Vor Sonia Soberats innerem Auge ist das Bild bereits klar erkennbar. „Es war, als würde ich von einer Klippe ins tosende Meer fallen. Der Himmel war voller Blitze“, sagt die New Yorker Fotografin. Doch die Vision, in eine Fotografie zu überführen, ist für sie schwerer als für die meisten ihrer Kollegen. Im Grunde genommen müsste es sogar unmöglich sein. Denn Sonia Soberats ist blind – wie alle Protagonisten in „A Shot In The Dark“. Der Dokumentarfilm folgt drei US-amerikanischen Fotografen, die trotz des Verlusts ihres Augenlichts die Fotografie zu ihrer Kunstform gemacht haben. Neben  Soberats werden die kalifornischen Fotografen Bruce Hall und Pete Eckert porträtiert.

Sonia Soberats, heute 82 Jahre alt,  stammt aus Venezuela und arbeitete als Buchhalterin, bis sie vor 25 Jahren erblindete. Doch mit dem Verlust des Augenlichts kam das Interesse an visueller Kunst. Mit resolutem Auftreten lotst die alte Dame  in „A Shot In The Dark“ ihren jungen Assistenten durch das verdunkelte Fotostudio. „Das muss hier hängen, das ist das Kliff“, ruft sie.

Ein Auge für Details

Dem Zuschauer bleibt zunächst verborgen, was Soberats zwischen schwarzen Vorhängen und Baugerüsten eigentlich vorhat. In völliger Dunkelheit wird die Kamera ausgelöst. Die Fotografin steht hoch oben auf dem Baugerüst und fährt in ein Tuch gehüllt mit einer hell leuchtenden Taschenlampe ihren Körper ab.  Das wirkt, wie  eine Art von Selbstabtastung. Erst danach sieht der Zuschauer die fertige Fotografie. Die Künstlerin, das steile Kliff, die Blitze und das tosende Meer. Durch lange Belichtungszeiten und der Lampe als Lichtquelle erweckt Sonia Soberats die erdachte Szenerie zum Leben.

Nicht nur in dieser Szene hat der Zuschauer das Gefühl, dass  seine Fähigkeit, den Entstehungsprozess zu  verfolgen,  eher ein Hindernis ist, um die Kunst der blinden Fotografen zu verstehen. Die Arrangements und Verrenkungen Soberats ergeben für ihn erst Sinn, wenn er am Ende die Fotografie sieht.

„A Shot In The Dark“ ist die erste Regiearbeit des deutschen Kameramanns Frank Amann („Von jetzt an kein zurück“), der durch einen Katalog des California Museum of Photography auf die blinden Fotografen aufmerksam wurde. „Ich fragte mich, woher diese Künstler trotz aller physiologischen Hindernisse die Lust, Energie und das Durchhaltevermögen nehmen, ihre Kunst  zu entwickeln“, sagt Amann. Wochenlang begleitete er  seine Protagonisten in den USA in ihrem Alltag und bei ihrer künstlerischen Arbeit.

Zu ihnen  gehört auch Bruce Hall, der seit seiner Geburt stark sehbehindert („legally blind“) ist und nur erkennen kann, was sich wenige Zentimeter vor seinen Augen befindet. Er fotografiert hauptsächlich seine beiden Zwillingssöhne, die unter Autismus leiden. „Durch die Fotografie weiß ich, wie mein Sohn Jack aussieht“ sagt Hall, der Ammann tiefe Einblicke in sein Familienleben gewährt. Halls Spezialität sind Nahaufnahmen aus der Natur.  Minutenlang inspiziert er ein Stück Bambus und fährt mit den Fingern über die kleinen Unebenheiten und tastet die feine Maserung ab.  Weil er nur nahe Details sehen kann, erkennt Hall Motive, die besser Sehenden verborgen bleiben.

Amann lässt seinen Protagonisten Raum, ihre Kunst zu erklären. Die ruhige Erzählweise lässt eine intime Annäherung an die Künstler zu. Wiederholt  versucht Amann  auch,   die Perspektiven seiner Protagonisten einzunehmen und durch Belichtung und Schärfe deren „Blick“ auf die Welt zu imitieren, was allerdings nicht immer gelingt.

Kein Handicap

Denn was ihr inneres Auge sieht, können die Künstler  selbst am besten erklären. Der kalifornische Fotograf Pete Eckert sagt: „Ich kann kein physisches Bild von mir anfertigen, aber von meinen Emotionen.“ Eckerts Fotografie löst sich vom Darstellenden. „Ich habe das Gefühl meine Knochen zu sehen“, sagt er in einer Szene. Die Kamera folgt ihm minutenlang bei der Erkundung von Motiven. In einer kleinen Kirche erforscht Eckert die Beschaffenheit des Raumes durch lautes Klatschen, wenn er mit seinem Taststock Bänke und Wände abklopft, entsteht für ihn ein akustisches Bild der Umgebung. Es ist ein Einblick in eine außergewöhnliche Arbeitsweise, die stets natürlich und – trotz Behinderung – nie unbeholfen wirkt.

Das gilt auch für Sofia Soberats und Bruce Hall. Die Blindheit der Fotokünstler erscheint in „A Shot In The Dark“ nicht als Handicap, sondern als wichtiger Bestandteil ihrer Kunst.  Amann ist es mit seinem einfühlsamen Porträt gelungen, den Zusammenhang zwischen visueller Ästhetik und optischer Wahrnehmung zu hinterfragen.