Die K-Pop Band Blackpink
Foto: Universal  Music/Jordan Strauss

Wenn Radiomoderatoren einen K-Pop-Song spielen, bricht Sekunden später ein digitaler Sturm der Liebe über sie herein, weil die Fans dieser Musik ihr Glück kaum fassen können. Hierzulande dominieren englischsprachige Songs. Die Vorliebe für koreanisch-sprachigen Pop wird wie eine jugendliche Schrulligkeit wahrgenommen.

Dabei schießen K-Pop-Hits immer häufiger an die Chartspitzen. Der neuste Exportschlager heißt Blackpink. Die Girlgroup veröffentlicht schon seit 2016 im Hause YG Entertainment (YG). Das Video zu „How You Like That“ wurde am ersten Tag 86,3 Millionen mal aufgerufen. Blackpink trat als erster weiblicher K-Pop-Act beim Coachella Festival auf. Aber was macht sie so erfolgreich?

Eingängige Melodien, die man nicht aus dem Kopf kriegt, weil sie in Songstrukturen stecken, die die Trends der jüngsten Popvergangenheit zitieren? Perfekte Choreografien in exzessiv ausstaffierten Videos, die die halbe Welt zum Nachahmen auf TikTok animieren? An der Kaufkraft der Fanbase, die ihre Heldinnen Jisoo, Jennie, Lisa und Rosé für ihre Fähigkeiten vergöttert? Bewährtes neu zu kombinieren und zu überdrehen, hat bisher vielen K-Pop-Bands die nötige Aufmerksamkeit beschert. Das kann es nicht sein.

K-Pop ist eine gut geölte, staatlich geförderte Maschinerie

Um den Hype zu begreifen, muss man die Produktionsstrukturen dahinter kennen. K-Pop ist eine gut geölte, staatlich geförderte Maschinerie, die seit Anfang der 90er-Jahre die Rohdiamanten der Region in Kaderschmieden zu perfekten Performern schleift. Südkoreanische Staatsbeamten bezeichnen K-Pop unumwunden als Soft Power, also als Mittel politischer Machtausübung auf Grundlage kultureller Attraktivität. 2018 ließ der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un seine Termine umsortieren, um den Frauen der Girlgroup Red Velvet die Hände zu schütteln. 2019 debattierte die Regierung Südkoreas die Aussetzung der Wehrpflicht angesichts des globalen Erfolgs der Boyband BTS. K-Pop steht für das Potenzial einer ganzen Nation. Damit die Symbolwerdung gelingt, gelten für die Individuen ab Ausbildungsbeginn restriktive Verträge. Unter den Hobel kommt der Kontakt zur Familie, ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung.

Wie auch das Debütalbum von Blackpink zeigt, geben die Songtexte darüber keinen Aufschluss. Für „Pretty Savage“ führen sich die vier als „bitshes you can't manage“ auf, was angesichts ihrer vier- bis sechsjährigen Ausbildung und vollen Terminkalender kaum stimmt. Zeilen wie in „Lovesick Girls“ wiederum spiegeln die K-Pop-Star-Realität unfreiwillig zynisch: „A prince not even on my list / Love is a drug that I quit“? Das liegt wohl weniger an persönlichen Präferenzen, als an der Konzernpolitik von YG, die ihren Performern romantische Beziehungen ebenso verbietet wie den Konsum von Alkohol, Zigaretten sowie Autofahren. Praktisch: So wahrt man nicht nur das Image als verfügbarer, skandalfreier Schwarm, sondern mindert sogleich die Risiken für Leib, Karriere – und Investitionsanlage des Managements.

Die Band Blackpink wirkt niedlich, doch sie repräsentiert in Korea ein aggressives Frauenbild.
Foto: YG Entertainment

Damit kein Missverständnis aufkommt: Blackpink ist nicht niedlich. Blackpink repräsentiert ein aggressives Frauenbild. Spiegelglasverkleidete Panzer und Schlagfallen schmücken ihre Videos, Bewegungen, die den Rückstoß einer Schusswaffe simulieren, ihren Tanz und das Wort savage, also die von Rapperinnen etablierte Selbstbezeichnung als Wüstling, ihre Texte. Aber die Rolle des Tomboy gehört zum K-Pop-Repertoire, seit es Hiphop gibt. Und die Pose der starken Frau hat YG schon mit dem Blackpink-Vorgänger 2NE1 erfolgreich vermarktet.

„Blackpink: Light Up The Sky“ gibt einen Einblick in die K-Pop-Welt

Nicht Neuartigkeit ist das Qualitätskriterium des K-Pop, sondern das passgenaue Zuschneiden des Produkts auf die Kundenpräferenz. Und dass der Starbegriff nicht um das begnadete Individuum kreist, sondern um das neoliberale Versprechen, dass sich harte Arbeit auszahlt, hat gute Gründe: Anders als in den USA fand Popmusik in Korea nicht über das Radio zum Publikum, sondern über TV-Sendungen, die der Zensur unterlagen. Während die Bürger westlicher Staaten es sich nach dem Zweiten Weltkrieg leisten konnten, Musik als Freizeitbeschäftigung zu erleben, war Pop dank südkoreanischer Talentshows immer Entertainment. Und: Heute haben selbst Kinder aus besseren Verhältnissen kaum eine Chance auf stabile Einkommensverhältnisse. Wo die Aussicht auf Aufstieg so verschüttet ist, glänzt das vermeintlich glamouröse Leben eines K-Pop-Idols besonders verlockend.

Einen Einblick in ihre Welt simuliert die Netflix-Produktion „Blackpink: Light Up The Sky“, ein derart geskripteter Dokumentarfilm, dass er sich als Marketing-Tool verrät. Darin bereiten die Mitglieder zuckrige Süßigkeiten zu, als wäre ihnen nicht seit jeher ein Maximalgewicht vorgeschrieben. Sie sagen erneut – Fans können vielleicht schon mitsprechen – die Story ihrer Starwerdung auf und packen die Koffer für den nächsten Auftritt selbst. Sie erzählen sogar, wie hart es war, als Trainee die ständige Kritik, später als Top-Performerin das Heimweh auszuhalten. Wird hier an der perfekten Illusion gesägt? Hält bald die Menschlichkeit Einzug im K-Pop?

Die Nahbarkeit ist kalkuliert. Produzent Teddy Park erklärt, dass man erkannt habe, dass Persönliches erzählt werden muss, sprich: die Heldenreise einer Koreanerin, die einen Teil ihrer Schulbildung in Neuseeland genoss und für K-Pop zurückkehrte (Jennie); einer Thailänderin, die sich mit ihrem Tanztalent gegen 4000 Konkurrenten durchsetzte (Lisa); einer Koreanerin, die bescheiden von Babyspeck plaudert, obwohl sie als das „Visual“ der Gruppe gilt (Jisoo); und einer Neuseeländerin, die die Schule in Melbourne abbrach, um der Zukunft als K-Pop-Star eine Chance zu geben (Rosé).

Es ist rührend naiv, wenn Jennie das Coachella-Debüt damit rekapituliert, dass Blackpink damit „etwas ganz Neues“ gezeigt habe. Was sie wohl nicht meint: das für viele unrealistische Versprechen der Leistungsgesellschaft, das K-Pop groß gemacht hat und jetzt anhand vielsprachiger Protagonistinnen auf den Schwingen selbstbewusster Weiblichkeit wieder gen Westen getragen wird. Nichts daran ist neu oder allgemeingültig. Der Schwindel wird in Kauf genommen, weil jeder Ton, jeder Move sitzt. Wenn die Kunst der Kopie so virtuos zelebriert wird wie von YGs vier Grazien, ist Schablonenartigkeit kein Makel mehr, sondern die Krönung eines Genres. Nicht ohne Grund prangt ein Diadem auf dem Albumcover, das keinen Hehl aus seinem funktionalen Charakter macht. Es heißt schlicht und einfach „The Album“.

Die Dokumentation „Blackpink: Light Up The Sky“ ist seit dem 14. Oktober auf Netflix zu sehen, die CD „The Album“ von Blackpink ist bei Interscope (Universal Music) erschienen. Unsere Autorin empfiehlt die Doku „9 Muses of Star Empire“ auf YouTube.