogen, dem Chaotischen, dem Ungeordneten so etwas wie eine Dauer, eine Präsenz in Raum und Zeit.

Geradezu poetisch kommt das Tageslicht dabei matt und sanft durch die für diese Ausstellung mit Buttermilch bestrichenen Fensterscheiben. Zahllose sich spiegelnde, halbtransparente Segmente bilden eine Art galaktischen Haufen, changierende Spektralfarben betören dem Betrachter die Sinne. Man könnte an die Milchstraße denken, in der unserer Erde nur ein winziger Punkt ist. Die sanfte Wucht des Gebildes zitiert vielleicht auch ein Spitzenwerk des Barockmalers Rubens: „Die Geburt der Milchstraße“. Bei Luftzug im Raum bewegen sich die transparenten und opaken Formen im Lichtspiel. Da fehlt nur noch Sphärenmusik.

Björn Dahlem,„ Mond“, 2018, Holz, Aluminium ,Stahl, Spiegel, Licht .
Foto: Privatsammlung/ Dahlem/Roman März

Björn Dahlem, der Sohn eines Physikers, arbeitet dagegen mit etwas weniger Pathos, sein Werk ist prosaischer, dafür spielerischer, dazu mit einer großen Portion lakonischem Humor. Für seine raumgreifenden Skulpturen genügen ihm sperrige, kragenartig der Gravitation entgegenwirkende Holzlatten. Dazu gebogene Leuchtstoffröhren, Glühbirnen, Draht, Kristallvasen, Weltkugeln, sogar Christbaumkugeln.

Im Zentrum seiner größten Skulptur steht auf einem Sockel mit schwarzem Spalt eine Kugel aus Polyederformen, erinnernd an die vom Architektur-Utopisten Buckminster Fuller entworfenen Geodätischen Kuppel. „Laniakea“ taufte Dahlem diese Skulptur, die das Unfassbare, ja Unvorstellbare mit simplen Mitteln des Hausbaus aufgreift. Der Künstler ehrt jene galaktische Supermasse, die erst vor sechs Jahren von US-Astrophysikern entdeckt wurde. Im Internet kann man sich das ansehen: Ausdehnung über 520 Millionen Lichtjahre, ausschweifende Lichtnebel vor dunklem Hintergrund. Das Sichtbare ist dabei allein durch Daten übermittelt, der große Rest ist unsere Fantasie, der Glaube – und das Staunen.

„Into Space“, Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30. Bis 10. Januar 2021, Di-So 11-18 Uhr. Katalog (Deutsch/Englisch/Buchhandlung Walther König) , 24 Euro.