Kaiser & Plain: Wir haben auch Gefühle.
Foto: Jörn Hartmann

BerlinAn der Bühnenkante ist Schluss, die kleine Treppe zum Saal hinab darf sie nicht betreten. Dabei würde sich Virginia Plain liebend gern unters Publikum mischen. Immer wieder schwappt sie zurück, wie ein stürmisches Meer an der Hafenmauer. Mit dem Begriff vom „Schwappen“ spielt ihr Bühnenpartner David Kaiser am Klavier gern – der wogende Busen der Sängerin gibt ihm Anlass für allerlei Anzüglichkeiten.

Der Auftritt des Duos markiert einen Startpunkt der Berliner Kleinkunst-Szene: Kaiser & Plain wagen sich mit einer Premiere vor das immer noch stark dezimierte Publikum. Die paar Dutzend Gäste haben viel Platz zwischen ihren Tischen – und jede Reaktion wird von Virginia Plain genau beobachtet und kommentiert, ob sich einer die Schuhe bindet oder übers Smartphone wischt. Im Juli hatten Kaiser & Plain noch ein früheres Programm für den Livestream umgearbeitet: „Aus Liebe in den Zeiten von lala“ wurde „Liebe in Zeiten von Corona“. Ihr neues Programm heißt schlicht „Wir haben auch Gefühle“, das eher ein loses Motto ist.

Doch das Virus schwebt über dem Abend, so wie die Aerosole aus dem Mund der Sängerin. Gern würden die beiden neu gewonnene Normalität demonstrieren – doch das Absurde der Situation überlagert alles. Immer wieder bricht Virginia Plain aus ihrem vorbereiteten Text aus und thematisiert das Besondere des Abends. 

Virginia Plain spielt gern die große Diva

Eigentlich spielt sie ja gern die große Diva. Doch anders als ihre sächsische Kollegin Anna Mateur, die ihre Kilos offensiv einsetzt, sieht sich Virginia Plain in einem permanenten Kampf mit dem Körper. Stimmlich verfügt sie über ein weite Spanne: Sie könnte als strahlende Musical-Heldin ebenso brillieren wie in der Telefonsex-Werbung. Solche Spannungsverhältnisse bestimmen den Auftritt. Eigentlich setzen Kaiser & Plain auf ihre gegenseitigen Frotzeleien. Dabei sind die Gemeinsamkeiten – endlich wieder zusammen auf der Bühne vor Publikum! – viel größer als die ausgestellten Unterschiede.

Gerade in den zweistimmigen Stücken laufen sie zu großer Form auf. Da mischen sie eigene Liebesballaden, wie „Mein Koffer“ oder „Schmetterlingsstaub“, mit den Songs von Berliner Kollegen, wie „Freundinnen“ von Funny van Dannen, „Pflanz Lavendel auf mein Grab“ von Tim Fischer oder „Guten Tag, liebes Glück“ von Max Raabe. Sogar ein Schlager wie „Warum hast du nicht Nein gesagt“ von Maite Kelly und Roland Kaiser passt überraschend gut. Virginia Plain, die so heißt wie ein früher Hit von Roxy Music, unterläuft mit ihren sächsisch eingefärbten, mitunter ordinären Ansagen jeden Kitsch. Zum Finale feiern sie noch mal den Neuanfang: „Das wird schon wieder – alles gut schon wieder“. Das ist eine lustvolle Hymne wie eine bange Beschwörung.

Kaiser & Plain: „Wir haben auch Gefühle“. 14. und 15.8.; 23. und 24.9. um 20 Uhr im BKA-Theater.