Blixa Bargeld im Studio.
Foto: Marlene Gawrisch

BerlinEin Eckitaliener in Mitte, recht unscheinbar von außen. Doch als Blixa Bargeld und ich an einem Wochentag zur Mittagszeit den Laden betreten – das Treffen fand kurz vor Corona statt –, ist es brechend voll. Als der Kellner Bargeld sieht, begrüßt er ihn überschwänglich, beide halten ein kurzes Schwätzchen auf Italienisch. Man merkt: Bargeld ist Stammgast hier, schließlich wohnt er mit seiner Frau Erin und ihrer 11-jährigen Tochter nur zwei Straßen weiter. Noch bevor er seine Jacke ausgezogen hat, steht bereits ein Glas Weißwein vor ihm. „Grazie mille“, trällert Bargeld und nimmt einen ersten Schluck.

Die Geräuschkulisse durch das Geschwätz der anderen Gäste ist beachtlich, dennoch ist jedes von Bargelds Worten klar zu verstehen. Mit einer ungeahnten Wucht und Dringlichkeit bahnen sich seine Sätze ihren Weg, nicht willens, einfach ungehört im Umgebungslärm zu verklingen. Aber schließlich singt und schreit und säuselt er als Frontmann der Einstürzenden Neubauten seit nunmehr vier Dekaden erfolgreich gegen alles an, was sich ihm in den Weg stellt: gegen konventionelle Hörgewohnheiten, gegen den etablierten Musikkulturbetrieb und gegen die zuweilen atonalen Klangstrategien seiner musikalischen Mitstreiter. Am 15. Mai erschien nun, nach zwölf langen Jahren, mit „Alles in allem“ endlich ein neues Studioalbum der Einstürzenden Neubauten. Ein perfekter Anlass, um bei Vino und Pasta das Gespräch zu suchen – über „Alles in allem“ und noch viel mehr.

Blixa Bargeld, Sie begehen dieses Jahr das 40-jährige Bestehen der Einstürzenden Neubauten. Feiern Sie das?

Feiern wäre übertrieben, aber wir sind uns dessen bewusst. Das ist aber kein großes Thema bei uns und auch nicht der Grund für die Veröffentlichung der neuen Platte.

Derlei Jubiläen bedeuten Ihnen also nichts?

Nur insofern, als dass ich mich dann noch ein bisschen älter fühle.

Nutzen Sie solche Anlässe auch nicht, um mal zurückzublicken?

Außer in Arbeitssituationen wie jetzt, wo ich mich konkret mit den Stücken auseinandersetzen muss, höre ich unsere eigenen Sachen nie. Es passiert selten, dass mich die Laune mal dermaßen umtreibt, dass ich nichts anderes hören möchte. Das geht ja vielen anderen Leuten auch so – selbst denen, die unsere Musik mögen. Die Einstürzenden Neubauten machen einfach keine Alltagsmusik.

Was hören Sie denn privat? Oder sind Sie froh, wenn mal Ruhe herrscht?

Doch, ich höre Musik – aber viel weniger als die anderen. In der Popmusik bin ich aber komplett unwissend. Sie können mir irgendeinen Namen hinwerfen und sich sicher sein: Ich habe den nie gehört. Nur Billie Eilish kenne ich – weil meiner Tochter das gefällt. Und ich find’s nicht mal schlecht.

Was hören Sie stattdessen?

„Late Junction“ auf BBC Radio 3. Das ist ein Cross-Format-Programm aus all den Sachen, die man normalerweise nicht im Radio hören würde. Pro Sendung gibt es da ein oder zwei Stücke, die ich interessant finde. Meine musikalische Sozialisation ist aber natürlich Rockmusik, und zwar explizit die Krautrock-und Progressive-Rock-Ecke ab Mitte der 70er-Jahre: Can, Kraftwerk, Neu!, aber auch Bands wie Ton Steine Scherben. Davor kam noch Pink Floyd, aber eigentlich auch nur die ersten Alben bis „Meddle“. Und dieses Oszillationsfeld zwischen Krautrock und Ton Steine Scherben schwingt bei den Neubauten natürlich immer mit.

Sie haben eben Ihre 11-jährige Tochter erwähnt, die auf Ihrem neuen Album Posaune spielt. Mag die Ihre Musik?

Es gibt bestimmte Stücke, die sie gerne hört – lustigerweise zum Einschlafen. Aber das hat vermutlich weniger mit den Stücken an sich als mit dem Umstand zu tun, dass ihr Vater sie dann in den Schlaf singt. „Nagorny Karabach“ mag sie sehr, das hört sie gerne auf Repeat. Aber das ist ja auch ein gutes Einschlafstück.

Irgendwo stand mal über Sie, Sie würden für Ihre Musik alltägliche Klangforschungsarbeit leisten. Was muss man sich darunter vorstellen?

Alltäglich ist übertrieben, aber Klangforschung war immer ein wesentlicher Bestandteil der Neubauten. Wir klopfen ständig auf allem herum und nehmen mehr oder weniger bewusst wahr, was bestimmte Gegenstände so von sich geben – unsere Berufskrankheit.

Ist das über die Jahre mehr oder weniger geworden?

Eher weniger, weil wir mittlerweile über das meiste Bescheid wissen. You name it, we’ve done it.

Kam dadurch auch die Idee zum Stück „Taschen“, für das Sie den Beat auf großen, mit Lumpen gefüllten Kunststofftaschen klopfen?

Die Idee dazu schleppe ich schon eine ganze Weile mit mir herum. Anfangs haben wir noch einen Koffer präpariert und damit gearbeitet. Dass es dann „Taschen“ wurden, hat mit einer Enttäuschung zu tun.

Welche Enttäuschung?

Wir wollten im Vorfeld der Albumproduktion zu einem Schrottplatz fahren, um Material zu sammeln. Wir haben überall im Umkreis angefragt, aber Andrew hat irgendwann entnervt festgestellt: Die lassen dich heute aus Versicherungsgründen nicht mehr auf den Schrottplatz. Das entzieht uns quasi unser Existenzgrundlage.

Und jetzt?

Im Brandenburgischen habe ich dann doch noch einen Schrottplatz aufgetan, da sind wir also hin. Vor Ort stellte sich dann aber heraus, dass wir gar nicht zum Edelstahl, sondern uns nur beim Abfall bedienen durften. Das war ernüchternd. Aus dieser Enttäuschung heraus habe ich überlegt, mit was für Materialien wir stattdessen arbeiten können. Das waren am Ende dann die mit Lumpen gefüllten Plastiktaschen.

Gab es für Sie mal ein Aha-Erlebnis, weil etwas total toll und vollkommen unerwartet geklungen hat?

Ja, das kam häufiger vor. 1990 war ich mal mit Andrew unterwegs, um Kies und Sand zu besorgen, den wir ins Studio schütten wollten. Als der Sand dann dort lag, bekam alles einen martialischen Charakter, auch visuell. Das war zur Zeit des ersten Irakkriegs, sodass wir plötzlich anfingen, von den Gegenständen auf der einen Seite als den Scoot-Raketen zu reden, von den anderen als Patriot-Raketen. Irgendwann kam Andrew auf die Idee, Öl zu verbrennen – und das war klanglich fantastisch. Dafür hat er einen Stick mit Kunststoff umwickelt und ihn angezündet, sodass es runtertropfte, das war sehr toll und sehr überraschend. Wenn man das heute hört, würde man nie darauf kommen, dass das der Sound von brennendem Öl ist.

Was fasziniert Sie eigentlich so an Klang?

Ich bin mit dem Begriff „Klang“ immer sehr vorsichtig. Klang ist überbewertet. Der Kontext, in dem die Dinge entstehen, ist viel wichtiger.

Gibt es keinen guten oder schlechten Klang?

Nein. Sich nur darauf zu beziehen, wie die Dinge klingen, ist mir viel zu dünn.

Das sehen ja viele Musiker anders.

Ja, ich weiß. Irgendwann wurde der Stellenwert der Notation abgelöst durch das, was heute Klang ist. Dazu gibt es auch einen berühmten Spruch des Free-Jazz-Musikers Albert Ayler: „Our music is not longer about notes, it’s about sounds.“ Aber das kann’s nicht sein. Ich habe in meinem Leben schon zu viele Nachmittage miterleben müssen, in denen immer nur nach dem besten Bassdrum-Sound geforscht wurde.

Gibt es eine typische Herangehensweise an Ihre Songs?

Wir haben ein Strategiespiel namens Dave entwickelt. Das haben wir eingeführt, um unsere eigenen Vorstellungen immer wieder zu unterwandern und auf unerwartete Ideen zu kommen. Dazu ziehen wir Karten mit Worten und Anweisungen aus einem Karton, und diese Anweisungen gilt es dann, bei der Arbeit am jeweiligen Song umzusetzen. Für das neue Album sind etwa die Hälfte der Stücke so entstanden. Bei der anderen Hälfte hat jemand eine Idee präsentiert, an der wir dann gemeinsam weitergearbeitet haben.

Haben neben den Kunststofftaschen neue Instrumente Einzug in Ihr Album gehalten?

Wir haben viele herkömmliche und bereits bewährte Instrumente recycelt. Andrew hat den sogenannten Aircake von „Perpetuum mobile“ wieder mitgebracht: einen alten Plattenspieler, auf dem eine Art Kuchen aus Styropor und diversen offenen Dosen und Flaschen montiert wurden, und auf dem sich wiederum durch den Einsatz eines Luftkompressors Windgeräusche erzeugen lassen. Damals haben wir dafür extra eine Luftdruckleitung ins Studio legen lassen – die gibt es bis heute. Damit sind wir vermutlich das einzige Studio der Welt mit Pressluftleitung. Der Aircake kommt nun in „Möbliertes Lied“ zum Einsatz.

Wo lagern Sie die ganzen selbst gebauten Instrumente?

Das meiste lagert in einer großen Garage im Westend. Ich selbst war aber noch nie da. Es kann ja auch nicht darum gehen, immer neue Sachen anzuschleppen.

Was Sie aber über viele Jahre getan haben.

Ja, der Impuls ging bei uns oft von den Dingen aus. Die gaben irgendwas von sich, was uns auf eine Fährte führte, der wir nachgegangen sind und aus der sich im besten Fall dann ein Musikstück entwickelte. Deswegen ist es immer schön, wenn neue Sachen kommen, die vorher nicht da waren. Aber es wird langsam eng.

Inwiefern?

Es ist nichts mehr da. Ich werde von nichts mehr überrascht.

Weil die Dinge als solches weniger werden oder weil Sie schon zu viel ausprobiert haben?

Beides. Einen gänzlich neuen Klangbereich gibt es für uns nicht mehr zu entdecken.

Die Legende lebt: Jochen Arbeit, Rudolf Moser, Blixa Bargeld, N. U. Unruh und Alexander Hacke (v. l.) alias Einstürzende Neubauten. 
Mote Sinabel/dpa

Gibt es deshalb auch kein Klangthema auf der Platte?

Die Frage nach einem Thema wurde mir am Anfang des Produktionsprozesses natürlich gestellt. Ich dachte: vielleicht Berlin. Daraus entwickelte sich auch eine ganze Berlin-Geschichte, an der wir uns entlanggehangelt haben, die aber nicht zielführend war. Die neue Platte ist kein Berlin-Album.

Gab es nicht irgendwann auch mal die Idee zu einem Stück für die BVG?

Ja, in der Tat: „Der Ring“. Die Idee war, dass man sich mit einem Abspielgerät und Kopfhörern in die S-Bahn setzen und den ganzen Ring mit einem Soundtrack hätte abfahren können. Über Forschungsarbeit hätten wir die Umgebung erkundet. Wir hatten sogar schon mit der BVG Kontakt aufgenommen.

Woran ist die Umsetzung gescheitert?

Weil wir was anderes gemacht haben. Die Idee ist aber nicht gestorben. Solche Sachen dauern manchmal ewig.

Demnach durchstöbern Sie im Vorfeld einer neuen Albumproduktion auch alte Aufnahmen und Notizen? Wie schreiben Sie?

In den letzten Wochen kam ich mir fast vor wie der jüdisch-russische Dichter Ossip Mandelstam, der seine Gedichte nicht mehr aufschrieb, sondern nur noch im Kopf auswendig lernte – genauso wie seine Frau, die sein Werk auf diese Weise nach Amerika schmuggelte. Von vier Uhr morgens an liege ich wach im Bett und komponiere vor mich hin. Früher habe ich immer gedacht: Oh, jetzt muss ich aufstehen und das aufschreiben, damit ich es nicht vergesse. Inzwischen memoriere ich nur noch, was ich mir da alles ausgedacht habe, wie ein Mantra. Dann lasse ich hier mal eine Zeile weg, da ein Wort, bis ich denke: Okay, jetzt muss ich’s wirklich mal aufschreiben. So ist der Zustand im Moment.

Klingt anstrengend.

Als wir mit der Platte angefangen haben, meinte ich schon zu meiner Frau: Es wird wieder furchtbar werden. Irgendwann bin ich gar nicht mehr vorhanden, weil ich nur noch da drinstecke. So langsam fällt das Gewicht aber ab, weil lediglich noch zwei Stücke zu singen sind, an denen ich im Kopf permanent weiterarbeite. Jede Nacht schreibe ich wieder ’ne Zeile mehr dazu.

Lassen Sie Ihre Frau an diesen Prozessen teilhaben?

Ja, aber nicht gleich am Anfang. Schön ist immer, wenn ich ihr eine ganz tolle Zeile zeige und sie mir dann sagt: „Ja, das ist super – hast du aber schon mal verwendet.“ Meine Frau erinnert sich oft besser an unsere Stücke als ich.

Verändern sich Stücke für Sie mit der Zeit manchmal?

Durch das Live-Spielen, ja. Da kommen manchmal neue Muster zum Vorschein, die vorher nicht ersichtlich waren – und die teilweise besser sind als die Originalversion.

Gibt es Stücke, die Sie live spielen müssen, weil Ihre Fans sonst enttäuscht sind?

Nein. Wir sind die Neubauten. Wir dürfen alles.

Sie haben schon relativ früh das umgesetzt, was heute üblich ist, nämlich direkt mit Ihren Unterstützern zu kommunizieren.

Ja. Ich find’s spannend, wo die ihre Kritik oder ihr Lob anmelden. Das sind wirklich gute Anregungen. Für dieses Album hatten wir zum Beispiel an einem Stück namens „Welcome To Berlin“ gearbeitet, mit dem wir aber nicht zufrieden waren. Also haben wir unsere Supporter nach deren Meinung gefragt, und die sahen das genauso. Ein schöner Kommentar dazu war: „Stücke wie ,Grazer Damm‘ oder ,Möbliertes Lied‘ rufen Emotionen bei mir hervor und bringen mich an Orte, an denen ich noch nie gewesen bin. Aber bei ,Welcome To Berlin‘ denke ich nur an eine öde Studentenparty in Neukölln.“

Sie waren eine der ersten Bands, die Crowdfunding für ihre Zwecke genutzt hat.

Meine Frau hat das erfunden. Also: Nicht den Begriff, aber das System. Sie hat den Code geschrieben, der dafür notwendig war. Meine Frau ist, das kann man durchaus so sagen, ein Genie – und eine alte Neubauten-Kennerin. Die kennt das Material und hat uns lange, bevor sie mich kannte, mehrmals live gesehen.

Also kam die Anregung von ihr?

Ja. Aber als wir zum ersten Mal damit anfingen, wussten wir nicht, ob das überhaupt funktioniert. Als dann aber immer mehr Leute auf unser Angebot eingingen, haben wir gemerkt: Das klappt. Und dann haben wir uns direkt ein Studio vom ersten Geld gekauft.

Sie haben mit Crowdfunding bereits 2002 angefangen. Wie lief das damals ab?

Die ganzen technischen Informationen und Implementierungen, die dafür notwendig waren, mussten alle noch erfunden werden: vom Micro-Payment bis zu den Webcams – das existierte 2002 ja alles noch nicht. Streaming war nichts als eine theoretische Möglichkeit. Damals mussten wir das LAN-Kabel noch quer über den Hof hängen und in das Modem eines Gebäudes auf der anderen Seite einstöpseln, damit wir überhaupt irgendwas machen können. Damals war in Berlin noch alles Steinzeitwüste.

Also waren Sie Ihrer Zeit wieder mal voraus.

Ja, aber das Schönste war: 2003 haben wir für unser Supporter’s Project den Innovationspreis des Landes Brandenburg verliehen bekommen. Die Zeremonie sollte über einen Live-Stream übertragen werden, aber die haben das technisch einfach nicht gebacken bekommen. Toll, oder? So viel zum Thema Innovation.

Gegründet haben Sie die Neubauten 1980. Der Fotograf Fritz Brinckmann, mit dem Sie früher viel gearbeitet haben, meinte mal, Ihr Auftreten damals sei eng mit der Figur des Gevatters Tod verknüpft gewesen.

Jeder, der mich damals traf, hatte das Gefühl, ich mache es nicht mehr lange. Es gab sogar Wetten. Ich habe die Liste dazu mal gesehen. Auch Rio Reiser hat damals gegen mich gewettet, der dann wirklich gestorben ist – und zwar nicht wegen Drogenmissbrauchs, sondern an einem Herzfehler. Auf Rio wurde aber auch gewettet. Ich habe gewonnen.

Ein wichtiger Bestandteil Ihres Schaffens war immer Veränderung. Ist Veränderung nach wie vor wichtiger für Sie als Konstanz?

Natürlich gibt es Konstanten in dem, was wir da machen. Schon allein, weil wir als Neubauten jetzt schon seit zwanzig Jahren in derselben Konstellation spielen – länger als irgendeine andere Formation, die die Neubauten je hatten.

Gibt es so was wie Regeln innerhalb der Band? Im Inlay Ihres Debütalbums „Kollaps“ stand zum Beispiel mal drin: No more drum set.

Ja, bei „Kollaps“ war die Konzeption, alles nur noch mit Metallobjekten zu machen. Andere Regeln gibt es aber nicht. Um es mit einem unserer Albumtitel zu sagen: „Alles wieder offen“. Ich könnte so was natürlich immer anregen, aber: Warum? Es gibt jedoch ein kreatives Prinzip, das ich sehr mag: Gesetze zu implementieren, diesen Gesetzen eine Weile zu folgen und sie dann zu brechen. Das ist eine sinnvolle Form, um sich überhaupt in eine Richtung fortzubewegen. Besser jedenfalls, als wenn alle Türen offen sind.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie an Texten arbeiten, während Sie morgens wach im Bett liegen und Sie sich die Sachen alle merken. Dennoch tragen Sie ein Buch mit sich rum, in das Sie handschriftlich Ideen notieren.

Ja, immer. Wenn ein Buch voll ist, tippe ich diese handschriftlichen Notizen ab und lasse sie binden. Ich bin jetzt bei Band 69. Und Nummer eins ist von Ende 1992. Da habe ich mir meinen ersten Computer gekauft – ein Apple Powerbook 165c in Farbe.

Haben Sie die Notizbücher alle noch?

Ja, in meinem Büro. Und das ist auch gut so, denn das Programm, mit dem ich die ersten Sachen 1992 geschrieben habe, gibt es heute nicht mehr.

Sie sind früher sehr autodidaktisch an Ihre Musik herangegangen, haben wenig Wert auf klassisches Songwriting gelegt.

Man kann aber heute nicht mehr so tun, als wüsste man nichts.

Sie haben später einen Musiklehrer engagiert, der Ihnen Musiktheorie beibringen sollte.

Stimmt, das war um die Jahrtausendwende. Ich wollte einfach irgendwann wissen, was ich da mache. Der hat mir dann ein halbes Jahr lang die Grundsätze von Notenschrift beigebracht und mich in Musiktheorie eingeführt. Das habe ich sehr genossen. Könnte ich eigentlich mal wieder machen: mehr lernen.

Als Nick Cave, mit dem Sie befreundet sind, zum ersten Mal Ihren Gesang hörte, beschrieb er ihn als „einen Klang, den man eher von gewürgten Katzen oder sterbenden Kindern erwarten würde“.

Das hat er damals dem tip-Magazin erzählt. Damals hatten wir so eine schrankenlose Gier nach Intensität. Das war bei Nicks früherer Gruppe The Birthday Party vorhanden und bei uns nicht anders. Da konnte der Bassist auf der Bühne auch umkippen und im Liegen weiterspielen. Hauptsache, es war intensiv.

Haben Sie noch Kontakt?

Wir haben unsere Telefonnummern und E-Mail-Adressen, und wenn wir in der Nähe voneinander sind, sehen wir uns wahrscheinlich auch. Zuletzt war das 2014, als wir den „20 000 Days On Earth“-Film gemacht haben. Da war ich in Brighton – noch vor dem Tod seines Sohnes. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesprochen habe.

Sie haben zwischendurch in Peking und San Francisco gelebt, wohnen nun aber schon wieder eine ganze Weile in Berlin.

Ja, seit 2010. Das hat vor allem mit meiner Tochter zu tun, die hier zur Schule geht. Da kann ich nicht drei Monate hier und drei Monate dort verbringen.

Aber warum Berlin? Warum nicht San Francisco?

Das ist vom Schulsystem her bekloppt. Da ist man hier tausendmal besser aufgehoben. San Francisco ist von der Legende, die es mal war, weit entfernt. Die ganzen Künstler und Musiker, die ich aus San Francisco kannte, sind alle nicht mehr da, weil es sich niemand mehr leisten kann. San Francisco ist ein einziges Paradies für Reiche. Ein bisschen wie hier in Mitte, aber dafür kann ich nichts. Als ich damals hier weg bin, sah es noch aus wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Da konntest du ein Mietshaus noch für 5 000 Euro kaufen. Heute kostet der Quadratmeter so viel.

Einstürzende Neubauten ...

  • … wurden am 1. April 1980 gegründet. Als Blixa Bargeld damals gefragt wurde, ob er im Berliner Moon-Club spielen möchte, sagte er kurzerhand zu. Eine Band hatte er nicht, kündigte jedoch eine Performance der Einstürzenden Neubauten an und fragte kurzerhand ein paar Freunde, ob sie nicht mitmachen wollten: Gudrun Gut, Beate Bartel und seinen Schulfreund N. U. Unruh, der neben Bargeld das einzige verbliebene Gründungsmitglied ist.
  • … bestehen neben Bargeld und Unruh noch aus Jochen Arbeit, Rudolf Moser und Alexander Hacke. In dieser Konstellation agieren die Neubauten mittlerweile auch schon seit 23 Jahren. Alle musizieren auch solo und in anderen Konstellationen. So war Bargeld von 1984 bis 2003 zudem Gitarrist bei Nick Cave and The Bad Seeds.
  • ... sind die einflussreichste deutsche Band jenseits von Kraftwerk. Der von ihnen erfundene „Industrial Sound“ schuf ein ganzes Genre und prägte solch unterschiedliche Bands wie Depeche Mode, Nine Inch Nails, Ministry oder Marilyn Manson bis hin zu den Kindermusicals um den „Ritter Rost“.