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BerlinIn einem der ruhigen Momente des Films sagt die Psychotherapeutin Eva, dass das Handy ein Flugschreiber unseres Lebens sei.

Es zeichnet gnadenlos auf, was wir machen, wo wir sind und mit wem wir wie leidenschaftlich kommunizieren. Es kann auch jederzeit ausgewertet werden, uns dadurch verraten – und das Schlimmste: Es schützt nicht vor bösen Überraschungen und Abstürzen.

In der Komödie „Das perfekte Geheimnis“ begeben sich sieben Freunde in den freien Fall, nachdem Eva (Jessica Schwarz) als Gastgeberin den Vorschlag unterbreitet hat, beim Abendessen alle Handys auf den Tisch zu legen, die eintreffenden Nachrichten vorzulesen und die Telefongespräche öffentlich zu führen.

Wer hat denn schon Geheimnisse? Sitzen doch nur Freunde am Tisch, die sich seit ewigen Zeiten kennen und wie Eva und ihr Mann Rocco (Wotan Wilke Möhring) beruflich alles richtig gemacht haben oder wie Carlotta (Karoline Herfurth) und Leo (Elyas M’Barek) eine klare Rollentrennung gefunden haben, sodass Leo sich als Hausmann ums Kind kümmert, während Carlotta Karriere macht. Ach, alles so schön modern-bürgerlich.

Zahl der Seitensprünge steigt

Nur ist das Leben keine romantische Dauerschleife. Einer Umfrage aus dem Sommer zufolge steigt in Deutschland die Zahl der Menschen, die es mit der Treue nicht so genau nehmen.

Jeder Fünfte gab zu, schon einmal während einer Beziehung fremdgegangen zu sein. Frauen teilten mit, häufiger einen Seitensprung gewagt zu haben als Männer. Psychotherapeuten wie die renommierte Buchautorin Esther Perel („Die Macht der Affäre“) erklären das damit, dass Männer und Frauen in digitalen Zeiten viel mehr Möglichkeiten haben, andere Menschen, beispielsweise über Tinder, kennenzulernen und die Kontakte dann zu pflegen.

Trailer: Constantin Film

Wie mühsam war es dagegen früher, einen Liebesbrief zu schreiben, der möglicherweise auch noch entdeckt wurde und wie leicht ist es heute, WhatsApp- oder andere Messenger-Nachrichten zu empfangen, ohne dass der Partner das mitbekommt? Ist Monogamie da wirklich noch zeitgemäß?

Das ist also die Ausgangslage, als die Freunde mit dem Abendessen beginnen. Da Bora Dagtekin („Fack ju Göhte“) das Drehbuch geschrieben und die Regiearbeit übernommen hat, geht es laut, frech und manchmal auch sehr überraschend zu. So tauschen Leo und Pepe (Florian David Fitz) ihre Handys, weil Leo nicht will, dass seine Frau erfährt, dass er jeden Abend gegen 21 Uhr ein anzügliches Foto von einer sportlichen Mutter bekommt. Pepe ist alleine zum Abendessen gekommen – also kein Problem der Handytausch, oder? Doch!

Was den Machern auch gut gelingt: Die Handlung spielt die meiste Zeit am Tisch, das schafft eine dichte Atmosphäre, sorgt für eine Fokussierung auf die Personen. Wem kann man denn noch glauben bei vertraulichen Gesprächen auf dem Balkon? Und wer hat am Tisch noch etwas zu verbergen in Sachen Lust und Nöte?

Übler Verräter

Was dem Film aber fehlt, ist die feine Mischung aus Leichtigkeit und Schwere, die große Komödien auszeichnet: Es gibt den Moment, in dem Rocco, der Schönheitschirurg, von seiner Tochter angerufen wird, die um einen Rat bittet. Soll das 14 Jahre alte Mädchen bei ihrem Freund übernachten und das erste Mal mit einem Jungen schlafen oder doch nach Hause fahren? Keine leichte Aufgabe für den Vater, aber Rocco spricht einfühlsam und liebevoll mit seiner Tochter.

Der Film wird jetzt sehr ruhig, lässt die Worte wirken. Ein großer Moment. Ansonsten werden die Themen dieser Elterngeneration, also Ernährungskonzepte, Schönheitswahn und sexuelle Orientierung, eher oberflächlich behandelt.

Zum Glück gibt es genügend Krawallmomente, in denen die schöne heile Welt mit Vergnügen in Trümmer gelegt wird. „Lust zu ficken?“ – die Frage ist nicht sonderlich reizvoll, wenn die Gruppe von Freunden gerade ein Selfie machen will mit dem Handy, auf dem die Nachricht aufpoppt.

In einer anderen Sequenz ist es nicht so lustig für die doch so zielstrebige Carlotta, dass ihre Chefin sie im öffentlichen Telefongespräch dafür lobt, dass sie beim Geschäftstermin ohne Slip erschienen war.

Den Zuschauern können, je nach Gefühlslage, da Steine vom Herzen purzeln: Nirgendwo läuft alles glatt. Oder sie rutschen nervös im Kinosessel hin und her geplagt von der Sorge, dass das Schicksal auch in ihrem Fall ein mieser Verräter werden kann, wenn das Handy im falschen Augenblick vibriert.

Was dem Film zum Ende hin gut gelingt: Es wird nicht moralisch. Den Versuch, die perfekte Beziehung zu skizzieren, starten die Macher zum Glück erst gar nicht. Sie geben der Technik die Schuld für die Irrungen und Wirrungen, dem Smartphone, diesem nur so harmlos scheinenden Flugschreiber unseres Lebens.

Das perfekte Geheimnis, Regie: Bora Dagtekin , 111 Minuten, FSK ab 12 Jahre.