Helena (Janine De Bique, hinten) und Hermia (Karis Tucker).
Foto: Bettina Stoess

Berlin-CharlottenburgBenjamin Brittens Oper „A Midsummer Night’s Dream“ wird gern aufgeführt, nach „Peter Grimes“ und etwa gleichauf „Turn of the Screw“ dürfte sie die meistproduzierte Britten-Oper sein. Man kann sich an dieser relativen Bevorzugung stören: Liegt das am Ende nur an der in Deutschland besonders beliebten Shakespeare-Vorlage? Was hat diese von Britten rasch und in einer gewissen Verlegenheit geschriebene Oper – der vergrößerte Saal seines Musikfestivals in Aldeburgh brauchte 1960 ein Einweihungsstück – mit seinen persönlichen Obsessionen zu tun? Wo ist in dieser Ensembleoper der typisch Brittensche Außenseiter? Und hat Britten nicht zuletzt doch musikalisch stärker erfundene und profilierte Stücke geschrieben?

Eine verdrehte Welt

Dieser Skepsis tritt die Deutsche Oper in der vierten Produktion ihres Britten-Zyklus mit einem starken Plädoyer für das Stück entgegen. Die nächtlichen Klänge, die Donald Runnicles von Beginn an dem Orchester des Hauses entlockt – raschelnde Dreiklänge, die sich auf geheimnisvollen Glissando-Mondstrahlen fortbewegen – sind in dem hier realisierten pianissimo nicht nur faszinierend, sie schließen auch direkt an die Poetik des Nächtlichen an, die Britten in Werken wie der Tenor-Horn-„Serenade“ oder dem düsteren Kammergesangszyklus „Nocturne“ entwickelt hat: Eine nicht nur romantische, traum- oder albtraumhafte, sondern eine verdrehte Welt – denn ausgerechnet die Dreiklänge schließen sich zur zwölftönigen Totalität zusammen.

Als Puck im Auftrag des Feenkönigs Oberon mit der schwarzen Wunderblume dem Lysander und der Titania einen Drogenrausch verpasst, erklingen dazu jene wahrhaft toxisch glitzernden Celesta-Figuren, die auch in „Turn of the Screw“ den verführerischen Dämon Peter Quint charakterisieren, der als Untoter Gewalt über die Kinder erlangt.

Zeigt Runnicles auf der musikalischen Ebene Kontinuitäten auf, die „A Midsummer Night’s Dream“ mit den anderen Werken verbinden, so gelingt dem Regisseur Ted Huffman mit einem kleinen Detail die Anbindung des Werks an Brittens Obsessionen. Der Grund für den Knatsch zwischen Oberon und Titania bleibt in der Regel unterbelichtet, der Knabe in Titanias Obhut scheint nur ein MacGuffin, der die Geschichte in Gang bringt, aber selbst unwichtig ist.

Zum Leben erwacht

Aber wie könnte bei dem pädophil veranlagten Britten ein Knabe jemals unwichtig sein? Huffman lässt den Knabenchor der Elfen und ihre Herrscher auf einer leeren hellgrauen Schräge als hellgraue Klone im hellgrauen Frack auftreten und selbst Puck setzt sich nicht farblich, sondern lediglich durch eine Freddy- Mercury-hafte Ausstaffierung und Flugfähigkeit von ihnen ab. Den stummen Knaben jedoch kleidet er leuchtend blau und gibt ihm einen großen Hasen in die Arme. Indem er ihn als Individuum ins Zentrum rückt, kommt Brittens großes Thema gefährdete Unschuld auf die Bühne, denn Oberon möchte diesen Knaben für sich, und das ganze Drama um Drogen und Verführung bekommt eine brisante Dimension.

So wenig indes Britten sein Publikum mit seinen seelischen Problemen belästigen wollte, so wenig inszeniert Huffman diese Oper als psychoanalytisches Porträt ihres Schöpfers. „A Midsummer Night’s Dream“ kann wie alle Britten-Opern mit einfachen Mitteln zum Leben gebracht werden, und auch Huffman zerbricht sich nicht unnötig den Kopf über die einzelnen Szenen.

Lysander und Demetrius, die jungen Athener, treten in roten, aber ziemlich britischen Uniformen auf, ihr König Theseus, der erst am Ende in rotem Palast erscheint, trägt eine etwas festlichere, eher sowjetische Version und beträgt sich gegenüber seiner Verlobten Hippolyta als gewalttätiger Alkoholiker. Das Theater der Handwerker betrachten alle drei Paare von oben herab, und der sozialkritische Akzent, den Huffman hier setzt, überfällt den Zuschauer reichlich unvermittelt.

Aber da spiegelt sich wiederum nur Brittens Sympathieverteilung: Die Musik der Handwerker ist deutlich origineller als die eher konventionellen Leidenschafts-Gesten von Lysander und Hermia, von Helena und Demetrius. Wunderbar brutal stampft James Platt als Bottom nach seiner Verwandlung in einen Esel über die Bühne, und die verzerrten Klänge, die Britten dafür gefunden hat, sind prägnanter als alles, was die jungen Heteros von sich geben.

Puck hat leichtes Spiel

Entsprechend wenig bleibt von ihren Gesangsleistungen haften – Karis Tucker, Jeanine De Bique, Gideon Poppe und Samuel Dale Johnson versehen ihre Rollen mit zivilisiertem Wohlklang. Tragender sind die Rollen des Countertenors James Hall als Oberon und der Sopranistin Siobhan Stagg als Titania – sie singen das sehr schön, bleiben indes in ihrer stillisierten Verkleidung stecken und lassen wenig von ihren inneren Antrieben Klang werden; zusammen mit dem sehr sauberen, aber auch noch etwas korrekten Gesang des Kinderchors wirkt diese Elfenwelt doch etwas steril. Jami Reid-Quarrell als Puck hat dagegen leichtes Spiel und dominiert das Geschehen schon mit seinen schwebenden Überkopf-Auftritten.

A Midsummer Night’s Dream. Nächste Aufführungen am 29. 1, 1. 2., 6. 2 und 22. 2. Tickets unter: www.deutscheoperberlin.de