Es gibt Materialien, die sich nicht auf den ersten Blick für den Bau von Brücken zu eignen scheinen. Auch auf den zweiten und dritten nicht. Glas etwa. Und trotzdem gibt es seit Jahren einen regelrechten Wettbewerb, wer die längste mit Glas gebaute Brücke einweihen kann. Gerade China hat da einige imposante bauten vorgelegt. Derzeit führt die vietnamesische Bach-Long-Brücke: Sie schwingt sich 632 Meter über ein 150 Meter tief in die Berglandschaft eingeschnittenes Tal westlich von Hanoi.

Das ist ein atemberaubender Anblick. Der Name Bach Long – weißer Drache – soll wohl den ästhetischen Anspruch unterstreichen. Ein Spiel auch mit dem Material Glas: Die ohnehin grazile Hängebrücke erscheint vor der mächtigen Bergkulisse umso zierlicher, geradezu zerbrechlich. Stahlseile hängen an schlanken Pfeilern in einem langen Parabelschwung; die Bodenplattform besteht in ihrem konstruktiven Grundaufbau aus Stahlrahmen, in die dann die Glasplatten eingespannt wurden.

Die Bach-Long-Brücke trägt bis zu 500 Menschen

Angeblich, das sagen die Vietnamesen, sollen diese Glasplatten bis zu fünf Tonnen tragen können. Das sollte reichen, handelt es sich doch um eine reine Fußgänger- und Fahrradbrücke. Für bis zu 500 Menschen gleichzeitig ist sie zugelassen, und solange nicht alle im Gleichschritt darüber marschieren, dürfte die Konstruktion auch halten. Drei Schichten seien die Spezialgläser dick, gehärtet gegen Wind und Wetter, vor allem aber gegen den Abrieb durch die gehenden Menschen.

Das ist nämlich eines der Hauptprobleme bei allen Oberflächen aus Glas: Sie mögen die Lasten, die auf ihnen ruhen, gut ertragen, wenn sie etwa durch feste Rahmen gegen Spannungen gesichert sind. Deswegen wurden so manche Garagen- oder Farbikgebäude schon im 19. Jahrhundert und dann besonders im frühen 20. Jahrhundert mit begehbaren Glasböden versehen, die es erlaubten, das Licht selbst in fast vollständig überbaute Häuserblöcke einfallen zu lassen.

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Der Glasboden zerkratzt sehr schnell und muss immer wieder ausgewechselt werden: Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz.

Ein schummriges Licht allerdings. Denn auch diese Scheiben waren schnell blind: Der Sand, der in der Luft schwebt oder von den Menschen über die Glasflächen geschoben wird, ist innerhalb kürzester Zeit in der Lage, selbst spezialgehärtete Oberflächen blind zu schleifen. Ein Selbstversuch kann das schnell zeigen: Nehmen Sie ein unbrauchbares Glas, stecken Sie es in den Stand oder auch nur in einen brandenburgischen Staubsandhaufen und drehen Sie das Glas immer hin und her. Schnell ist es dauerhaft zerkratzt.

Deswegen müssen über dem Berliner Denkmal für die Bücherverbrennung die Glasplatten, durch welche man in die leere Bibliothek der vernichteten Literatur sehen kann, immer wieder ausgewechselt werden. Und deswegen verwendete Santiago Calatrava bei seiner Skandal-Brücke in Venedig von vornherein grünliche Mattglasscheiben für die Böden: Sie können nicht mehr blind werden – und erzielen bei richtigem Lichteinfall den Eindruck, als ginge man direkt durch das Wasser des Canal Grande.

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Die Ponte della Costituzione in Venedig, entworfen von Santiago Calatrava: Die grünlichen Mattglasscheiben werden im dauerfeuchten Klima der Lagunenstadt schnell rutschig.

Allerdings zeigte sich bei dieser Brücke, deren eleganter Schwung mit atemberaubendem konstruktivem Aufwand erkauft wurde und die schließlich nicht knapp sieben, sondern über elf Millionen Euro kostete, ein anderes Problem beim Bauen mit Glas: Die Scheiben wurden im dauerfeuchten Klima Venedigs schlüpfrig, bei Regen spiegelglatt – Menschen rutschten aus und kamen zu Fall. Mehr als 70.000 Euro musste Venedig schon an Schmerzensgeldern bezahlen.

Ältester Kulturstoff: die tiefere Bedeutung von Glas

Und doch, das Bauen mit Glas fasziniert genau wegen dieser Absurdität, ein hochempfindliches, zudem durchsichtiges Material  beschreiten zu können. 2020 wurde in China eine 526 Meter lange Glasbrücke eingeweiht, in Märchen tauchen immer wieder Glas- und Porzellanbrücken auf, nicht nur am Grand Canyon kann man sich auf weit über die Hangkante geschobene Glasbodenkisten wagen – und letztlich sind auch Boote mit Glasboden, wie sie in dem Filmkomödien-Klassiker „Spion in Spitzenhöschen“ Doris Day einen sensationellen Auftritt als Meerjungfrau möglich machten, Teil dieses Spiels mit der Angst, durchbrechen zu können.

Zwar sind die meisten dieser Glasböden in rein touristischen Projekten eingesetzt. Sie haben aber noch eine tiefere Bedeutung: Glas, der älteste aller vom Menschen hergestellten Kunststoffe, ist zugleich einer derjenigen, denen die größte Zukunft vorhergesagt wird. Praktisch keine Architektur der Welt kommt ohne Glas aus, selbst im Mikrochip- und schon gar in der Energieproduktion spielt Glas eine zentrale Rolle. Längst ist es möglich, ganze Glasfassaden zu Solarkraftwerken umzubauen.

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Auch der Weg zur Bach-Long-Brücke ist schon eine luftige Angelegenheit: Die Besucher sollen aus dem Schwindel (fast) gar nicht mehr herauskommen.

Als nun angesichts des drohenden Ausfalls der Gaslieferungen aus Russland die Glasindustrie klagte, dass ihre Maschinen dann innerhalb von Minuten zu Schrott werden würden, wurde so manchem erstmals bewusst, dass diese Industrie Tag und Nacht produziert – und schöne Weingläser dabei bestenfalls ein Nebenprodukt sind. Auch die längst weltweit zu spürende Sandkrise und der stockende Nachschub an Chemikalien und anderen Rohstoffen werden den Erfolg von Glasprodukten noch lange nicht behindern – zudem sie im Unterschied zu Keramiken ohne Weiteres recycelbar sind.

Glasbrücken wie die in Vietnam sind also nicht nur ein Instagram-Spaß. Als Propagandastück gleicht diese Glasbrücke etwa jenen Gusseisenbrücken, die um 1800 im Schlosspark Charlottenburg oder zwischen den Türmen des Schlosses auf der Pfaueninsel gebaut wurden. Ihre Spannweite übertrafen damalige Holz- oder Steinkonstruktion leicht. Aber sie wurden trotzdem gern vom preußischen Königshaus Gästen aus dem Ausland vorgeführt und in vielen Stichwerken weithin erlebbar publiziert.

Das damalige Entwicklungsland Preußen demonstrierte so, dass es gewillt war, mit England und Frankreich gleichzuziehen. Genau darum geht es auch bei dem neuen Wunderwerk aus Glas: Dank der sozialen Medien schnellstens weltweit verbreitet, beweist es, dass Vietnam, das einst von den USA in die Steinzeit zurückgebombt werden sollte, heute in der Lage ist, ein technologisches Spitzenprodukt aus Stahl und Glas herzustellen.

Übrigens: Zwar dürfen Purzelbäume und Spagate geschlagen werden, aber High Heels sind auf der Bach-Long-Brücke streng verboten. Zu glatt, zu rutschig, und die knalligen Punktlasten könnten das Glas beschädigen. Glas ist eben letztlich doch kein ideales Brückenbaumaterial – ganz abgesehen von den Schwindelgefühlen, die so manchen dazu bringen werden, wie bisher die Straße hinunter ins Tal und dann wieder hinauf zu fahren und dabei fasziniert durch die Glasbrücke hindurch in den Himmel zu sehen.

AFP/Nhac Nguyen
Die ohnehin grazile Konstruktion der Bach-Long-Brücke erscheint vor der mächtigen Bergkulisse noch zierlicher, geradezu zerbrechlich.