Fontanes Notizbücher klären über seine wahren Aufenthaltsorte auf, hier die Kirche im Schlosspark Buch
Foto: Robert Rauh

BerlinFontanes Notizbücher gehören zu den letzten noch unveröffentlichten Handschriften des Autors. Weil sie das gesamte Spektrum seines umfangreichen Werkes abbilden, sind sie ein einzigartiges Arbeits- und Lebensdokument. Überliefert sind 67 Kleinoktavbändchen, die den Zeitraum von 1860 bis 1885 umfassen.

Auf den cirka 10.000 Seiten finden sich Entwürfe zu Romanen, Erzählungen und Gedichten, zum kriegshistorischen und reiseliterarischen Werk, zu Theater-, Literatur- und Kunstkritiken sowie zu Briefen und Tagebüchern. Zudem enthalten sie auch Alltägliches wie To-do-Listen und ein Kochrezept für Maiskolben, das Fontanes Frau Emilie festhielt.

Fontanes Skizze der Kriche in Buch.
Foto: Digitale Notizbuchedition

Ein Notizbuch wurde sogar zum Lebensretter: Nachdem Fontane während des Deutsch-Französischen Krieges im Oktober 1870 als vermeintlicher preußischer Spion verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt wurde, diente sein Notizbuch als Beweis für seine Tätigkeit als Journalist.

Neue Möglichkeiten durch Digitalisierung

Die Entschlüsselung der Notizen ist eine große Herausforderung. Schrieb Fontane am heimischen Schreibtisch ordentlich mit Tinte, sind seine Bleistifteinträge von unterwegs äußerst unruhig. Erschwert wird das Entziffern durch unzählige Durchstreichungen und Hinzufügungen. Außerdem dokumentieren die einzelnen Seiten verschiedene Schreibrichtungen und Textüberlagerungen.

Das Fontane-Finale

Das Fontane-Jahr geht in die Schlussrunde. Wir beginnen heute mit
einer kleinen Serie, in der die Fontane-Forscher Gabriele Radecke und Robert Rauh besondere Berliner Orte aufsuche.

Problematischer ist jedoch, dass die Einträge weder thematisch noch chronologisch geordnet sind. Fontane hielt zwar zur eigenen Orientierung Inhalte und stellenweise auch Jahreszahlen auf dem Cover fest; zuverlässig sind die Angaben jedoch nicht. Hier stimmt die Datierung nicht, dort sind die Inhalte umfangreicher. Daher verwundert es nicht, dass Fontanes Notizbücher bisher als nicht edierbar galten.

Dank der Digitalisierung ergeben sich nun aber neue Möglichkeiten. Seit 2011 werden die Notizbücher an der Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen in Kooperation mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek digitalisiert, komplett entziffert und kommentiert. Inzwischen sind alle Seiten einsehbar in einem kostenlosen Internetportal, in dem nun gezielt nach Orten, Personen und Stichworten gesucht werden kann.

Neubewertung der „Wanderungen“

Die Ergebnisse der digitalen Notizbuchedition, also die Transkriptionen und Kommentare, dienen im Fontane-Jahr 2019 als Grundlage zahlreicher Ausstellungen, vor allem in Neuruppin und Potsdam, wo auch die Originale der Staatsbibliothek zu Berlin präsentiert werden. Für Regionalhistoriker sind Fontanes Notizen von unschätzbarem Wert, weil sie für einzelne Orte häufig die einzige Quelle aus dem 19. Jahrhundert sind.

Darüber hinaus machen die Notizbücher eine Neubewertung der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ unerlässlich. Sie offenbaren bisher unbekannte Reisen Fontanes in die Mark und belegen seine tatsächlichen Reiserouten, die sich von denen in den gedruckten „Wanderungen“ unterscheiden.

Zudem enthalten die Kladden 450 Skizzen von Herrenhäusern, Kirchen, Grabmalen und Kunstgegenständen. Dienten sie dem Wanderer als visuelle Gedächtnisstütze, bieten sie heute zusätzliche Details und eine räumliche Vorstellung der Beschreibungen. Spezielle Lagepläne ermöglichen zudem eine genauere Lokalisierung.

Notizbücher lassen Fontanes Werk neu bewerten.
Foto: Robert Rauh/Digitale Notizbuchedition

Notizbücher klären über Fontanes Aufenthaltsorte auf

Die Notizbücher verraten auch, welche Orte Fontane tatsächlich besichtigte – und welche nicht. So besuchte er Strausberg und fertigte Unterwegs-Notizen an, ein eigenes Kapitel erhielt der Ort in den „Wanderungen“ jedoch nicht. Andere Dörfer, wie Gottberg bei Neuruppin, werden dagegen ausführlich thematisiert, obwohl Fontane nie vor Ort war.

Schließlich informieren die Notizbücher über „verschwundene“ Orte und Gebäude, die nur in frühen Druckauflagen erwähnt werden, wie etwa den Ritter-Kahlbuz-Ort Kampehl oder das Jagdschloss Stern bei Potsdam. Die Notizbücher verdeutlichen somit, dass die „Wanderungen“ ein work in progress sind, das Fontane in mehr als dreißig Jahren immer wieder umgeschrieben hat.

Zugang zum kostenlosen Notizbuch-Portal, herausgegeben von Gabriele Radecke:
https://fontane-nb.dariah.eu/index.html