Kaum ein Film hatte eine so bewegte Geschichte wie Ridley Scotts „Blade Runner“. Am Set gab es Gerangel zwischen dem britischen Regisseur und seinem US-Team, es gab ernste Finanzierungsprobleme. Als der Film 1982 in die Kinos kam, war das nur eine Konsensfassung, Hinzugefügt wurde auf Studiodruck ein erklärender, launiger Off-Kommentar des Hauptdarstellers und ein seltsam unpassendes angefügtes Happy End. Nach Kritiken, die dem Film jede Bildgewalt zu- und jede echte Emotion absprachen, war das kommerziell ein Reinfall.

Düstere Zukunftsvision

Doch über die Jahre, angeschoben auch durch die Verfügbarkeit auf Videokassette, wandelte sich das Bild, „Blade Runner“ galt irgendwann als unterschätzter, visionärer Kultfilm und eines der besten Werke der 80er-Jahre. 1992 legte Ridley Scott einen „Director’s Cut“ seines Films vor, der die schlimmsten Entstellungen entfernte, und 2007 noch einen „Final Cut“. Dass „Blade Runner“ inzwischen als Meisterwerk gilt und die Eigentumslage am Stoff kompliziert war, hat viele beruhigt, die im Zeitalter der Sequels eine Neuauflage des Klassikers befürchteten.

Mit Denis Villeneuves „Blade Runner 2049“ ist jetzt genau jene Fortsetzung in die Kinos gekommen, die keiner erwartete hatte. Filmfreunde und Fans des Originals hat das eher nervös gemacht. Aber es kann Entwarnung gegeben werden. Villeneuve und sein Kameramann Roger Deakins sind nach „Prisoners“ (2013), „Sicario“ (2015) und „Arrival“ (2016) zurecht gefeierte Stars des ambitionierten, vertrackten Unterhaltungskinos, Meister des bildgewaltigen Autoren-Spektakels. Und Ridley Scott ist am neuen Film als Produzent beteiligt. Villeneuve und „Blade Runner 2049“ lassen das Original unbeschädigt. Über weite Strecken spinnt man die düstere Zukunftsvision von einst einfach schlüssig fort.

Besonders in den ersten zwei Dritteln des überlangen Films gelingen Villeneuve und seinen Autoren wunderbare, deprimierende Ausflüge in die (Innen-)Welt einer nicht so nahen Zukunft. 30 Jahre nach der Geschichte des Originals arbeitet K (Ryan Gosling) wie einst Harrison Fords Rick Deckard als „Blade Runner“, das sind Polizisten, die abtrünnige Replikanten – für Arbeits- oder Sex-Dienste gezüchtete künstliche Menschen – aus dem Verkehr ziehen. Dass K selber ein Replikant ist, spitzt konsequent die Ideen von Scott und Philip K. Dick zu.

Der Polizist lebt in einem Wohnsilo, umsorgt von dem Partnerinnen-Hologramm Joi (Ana de Armas), die Welt hat sich in drei Jahrzehnten geändert, ist aber auch nicht besser geworden. Ein gewaltiger, menschenfeindlicher Moloch, verseuchte Ödnis, trostlos. Doch bei seiner Arbeit findet K dann auch eigenwillige Spuren – eine Blume, eine vergrabene Kiste als Sarg. Irgendetwas scheint vor Jahrzehnten passiert zu sein, das die klägliche Gesellschaft in Frage stellt: Ks Chefin (beachtlich eisig: Robin Wright) will, dass er alles verschwinden lässt, der blinde Groß-Industrielle und Replikanten-Entwickler Niander Wallace (Jared Leto) versteht Ks Fund als Schlüssel einer gesellschaftlichen und geschäftlichen Revolution. Doch K sieht das als Chance zur Selbstfindung.

Unglaubliche Bilder

Wer bin ich, woher komme ich, wie viel Zeit bleibt mir? Was macht einen Menschen oder eben eine Maschine menschlich? Das waren die existenziellen Grüblereien des alten „Blade Runner“. Solange Villeneuve nur Goslings K folgt, steckt auch der neue Film voller Sinnfragen und gewaltiger Bilder. Doch wenn der junge Polizist Rick Deckard aufspürt, ändert sich der Tonfall, dann folgt der Film weniger Philip K. Dick, sondern eher „Terminator“ und aktuellen Action-Blockbustern.

Und während Gosling eine nuancierte, fesselnde Darstellung abgibt, bleibt Harrison Ford seltsam konturlos, seinen Deckard spielt er nicht anders als die gereiften Versionen von Han Solo oder Indiana Jones. Das ist schade. An den unglaublichen Bildern und melancholischen Szenen ändert das nichts. Doch „Blade Runner 2049“ bleibt doch nur Fortsetzung und wird dem Klassiker von 1982 nur momentweise gerecht. Aber vielleicht war es anders gar nicht möglich.