Dann geht es wirklich nicht mehr, die Beine verlieren den letzten Kontakt zum Beat, wer eben noch tanzte, steht nun starr herum; der Rhythmus verschwindet unter knirschenden Flözen aus Krach, und wenn er gelegentlich wieder hervorklingt, dann als somnambul wirkendes Ticken, über dem melancholisch umflorte Molltöne monoton stehen.

Immer langsamer und in sich verkapselter erscheint die Musik, bis der Musiker, der auf der Bühne bislang bloß mit ein paar elektronischen Geräten hantierte, zu einem übersteuerten Mikrofon greift, das in den höchsten hirnschmerzeugendsten Frequenzen mit seinem Verstärker rückkoppelt, und in selbiges mit bebenden Nüstern hineinzuzürnen beginnt.

Und während der Musiker dergestalt bebt und zürnt, beginnen die Bässe aus den gewaltigen Boxen am Rand der Tanzfläche plötzlich wie ein Orkan gegen die Menschen zu wehen; jene Menschen, die zweifellos gern noch weitergetanzt hätten in dieser zwar durchweg in düsteren Farben gemalten, aber bis dahin noch recht tanzfreundlichen Tanzmusiknacht im Berghain; aber jetzt, es ist halb sechs Uhr früh, geben sie endgültig auf.

Dominick Fernow heißt der Mann, der dem Berliner Technopublikum so kunstvoll den Garaus machte, in der Nacht zum Sonnabend spielte er im Berghain ein sagenhaft lautes und in sämtlichen Frequenzbereichen gleichermaßen furios fieses Konzert.

Fernow gehört zu den fleißigsten Krachkünstlern der letzten Jahre; seit Ende der Neunziger hat er uns mit einer unübersehbaren Vielzahl an CDs, Schallplatten und Musikcassetten beglückt, auf denen er unter wechselnden Namen wie Vatican Shadow, Rainforest Spiritual Enslavement oder Prurient wahlweise Industrial-Lärm, lichtlosen Techno oder Lo-Fi-Mikrofon-Feedback-Kreischen mit religiösen Gesängen veröffentlichte.

Als Prurient hat er in diesem Sommer mit dem Doppelalbum „Frozen Niagara Falls“ sein Meisterwerk herausgebracht, eine virtuos verstörende Kompilation aus verzerrtem Geächz und Gegrunz, weltwehem langsamen Spinettgeklimper, scharf scheppernden Beats und tief sich in das Hirn sägenden Hochfrequenztönen, beschlossen von einer wunderschön resignativ geflüsterten Psych-Folk-Ballade, „Christ Among the Broken Glass“.

Im Berghain war Prurient bei einem kleinen Festival von Blackest Ever Black zu erleben: Das in London gegründete und inzwischen in Berlin beheimatete Schallplattenlabel feierte seinen fünften Geburtstag mit einer Reihe von Konzerten und DJ-Sets, bei denen sich – wie für das Blackest-Ever-Black-Programm üblich – Techno und Industrial, Post-Dubstep und Noise, innerlich bewegte Tanzmusik und monolithisch erstarrter Krach in inspirierter Weise miteinander verbanden.

Zum Beispiel bei dem fantastischen Auftritt des Londoner Duos Raime, dessen gleichnamige Debüt-EP 2010 die erste Veröffentlichung des Labels war. Joe Andrews und Tom Halstead grundieren ihre kalten Industrial-Klänge mit den komplexen Rhythmen des Dubstep, was in etwa so klingt, als ob ein synkopenkundiger Knecht in einem Kerker rostige Gitterstäbe beklopft. Im Konzert schwebten dazu noch von fern magnetische Bässe heran; manchmal schienen auch schwere Blechblastöne in Moll zu schwellen wie auf einem Depeche-Mode-Album aus der Berliner Phase.

"Diät" mit einem zornig-rohen Konzert

Noch deutlicher der Klangwelt der Achtzigerjahre verhaftet war Tropic of Cancer, das Bandprojekt der Londoner Produzentin Camella Lobo. Ihre Songs klangen wie endlos repetierte Partikel aus frühen Cure-Singles – rhythmisiert allerdings von einer kristallin-klar knallenden Beatbox, die den Gesamtklang dominierte, während die Gitarre, der Bass und das den Gesang ersetzende Wimmern von Lobo verhallt und verschleiert im Hintergrund dräuten. Ein Konzert, das dadurch noch interessanter wurde, dass die Sängerin im siebten Monat schwanger war: Der Embryo von Camille Lobo braucht sich über mangelnde Bassmassagen nicht zu beschweren.

Meine persönliche Entdeckung des Festivals war eine Band, die bislang noch gar nicht auf dem Blackest-Ever-Black-Label veröffentlicht hat: Das berlinisch-brandenburgische Quartett Diät eröffnete den Abend im Berghain mit einem zornig-rohen, aber überaus eingängigen Postpunk-Konzert, samt präzise nach vorn schepperndem Schlagzeug und einem stets aus dem Klanghintergrund sich nach vorn schuftenden, weltmüde barmenden Bariton nach Ian-Curtis-Manier.

Wodurch Diät einerseits an alte Session-Aufnahmen von Joy Division erinnerten, dank des sarkastischen Polit-Punk-Tons ihrer Lieder aber andererseits nie in – die etwa bei Tropic of Cancer stets drohende – selbstgefällige Weltmüdigkeit regredierten. Diät glauben zwar nicht, dass es was nützt, schreien aber ihren Hass auf die Welt unbeirrbar heraus! Womit sich dann wieder der Bogen zu Prurient schließt, der das Publikum mit seinem finsteren Krach zirka acht Stunden später in den immer noch nicht dämmernden Morgen verscheuchte.