Wenn sich weiße Menschen im Gesicht schwarz anmalen, wird das Blackfacing genannt.
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BerlinWir müssen noch mal über den Swarten Piet sprechen. Den Schwarzen Peter, der in Begleitung von Sinterclaas, dem Heiligen Bischof Nikolaus von Myra, angeblich aus Spanien kommend derzeit durch die Niederlande und Flandern wandert, gefahren, geschifft oder getragen wird – und dabei auf heftigen Widerstand stößt.

Nicht der Heilige mit dem langen weißen Bart, der ist auch in Zeiten grassierender Altersdiskriminierung und Panik vor sexueller Belästigung beliebt. Obwohl germanophile Nationalisten schwafeln, er komme aus dem Ausland, sei gar ein Einwanderer aus der Türkei.

Die Wut macht sich am Gesellen des Bischofs fest, am Swarten Piet. Bei seiner Darstellung handelt es sich um einen klassischer Fall von Blackfacing. Manchmal ist zwar auch Whitefacing zu beobachten, auf der niederländischen Insel Bonnaire etwa. Und in Curacao macht man das Gesicht regenbogenbunt. Aber das sind Ausnahmen. Meist bleibt es bei der karikaturenhaften Übertreibung mit breiten roten Lippen, Kugelaugen und Kraushaarperücken. Das kann man kaum anders als rassistisch bezeichnen.

Niederländer stehen hinter Tradition

Trotzdem stehen etwa 90 Prozent der Niederländer hinter dieser Tradition. Es gibt viele Erklärungen für das Phänomen, dass eine Gesellschaft, die sich selbst als farbenblind bezeichnet, hier so farbentreu ist. Traditionsbewusstsein, die Freude der Kinder, subkutaner Rassismus. Kann alles stimmen.

Ich vermute einen weiteren Grund: Das Land ist vom gardinenlosen Wohnzimmerfenster bis zu den in strengen Reihen gepflanzten „Wäldern“ so wohlgeordnet, dass sich der Perfektionsanspruch ein Ventil suchen muss. In Saufgelagen am Königstag, im freizügigen Kiffen oder eben im Kult um den Swarten Piet. Und so müssen sich Kritiker der Umzüge schlicht anhören: „Ihr könnt uns mal ...“. Der Swarte Piet gibt dem meist verborgenen niederländischen Anarchismus ein Gesicht.