Schauspieler Billy Porter ist für einen Golden Globe nominiert.
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New YorkDass Billy Porter in aller Munde war, war nicht immer so. Die längste Zeit seiner Karriere war der Amerikaner, der am 21. September 1969 in Pittsburgh geboren wurde, einer von vielen Schauspielern, die sich mühsam am Broadway durchschlugen. Der Durchbruch gelang Porter, der seit 2017 mit dem Unternehmer Adam Smith verheiratet ist, als Pray Tell in der gefeierten Serie „Pose“ (bei uns auf Netflix zu sehen), die demnächst in eine dritte Staffel gehen wird. Für die Rolle wurde er für den Golden Globe nominiert und erhielt den Emmy Award.

Nun ist er in der aktuell angelaufenen Kinokomödie „Like a Boss“ (deutscher Titel: „Lady Business“) an der Seite von Rose Byrne, Tiffany Haddish und Salma Hayek zu sehen. Aus diesem Anlass trafen wir ihn – in einer für seine Verhältnisse fast schlichten blauen, silber-gepunkteten Bluse – in seiner Wahlheimat New York zum Interview. Nur um den Film ging es dann im Gespräch tatsächlich gar nicht.

Mr. Porter, mal kurz zurückgeblickt: Sie haben 2019 die roten Teppiche dominiert, einen Emmy Award gewonnen und sind 50 Jahre alt geworden. Klingt nach einem fantastischen Jahr!

Das war es auch, können Sie mir glauben! Plötzlich lebe ich all diese Träume, die mit einem Mal wahr geworden sind. Jetzt muss ich den Fokus aber auch darauf legen, auf dem Boden zu bleiben und dafür zu sorgen, dass sich in erster Linie alles um die Arbeit dreht. Schließlich ist die Arbeit der Hauptgrund dafür, dass meine Träume jetzt überhaupt in Erfüllung gehen. Wobei für mich die Arbeit und meine Kunst ohnehin immer an erster Stelle standen.

Haben Sie immer daran geglaubt, dass die Träume eines Tages wahr werden würden?

Nicht unbedingt, vieles erschien mir unmöglich. Zumindest auf dem Papier. Schließlich war ich eigentlich immer die kleine schwarze Schwuchtel aus Pittsburgh, Pennsylvania. Die ersten 20 Jahre meiner Karriere habe ich versucht, möglichst männlich zu sein, um überhaupt Jobs zu bekommen. Dass ich jetzt plötzlich für meine Authentizität gefeiert werde und damit erfolgreich bin, dass ich auf den Kopf stellen darf, was Männlichkeit bedeutet, ist ein echtes Geschenk und eine riesige Überraschung (lacht).

Ohne jetzt zu oberflächlich zu werden, müssen wir noch über Ihre grandiosen Outfits sprechen.

Sehr gerne! Ich bin ja schon Mode-Fan seit ich denken kann und hatte dabei immer einen Hang zum Flamboyanten. Ich liebe verrückte Mode, schlicht ist nicht so mein Ding. Das war schon immer so, und Sie können mir glauben, dass ich in meinem Leben schon sehr oft verlacht und beschimpft wurde für die Art und Weise, wie ich mich kleide.

Wie hat sich dieses Faible für Mode entwickelt?

Das ist familiär bedingt, würde ich sagen. Ich bin in der afroamerikanischen Kirche aufgewachsen, und wenn Sie schon mal einen schwarzen Gottesdienst gesehen haben, dann wissen Sie, dass es da jeden Sonntag zugeht wie bei einer Modenschau. Alle putzen sich heraus, die Männer wie die Frauen, das war schon immer so. Aber meine Familie ist sicherlich besonders modebewusst. Meine Großmutter zum Beispiel war Schneiderin und hat eigene Entwürfe genäht. Style habe ich also vermutlich einfach im Blut. Nur dass ich mich mit meiner Kleidung in diesem Spannungsbereich zwischen den Geschlechtern bewege und die Grenzen verwische zwischen dem, was in der Mode als männlich oder weiblich gilt, das ist einigermaßen neu.

Zur Person

Billy Porter hat sein Handwerk auf den Broadway-Bühnen gelernt. In den 90er-Jahren stand er hier im „Grease“-Revival und in „Miss Saigon“ ebenso auf der Bühne wie in Shakespeare-Stücken und Musical-Revuen. Später folgten eine autobiografische One-Man-Show namens „Ghetto Superstar (The Man That I Am)“, bevor er die Hauptrolle im erfolgreichen Musical „Kinky Boots“ übernahm, für die er den Tony Award und einen Grammy gewann.

Wann haben Sie das denn als Ihr Ding entdeckt?

Noch nicht einmal als ich in „Kinky Boots“ am Broadway auf der Bühne stand, obwohl ich da ja immerhin eine Dragqueen spielte. Diese fantastische Energie, die ich in dieser Rolle spürte, auch in mein eigenes Leben zu holen, kam mir irgendwie nicht in den Sinn. Erst als ich im Anschluss an das Musical auf eine Konzerttour ging, traf es mich aus heiterem Himmel wie der Blitz. Ich suchte nach einem neuen Outfit und stieß auf den Designer Rick Owens. In seinem Laden empfahl mir jemand ein Unisex-Kleid, und als ich das anprobierte, fühlte sich das einfach toll an. Wie Rock’n’Roll, wie David Bowie oder so. Von dem Moment an war das mein Ding.

Im vergangenen Jahr jagte ein unvergessliches Outfit das nächste, vom pinken Cape bei den Golden Globes über das schwarze Samtkleid bei den Oscars bis hin zum von ägyptischen Gottheiten inspirierten Look bei der Met Gala. Wie haben Sie die Reaktionen darauf erlebt?

Das war für mich wie eine Befreiung. Vor allem natürlich das Kleid bei den Oscars. Plötzlich war ich Fesseln los, von denen ich gar nicht wusste dass sie mich beeinträchtigten. Denn in unserer Kultur dreht sich nun einmal alles um ein sehr althergebrachtes Konzept von Männlichkeit, von dem ich schon mit sechs oder sieben Jahren wusste, dass ich ihm nicht entspreche. Mein Leben lang habe ich damit gerungen, nicht männlich genug zu sein. Habe quasi mein eigenes Ich bekämpft, um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. In einem Kleid zur Oscar-Verleihung zu gehen, war dann endgültig der Moment, wo ich all das hinter mir gelassen. Wo ich merkte, dass es mir egal ist, wenn das jemand nicht männlich findet. Seither fühle ich mich befreit von solchen Zwängen.

Ein solcher Auftritt auf dem roten Teppich kann ein einschneidender kultureller Moment sein, eine Serie wie „Pose“ natürlich erst recht. Aber wie nachhaltig ist die Veränderung, die wir mit Blick auf Rollen für LGBT- und nicht-weiße Schauspieler und Schauspielerinnen gerade erleben?

Es fühlt sich schon so an, als würde sich gerade grundlegend etwas ändern. Aber machen wir uns nichts vor: die treibende Kraft dahinter ist Geld, wie immer. Wir haben gemeinsam dafür gesorgt, dass unsere Geschichten endlich erzählt werden – und Geld einbringen. Wenn uns das auch weiter gelingt, schwingt das Pendel auch nicht wieder zurück. Allerdings muss ich gleich noch etwas einwenden.

Nämlich?

Dass es einen großen Unterschied macht ob man schwarz und hetero oder schwarz und schwul ist. Schwarz und hetero, das ist eine Geschichte, die schon seit einer ganzen Weile erzählt wird. Da hat sich vieles getan, und auch wenn es natürlich nach wie vor viel Rassismus und Diskriminierung gibt, hat sich doch in den letzten Jahrzehnten vieles verbessert, nicht zuletzt im kulturellen Bereich. Aber die afroamerikanische Community ist im Großen und Ganzen ziemlich homophob, deswegen ist es etwas vollkommen anderes, schwarz und schwul zu sein. Meine Ausgangslage ist nicht die gleiche wie die von Jay-Z oder Beyoncé. Wir sind eigentlich unsichtbar, deswegen ist unser Kampf um Anerkennung ein ganz anderer. Es wird deswegen höchste Zeit, dass sich die afroamerikanische Community endlich mit uns schwarzen Schwulen auseinandersetzt!