Erich von Stroheim in "Fünf Gräber bis Kairo",1943.
Foto: imago images/Everett Collection

BerlinBilly Wilder beginnt seinen Film „Fünf Gräber bis Kairo“ mit einem Insert: „Im Juni 1942“, so steht da zu lesen, „sah es für die britische 8. Armee nicht gut aus. Sie war geschlagen, zersplittert und befand sich auf der Flucht. Tobruk war gefallen. Der siegreiche Rommel und sein Afrikacorps trieben die Briten weiter und weiter zurück in Richtung auf Kairo und den Suezkanal.“

Genau diese Situation wird auch in den ersten Bildern zur Metapher verdichtet: Da irrt ein britischer Panzerwagen durch die Wüste. Aus seinem Turm hängt ein toter Soldat. Auch der Fahrer ist tot, sein Körper drückt auf das Gaspedal. Doch ein dritter Mann lebt, der sich mit letzter Kraft zu einem schäbigen Kleinsthotel an der libysch-ägyptischen Grenze schleppt. Eine Szene, die Hoffnung gibt: Als „Fünf Gräber bis Kairo“ im Januar und Februar 1943 gedreht wurde, hatte sich das Blatt gerade gewendet, die deutschen Aggressoren mussten erste vernichtende Niederlagen einstecken. Alles war schlimm, nichts war verloren.

„Fünf Gräber bis Kairo“ war erst Billy Wilders zweiter Film als Regisseur, doch wie er Dramatik, Emotion und – für einen Kriegsfilm! – erstaunlich viel Witz ineinander verschmolz, ließ bereits den Meister erkennen.

Die Geschichte des britischen Korporals Bramble (Franchot Tone), der in die Rolle eines vermeintlichen deutschen Spions schlüpfen muss und seinen Landsleuten schließlich das Erfolgsgeheimnis Rommels präsentiert, findet fast ausschließlich an einem Schauplatz statt, jenem Hotel in der Wüste. Rommel, gespielt von dem genialen Erich von Stroheim, erweist sich als kühler Stratege, der seine gefangenen Feinde beim Abendmahl herrschaftlich bewirtet, dem verbündeten italienischen General (Fortunio Bonanova) aber ein Zimmer ohne Bad zuweist. Zur eigenen Erbauung schmettert der Italiener pausenlos Opernarien und erklärt, als er um Ruhe gebeten wird: „Kann eine Nation von Rülpsern eine Nation verstehen, die singt?“

Natürlich integriert die Geschichte auch eine junge Frau, das Zimmermädchen Mouche (Anne Baxter), das mit einem deutschen Leutnant (Peter van Eyck) anzubändeln bereit ist, um ihren von den Nazis in einem KZ gefangenen Bruder zu retten. Billy Wilder verurteilt diese Annäherung nicht, aber in der einzigen pathetischen Passage des Films weitet er den Blick über die privaten Sorgen hinaus auf die große Politik und Moral. Gegenüber Mouche hebt Bramble zu einer Rede an, die – neben der Schlusssequenz von Chaplins „Großem Diktator“ – zu den intensivsten Ermunterungen im US-amerikanischen Kino des Zweiten Weltkrieges zählt: „Nicht auf einen Bruder, auf Millionen Brüder kommt es an. Nicht ein Gefängnistor, das sich still und heimlich dir zuliebe öffnet, alle Tore müssen aufgehen!“

Fünf Gräber bis Kairo USA 1943, R: Billy Wilder, 97 Min, Anbieter: Koch Media, ab 15,89 Euro