Tiwa Savage in "Keys to the Kingdom" aus Beyonces "Black is King"
Quelle: (Parkwood Entertainment/Disney Plus via AP)

Madonnas Song „Vogue“ aus dem Jahr 1990 spaltete die Gemüter. Die Pop-Ikone verschaffe der queeren Subkultur Gehör, meinten die einen. Nein, sie raube deren Ausdrucksweise – den Tanz, die Musik und die Haltung der größtenteils nicht-weißen New Yorker Ballroom-Szene, und vermarkte sie ästhetisch geglättet und ihrer revolutionären Spitzen beraubt, für den weißen Mainstream, sagten andere. Heute, 30 Jahre später, ist Afrika für Beyoncé gewissermaßen, was Vogueing für Madonna war, jedoch mit einem (entscheidenden) Unterschied: Anders als Madonna hat Beyoncé ein aufrichtiges Interesse ­– ­und, als schwarze Frau eine untrennbare Verbundenheit – mit schwarzer Lebenswelt und Geschichte. „Black Is King“, ein anderthalb Stunden langes Musik-Epos, das auf ihrer Filmmusik zum Remake des Disney-Klassikers „König der Löwen“ (2019) basiert, ist eine auf ästhetische Perfektion getrimmte Tunnelfahrt durch Afro-Tanz, -Musik und -Symbolismus.

Und ja, auch Beyoncé wirkt darin stellenweise glatt. Besonders die Einstellungen, die den Popstar selbst in erhabenen Großaufnahmen zeigen, wirken teils, als seien sie etwa einem Werbeclip von Yves Saint Laurent entsprungen – so überperfekt, so sakral und auratisch unantastbar erscheint die als edle Prophetin oder Königin inszenierte Beyoncé mit ihrer gotischen Stimme, ihrem funkelnden Schmuck und ihren barocken, oft pastoralen Kleidern und Gewändern. Dennoch klingt hier auch eine völlig neuartige und radikale Perspektive auf afrikanische Kunst und Geschichte an: „Black Is King“ ist ein mutiger, pulsierender Gegenmythos zum kolonialen Sehen und Gesehenwerden.

Und der Gegenstand des Films wird hier eben nicht auf ein leichtverdauliches Konsumprodukt reduziert, sondern in einer Art schillernder Operette in übersättigten Kontrasten, anmutigen Pastelltönen, disruptiven Choreografien und kosmischen Einstellungen wie neu erfunden. „Black is Beautiful“, könnte das ästhetische Oberthema davon lauten, oder wie es anfangs heißt: „May Black be synonymous with Glory“ – Beyoncé hat in dieser Szene gerade das mosesgleiche Baby im Binsenkörbchen empfangen und spaziert mit einer Reihe schwarzer Müttern am Wasser entlang, in eine hellere Zukunft.

Der Musikfilm ist durchzogen von solchen, theologisch-politischen Bildern in Anlehnung an die Exodus-Geschichte und afrikanische Mythenbildung. Und natürlich an das, was man, im Nachgang an das Pop-Phänomen „Wakanda“, dem fiktiven, von kolonialer Zerstörung bewahrten Sehnsuchtsort aus Ryan Cooglers „Black Panther“ (2018), als schwarzen Zionismus bezeichnen könnte: Beyoncé bebildert eine Vision, die der Diplomat Edward Wilmot Blyden schon im 19. Jahrhundert aufbrachte und der Aktivist Marcus Garvey später prominent verbreitete – dass nämlich Menschen afrikanischer Abstammung im Westen einer Art panafrikanischer Erlösung zuarbeiten sollten. Die Idee dahinter: Hatte die koloniale Unterwerfung Afrikas in den Köpfen der Weißen begonnen, so musste seine Rückgewinnung in denen der Schwarzen beginnen. Oder, wie Beyoncé das Filmprojekt auf Instagram kommentierte: „Ich wollte Elemente schwarzer Geschichte und afrikanischer Tradition präsentieren und zeigen, was es wirklich bedeutet, ein Vermächtnis aufzubauen.“

So hat Beyoncé zusammen mit afrikanischen Filmemachern, Produzenten und Choreografen ein Werk geschaffen, das für westliche Sehgewohnheiten erst mal sperrig erscheinen mag, einen beim Zuschauen aber immer tiefer in den ästhetischen Bann zieht. Lose an das Lion-King-Narrativ angelehnt hangelt der Film sich von einem Musikvideo zum nächsten und spielt dabei diverse Musiker ein. Jessy Reyez tritt etwa als mystische Figur in einem von Nebelschwaden verhängten Waldstück auf, sie scheint Naturgeister zu beschwören. Shatta Wale singt mit Beyoncé in einem von Major Lazer produzierten Song zu Bildern kreisförmiger Autorennen und hinter goldenen Ringen aufleuchtenden, mit abstrakt-tribalistischen Mustern bemalten Körpern. Und Jay-Z ist, wie auch anders, der illustre König, die glänzende Entsprechung der Lion-King-Figur Mufasa. Man sieht auch Pharrell Williams, Lupita Nyong’o oder Naomi Campbell, aber auch weniger bekannte Gesichter wie die britisch-nigerianische Sängerin Jenn Nkiru.

Immer wieder verschmilzt die opernhafte Maximalkraft der Stimme und Aura Beyoncés mit musikalischen Stilarten aus HipHop, Afrobeat, Dancehall, Soul und Pop. Und, wenn auch nur als Nachklang, im Subtext, Jazz: Theolonious Monk etwa, oder Sun Ra, der Urvater des Afrofuturismus, der einen musikalischen Kult entlang kosmischer Utopien schwarzer Befreiung gründete und an „Black Is King“ wohl eine helle Freude gehabt hätte. Eine Einstellung zeigt Beyoncé in einem goldmaschig-glänzenden Kostüm mit kronenhafter Kopfbedeckung – möglicherweise tatsächlich eine Hommage an Sun Ra.

„Der König der Löwen“ brachte afrikanische Mythen und Traditionen erstmals auf großer Skala auf die Leinwand, aber selbst die Version von 2019 bezeichnenderweise nur in Form von Tiermetaphern, ohne dabei eine einzige schwarze Person zu zeigen. In „Black Is King“ hat Beyoncé diese Geschichte mit ihrem schwarzen Erbe verbunden.