Sie ist das Accessoire der Internationalen Filmfestspiele: die Berlinale-Tasche.
Foto: Christian Schulz

Berlin Diese Tasche muss man wollen. Denn der Weg zu ihr führt diesmal nicht über den roten Teppich in das Untergeschoss des Berlinalepalasts.  Der Grund dafür ist irgendwie berlinisch: Da unten treten seit Januar die männlichen Stripper der Show „Magic Mike“ auf, wenn auch nicht während der Berlinale. Für die diesjährige Tasche muss man sich in den zweiten Stock des Service-Centers im Renzo-Piano-Gebäude bemühen, an den Aufzügen einen fünfstelligen Code eingeben, dann das Stockwerk. Aber egal. 

Die Berlinale-Tasche ist das Accessoire der Internationalen Filmfestspiele, einer ihrer Stars. Jeder akkreditierte Journalist hat ein Anrecht auf sie, der Beutel mit dem Bär ist Ausweis des Dazugehörens, der bald in der ganzen Stadt zu sehen sein wird, und der sich nach den Festspielen in der Welt verbreitet. Kaufen  kann man die Tasche auch. Sie kostet 16,90 Euro.  Eine smarte Investition möglicherweise: Ältere  Taschen-Jahrgänge werden mit ordentlichem Aufschlag auf Ebay angeboten.

Anspielung auf die Doppelspitze?

An die Neue in der Reihe sind die Erwartungen besonders hoch. Es ist nicht nur die erste Chatrian-Rissenbeek-Tasche, sondern auch noch die der 70. Berlinale. Wie also sieht sie aus? Auf den ersten Blick eher düster, muss man sagen. Der Shopper, den man auch über die Schulter hängen kann, ist in einen unteren hellgrauen Teil und einen oberen schwarzen geteilt. Eine Anspielung auf die Doppelspitze? Oder darauf, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist?

Auf einer silbrigen 70 prangt das bärige Berlinale-Logo. Verschließbar ist die Tasche nur ungenügend mit einem Druckknopf, der allerdings im Fall einer Kollegin schon kurz nach der Abholung nicht mehr zusammenhielt. Das Sponsorenlogo, die Audi-Ringe, sitzt bei den an Akkreditierte ausgegebenen Exemplaren unauffällig auf einem der Tragegriffe.  Ob das Rücksichtnahme ist? Wer möchte schon allzu ungeniert Werbung für das Dieselskandal-Unternehmen machen.

Die Berlinale-Tasche lässt sich gut kombinieren.
Foto: Christian Schulz

China also doch prominent vertreten

Das Material ist Baumwoll-Canvas, schön fest, doch das Gewebe riecht streng nach Chemie. Als made in China weist die Tasche das kleine Etikett im Innern aus. Also ist das Land ja doch diskret prominent bei der Berlinale vertreten. Manche Besucher dagegen können wegen Corona nicht kommen, und beim künstlerischen Input aus China sieht es noch schlechter aus. Bis auf einen Dokumentarfilm ist dieses Jahr kein einziger chinesischer Film beim Festival zu sehen. Die Aussicht auf Zensur wirkte auf die Produktionen wie eine Bremse, berichtete Carlo Chatrian.

Es hat Tradition, von der Berlinale-Tasche Rückschlüsse auf das Wesen und die aktuellen Absichten des Festivals zu ziehen. Dieser Gedankengang kam zu einem abrupten Halt, als wir beim Hinausgehen eine Tasche bemerkten, die jemand in einem BSR-Eimer entsorgt hatte. In Empfang genommen und sogleich  weggeschmissen also. Ein bestürzender Anblick, auch wenn sich sogleich jemand fand, der den Beutel erfreut an sich nahm. So wenig Langmut und Wohlwollen hat keine Tasche verdient. Und schon gar kein Filmfestival.