Ich persönlich habe bis heute ja nicht verstanden, wozu organisierte Religionsausübung gut sein soll, abgesehen davon, dass sie ungefestigten Naturen immer wieder hinreichend Anlass für die Erzeugung von Unfrieden und Unfug verleiht. Andererseits muss man – apropos Unfug – natürlich zumindest der christlichen Religion dafür danken, dass sie uns mit dem charismatischen Sidekick von Gott, Satan, eine künstlerisch und insbesondere musikalisch bis auf den heutigen Tag inspirierende Figur geschenkt hat! Ohne Christentum gäbe es keinen satanistischen Heavy-, Black- oder sonstigen Metal, und das wäre doch schade.

Wie überaus schade das wäre, konnte man sich am Sonntagabend noch einmal in der ausverkauften Freilichtbühne Wuhlheide vor Augen führen. Dort feierten die Erfinder des gotteslästernden Rock, Black Sabbath aus Birmingham, eine gleichermaßen erhabene wie kurzweilige Messe. Zwei Stunden lang spielten sie sich durch ihr in 45 Jahren erarbeitetes Repertoire von „War Pigs“ und „Paranoid“ bis zu neuesten Errungenschaften wie „End of the Beginning“ und „God Is Dead“. Das Publikum bestand zu erheblichen Teilen aus jeanswestentragenden Männern im besten Alter, die ihre Oberarme vor 20 bis 30 Jahren mit ornamental umrankten Fledermausfiguren verziert hatten. Für den nostalgischen Freund historischer Tätowierungstechniken gab es entsprechend viel zu sehen; auch wer sich für die Transformationsprozesse von Tinte im Wechselspiel von Verblassung und faltig werdender Haut interessiert, war in der Wuhlheide recht.

Wo bin ich hier eigentlich gerade?

In ausgesprochen guter Form zeigte sich die Band selber, die abgesehen von dem vor einer Weile entlassenen Schlagzeuger Bill Ward zum ersten Mal seit dem Jahr 1970 wieder in Originalbesetzung auf einer Berliner Bühne zu sehen war. Der kürzlich erst von Lymphdrüsenkrebs genesene Gitarrist Tony Iommi spielte zeitlupenartig verschlickte Blues-Riffs ebenso wie die gelegentlich sich daraus entwickelnden floralen Soli mit der gleichmütigen Miene eines etwas unterforderten Erdkundelehrers. Trotz der tropischen Temperaturen im Wuhlheidenkessel trug er wie stets einen dreiviertellangen Ledergehrock.

Der Sänger der Gruppe, Ozzy Osbourne, kam hingegen in einem bodenlangen schwarzen Stoffmantel auf die Bühne, den er allerdings schon nach dem Eröffnungsstück „War Pigs“ von sich warf. Darunter enthüllte er ein schwarzes Hemd mit Glitzerbestickung im Bereich des Dekolletés; ein ähnliches Kleidungsstück hatte zuletzt Stevie Nicks beim Konzert ihrer Band Fleetwood Mac angehabt. Wenn Osbourne nicht gerade zum Zweck des Singens am Mikrofonständer verharrte und mit seiner unnachahmlichen Mischung aus „Wo-bin-ich-hier-eigentlich-gerade-und-wer-sind-diese-Leute-um-mich-herum“-Ratlosigkeit und priesterlicher Vollkontrolle über den ekstatischen Mob in die Arena guckte, huschte er mit steifer Hüfte, nach vorn gebeugtem Oberkörper und schlaff zu beiden Seiten hinunterschlackernden Armen über die Bühne: eine Form der Motorik, die man sich auch gut an einem Rollator vorstellen könnte.

Doch gäbe Ozzy Osbourne gewiss einen sehr wendigen Rollatorbenutzer ab! Nach der Hälfte des Konzerts begann er sich zwischen den Stücken aus einem schwarzen Blecheimer Wasser über den Kopf und den Körper zu schütten, so dass er wie ein begossener Satanspudel aussah. Black-Sabbath-Experten berichten, dass er dies nicht zuletzt deswegen tut, weil er sich wegen altersbedingter Inkontinenz (er ist 66 Jahre alt!) während der Konzerte des Öfteren einzunässen pflegt und es dann nicht mehr so auffällt, wenn er überall nass ist. Da ich nicht nah genug vor der Bühne stand, kann ich das aber nicht verifizieren.

Erregte Demonstrationen gegen sich selbst

Bill Ward am Schlagzeug ersetzte der in diesem Rahmen mit 34 Jahren geradezu lachhaft junge Tommy Clufetos, den das Fachpublikum von Ozzy Osbournes Soloplatten, aber auch aus der Zusammenarbeit mit Ted Nugent kennt. Nicht zuletzt in einem nicht enden wollenden Double-Bass-Solo in dem Stück „Rat Salad“ drosch Clufetos ein derart flottes Fell, dass man sich gelegentlich fragte, ob er nicht eigentlich zu virtuos für die Band ist.

Zu dem dritten Stück des Abends, „Under the Sun“, zeigten Black Sabbath auf einer großen Videoleinwand stolz bewegte Bilder von erregten Demonstrationen gegen sich selbst: Züchtig bekleidete Männer und Frauen hielten bei organisierten Anti-Black-Sabbath-Protesten Schilder in die Kamera, auf denen sie die Gruppe als mit dem Teufel im Bunde bezeichneten. Anschließend wurden abwechselnd Ausschnitte aus italienischen Nonnenpornofilmen und authentische Bilder von Sektenmassenselbstmorden gezeigt sowie eine lange Einstellung von Benedikt XVI., der mit dem ihm eigenen leicht diabolischen Grinsen von einem Balkon herunterwinkte; und wie man den Gegenpapst Ozzy Osbourne da so mit seinen schlackernden Armen unter dem winkenden Expapst herumhüpfen sah, dachte man, dass die beiden sich doch schon recht ähnlich sind.

Ungelöst bleibt nach dem Ende dieses wirklich sehr tollen Abends nur die Frage, warum Ozzy Osbourne sein Publikum neuerdings nicht nur mit dem traditionellen „God bless you“ – Gott segne euch – zu begrüßen pflegt, sondern auch mit dem Kuckucksruf, woraufhin die 17000 Hörer ihm wiederum mit einem kollektiven „Kuckuck! Kuckuck!“ antworteten. Ist dieser bisher so tadellos beleumundete Vogel jetzt auch vom Teufel besessen? Oder von Gott?