Berlin - Gleich zu Beginn seines Films „Lords of Chaos“ macht Jonas Åkerlund seinen Standpunkt klar: Die Geschichte basiere auf Wahrheit und Lüge, ist im Vorspann zu lesen. So enthebt sich der Regisseur wenig elegant der Verantwortung, eine klare Haltung gegenüber seinen Protagonisten und ihrer Geschichte einnehmen zu müssen. Doch was folgt, hätte dieser Haltung bedurft.

„Lords of Chaos“ zeigt toxische Männlichkeit

Denn „Lords of Chaos“ beschäftigt sich in Spielfilmform mit den Geschehnissen in der norwegischen Black-Metal-Szene der 90er-Jahre, die das skandinavische Land monatelang in den Fokus der Öffentlichkeit rückte: Die Brandstiftungen und den Mord an dem Homosexuellen Magne Andreassen, der von Bård  Eithun, Schlagzeuger der Band Emporer, in einem Park erstochen wurde und dem Tod des „Mayhem“-Bandgründers Øystein Aarseth, bekannt unter dem Pseudonym Euronymous, der 1993 von seinem  Freund und damaligen Bassisten Varg  Vikernes umgebracht wurde.

Das alles ist bald drei Jahrzehnte her, aber bis heute prägen die Taten das Schauder-Image der skandinavischen und internationalen Black-Metal-Szene, jener Metalspielart, die sich durch unleserliche Schnörkelnamen und hübsch-eklige Schauerrituale hervortut, vom blutigen Schweinekopf auf der Bühne bis zum nihilistischen Geächze, in der Regel dargebracht in nietenbewehrter Lederkluft und albernem Corpsepaint, jener Leichenbemalung, mit der schon Alice Cooper die Eltern seiner Fans nicht zu vergruseln wusste.

Jonas Åkerlund, selbst ehemaliger Schlagzeuger der Metalband Bathory und mittlerweile erfolgreicher Videoregisseur für Künstler wie Rammstein, Madonna oder The Prodigy, erzählt episodenhaft vom Aufstieg Mayhems aus der norwegischen Provinz. Die ist wohl so idyllisch, dass man als Jugendlicher gar nicht anders kann, als sich mit Gleichaltrigen endlosen Sauforgien mit angeschlossenem Satanismus im heimischen Hobbykeller hinzugeben. Die Musik, Mayhems Metal und die das Genre sprengenden Ideen Vikernes, spielen bei Åkerlund keine Rolle, sie sind nur der Rahmen für seine Idee einer Coming-of-Age-Geschichte um die Freundschaft zweier junger Männer, deren dauerhafte Rivalität zum Tode des einen durch die Hand des anderen führt: 1993 meuchelt Varg Vikernes seinen Mitstreiter bei Mayhem und Labelboss Euronymous mit 23 Messerstichen und sitzt dafür bis 2009 ein.

„Lords of Chaos“: Blutrünstige Show

Der Mord ist nicht nur logischerweise das Ende der Freundschaft, sondern auch der Gipfel einer Beziehung, deren Zutaten – Mackertum, Testosterongeprotze und brodelnde Wut – man heute als toxische Maskulinität bezeichnen würde; eine Spirale, die nur ein Ende findet, wenn einer der Beteiligten ausscheidet.

Vikernes selbst beschreibt den Mord als Notwehr. Åkerlund ist sich indes sicher, dass der Tod Euronymous' darin begründet liegt, dass sich dieser dem Irrsinn seiner Bandmitglieds im Besonderen und dem der nach immer neuen Skandalen lechzenden Szene im Allgemeinen entziehen wollte: Am Anfang reicht es noch, dass Vikernes Norwegens berühmte Stabkirche Fantoft niederbrennt, um sein Image bei den Black-Metal-Fans zu festigen, nachdem aber der Emporer-Schlagzeuger Bård Guldvik Eithun in Lillehammer den Schwulen Andreassen ersticht, liegt die Latte höher. Dass bis heute gemutmaßt wird, die eigene unterdrückte Homosexualität Eithuns könnte der Anlass für den Mord sein, ist Åkerlund natürlich kein Thema, ihm es geht es um den Effekt, um die blutrünstige Show, mit der der Mord in einer kaum zu ertragenden Szene gezeigt wird. Åkerlund weiß, was er seinem Publikum schuldig ist und liefert kaltschnäuzig. Die Tiefe der Tragik und die Frage nach dem Opfer bleiben  für den Regisseur unerheblich.

Ebenso wie die Tatsache, dass es sich bei Vikernes offenbar nicht nur um einen Psychopathen handelt, der eine Jugendkultur und ihre Möglichkeiten als Ventil für seine Mordlust missbraucht, sondern auch bis heute als einer der ekelhaftesten rechtsnationalen Figuren der Szene gilt, die in regelmäßigen Abständen mit einem üblem Gebräu aus Herrenrasse-Geschwafel und verquerem Neuheidentum von sich reden macht.

Lords of Chaos Großbritannien/Schweden 2018, Regie: Jonas Åkerlund. Darsteller: Rory Culkin, Emory Cohen u.a. 118 Minuten, Farbe. FSK: ab 18 Jahre