Der Bildhauer Wieland Förster in seiner Ausstellung im Kleistmuseum in Frankfurt/Oder.
Foto: dpa/Matthias Hiekel

BerlinAm 13. Februar 1945 hatte der Tags zuvor 15 gewordene Wieland Förster den Tod gesehen. Die Phosphorbomben der Alliierten überzogen Dresden mit einem Feuersturm; sie machten keinen Unterschied, ob die weltberühmten Museen des „Sächsischen Louvre“ in Schutt und Asche gingen, die barocken Kirchen, das Schloss, die Krankenhäuser, Schulen, Wohngebiete. Oder die doch eigentlich mit dem Angriff gemeinten Fabriken und Amtssitze der Nazis.

Später, schon ein namhafter Bildhauer und in Ostberlin ein gefragter Akademie-Meister, notierte Wieland Förster in seinem Tagebuch: „Zu berichten wäre Apokalyptisches – von Menschen, brennenden Phosphorfackeln, die sich in einer Februarnacht in den Fluß stürzten ...“

Das damals Erlebte schleppt er bis heute mit sich wie eine nie heilende Wunde. Wenige Tage nach dem Bombardement wurde er von Sowjetsoldaten verhaftet, er hatte eine Waffe gefunden; die Rotarmisten sahen in ihm einen Nazi, sperrten den Jungen ein.

Unauslöschliches

Die Bilder vom brennenden Dresden sind für ihn unauslöschbar. Und die Haftzeit im „Gelben Elend“, dem damaligen KGB-Knast in Bautzen, ebenso. „Ich bin ein Davongekommener“, sagt Förster, der am Mittwoch neunzig Jahre alt wird und in seinem stillen Refugium Wensickendorf nahe Berlin eher nachdenklich feiert.

Der Schmerz und das Dresdner Trauma sind der vitalisierende Quelle seiner Plastiken, der Zeichnungen. Auch seiner Prosa. Wenn er die menschliche Gestalt formt oder wenn er Sätze und Verse formuliert, dann muss er sich selbst vertrauen, seinen ureigensten Empfindungen nachgeben. Jede Figur, sei sie aus Bronze, Stein oder Gips, sucht die Form als autonomen Ausdrucksträger. Unübersehbar sind die traditionellen Vorbilder aus Antike, Renaissance, Moderne.

Die „Große Neeberger Figur“, 1974, gehört der Nationalgalerie Berlin und ist eines der Hauptwerke Försters.
Foto: SMB/VG Bildkunst Bonn 2020

Das gilt für die erotische „Große Badende“ von 1971 und  ebenso sein innovativstes Hauptwerk, die „Große Neeberger Figur“, 1974, in der die Eiform und die strenge geometrische Abstraktion des Avantgardisten Brancusi, die Dynamik des Futuristen Marini und die radikale Reduktion des Existenzialisten Giacometti zum gelungenen Experiment vereint sind. Beide Bronzen gehören der Nationalgalerie. Für beide wurde Förster von stalinistischen Kulturfunktionären als „Formalist“ beschimpft. Der Kontrast und das Zusammengehören von „Passion und Erotik“ wie er es sagt, gilt für die Skulptur im modernen Sinne. Ganz gleich, ob da ein Martyrium oder eine üppige Frauenfigur auf dem Sockel steht.

Bronzene Bekenntnisse  zu Kunst & Leben

Da stehen sie im öffentlichen Raum von Berlin und Magdeburg: die Figuren der „Elbe“, der „Nike“, der „Daphne“, des „Großen trauernden Mannes in Dresden. Und in Frankfurt (Oder) die Stele des Heinrich von Kleist: Fragmentarische Leiber mit einer Oberfläche, die wie gemalt wirkt. Energetische Kunst&Lebens-Bekenntnisse .

Mit dem „Großen schreitenden Mann“ hatte Wieland Förster 1969, knapp ein Vierteljahrhundert nach dem Untergang des Tausendjährigen Reiches, wieder einen lang verpönten männlichen Akt gewagt. Doch zeigt diese Bronze etwas so ganz Anderes, als die – wie er es nennt – „oft missbrauchte Traditionslinie deutscher Gesundheits- und Männlichkeitsplastik“. Försters Bronzekerl ist wuchtig, derb – ein Prolet oder ein Bauer, auf dessen Körper schwere Arbeit und die Last der Jahre Spuren hinterließ.  Damals verbannte die Kulturfunktionäre die Bronze in die Trauerhalle eines Friedhofs in Schwerin. Heute ist die Arbeit ein gerühmtes Meisterwerk.

Ignorierte die Dogmen

Förster suchte, bestärkt von seinem Meister Fritz Cremer an der Akademie der Künste, früh die eigenwillige Form zwischen Konstruktivem und Organischem. Damit brachte er in die DDR-Plastik einen neuen, befreienden Ton von Moderne ein, die bei der Figur blieb, aber Realismus-Dogmen ignorierte. Ihm ist das Figurative bruchlos bindend, im Guten wie im Bösen. Dieser Bildhauer sucht das dialektische Verhältnis von Tod und Leben, von Schönheit und Zerstörung, von Ruhe und Dynamik, von Täterschaft und Opferung. Das Existenzielle, sagt der 90-Jährige, sei die einzige Form, mit dem Leben fertig zu werden.