Der Musiker Bill Callahan.
Foto: Hanly Banks Callahan

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass Bill Callahan seine sechsjährige Auszeit beendete. Der Countryfolker kehrte 2019 als „Shepherd in a Sheepskin Vest“ zurück, ein Schäfer im Schafsfell, mit einem eindrücklichen Meisterwerk, auf dem er leise die Veränderungen reflektierte, die seine Abwesenheit veranlasst hatten: „Ich hätte nicht gedacht, dass es mal so weit kommen würde“, sang er, „ein kleines, altes Haus, ein halbwegs neuer Wagen, und die Frau meiner Träume“, dazu ein kleines Kind mit dem er „Sesamstraße“ schaute. Mit sachter Verwunderung betrachtete er sein Glück, sang über dessen Grenzen, über die Jugend und anlässlich des Todes seiner Mutter ergeben über den Tod – also über das „Lonesome Valley“, durch das wir alle (Väter, Mütter, Kinder) irgendwann alleine wandern müssen.

Den sehr persönlichen und mit 100 Minuten besonders epischen Betrachtungen aus seinem Haus in Austin, Texas, folgt mit „Gold Record“ nun ein Album der kleinen Form. Es ist entstanden auf der letzten Tour, aus alten Skizzen, in denen er wieder hinter den Künstler tritt.

„Hello, I’m Johnny Cash“, begrüßt uns der 54-Jährige knorrig im ersten Titel nun, den er standesgemäß mit „Sincerely, L. Cohen“ beendet. Das sei, sagt er, einerseits eine ironische Volte gegen die ewigen Vergleicher. Aber es weist auch darauf hin, dass er nur ein Erzähler sei, wenn er von einem Limo-Chauffeur, der Begegnung mit einem älteren Nachbarn, vom Sex am Nachmittag, von „The Mackenzies“ singt.

Geblieben ist der Ton milder Akzeptanz. Darin gibt es wiederum viele Verweise auf die Künstlerposition. „Wir liegen zusammen auf dem Bett, kein Wunsch offen – außer einem neuen Song“, erzählt er in „Another Song“ etwa. Ein Lied lang huldigt er amüsant dem großen Americana-Forscher „Ry Cooder“, und in „Protest Song“ belustigt er sich brummelnd in einem grämlichen Blues über die TV-Performance eines offenbar etwas platten Kollegen.

Das überwiegend entspannte Verhältnis zur Welt ist das Ergebnis eines recht langen Weges. Ab 1990 war Callahan unter dem Namen „Smog“ unterwegs, eher düster, sarkastisch und gern ein Misanthrop. Anfangs inszenierte er dies musikalisch als elektronisch versmogten Indierock. Schon damals jedoch fiel die Kargheit der Arrangements auf, und diese bestimmt auch die wesentlich akustischen Americana-Stücke von heute, die er seit über zehn Jahren nun pflegt. Der Eindruck der Leere täuscht indes darüber hinweg, wie liebevoll und instrumental aber keineswegs einsam er die Hintergründe gestaltet. Auf „Gold Record“ lässt er die Musiker raffiniert ins Seitenaus spielen, ganz sacht hört man dann ein schnarchendes Cello, eine verpennte Trompete, eine auslaufende Gitarre zu neblig wuschelnden Becken oder einem halligen Drum-Akzent. Das stimmungsvollste Instrument ist allerdings seine Stimme, ein dunkler Bariton, der zwar lakonisch und trocken wirkt, aber von einer Art warmem Schimmer umgeben scheint, der in die Instrumente vibriert.

„I travel, I sing“, singt er im letzten Titel. „I notice, when people notice things“: So gern man sich von der Wärme und Einsicht begleiten lässt, die aus seinen Songs sprechen – was sie wirklich auszeichnet, ist die geduldige Aufmerksamkeit, mit der er in die Welt schaut.

Bill Callahan – „Gold Record“ (Drag City/ Indigo)