Werden Teile der Ostukraine tatsächlich von „Terroristen“ kontrolliert – wie Oksana Romaniuk, Publizistin aus Kiew erklärt? Wollte die Übergangsregierung der Ukraine wirklich den Gebrauch der russischen Sprache einschränken – wie Alena Popova, Internet-Unternehmerin aus Moskau, von ihren Verwandten auf der Krim erfahren hat? Selbst die beiden renommierten Medien-Aktivistinnen, die sich für die Pressefreiheit engagieren, konnten sich nicht immer darüber einigen, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge verlaufen. Jede hielt der anderen vor, Propaganda zu verbreiten.

Die Deutsche Welle hatte die beiden Bloggerinnen zu einem Gespräch über die Rolle der neuen Medien zusammengeführt. Oksana Romaniuk, Direktorin des unabhängigen Instituts für Massenmedien und Vertreterin der Journalistenvereinigung Reporter ohne Grenzen, saß livehaftig im ARD-Hauptstadtstudio. Alena Popova, die als Bürgeraktivistin die Wahlbeobachtung in Russland organisiert, war aus Moskau per Skype zugeschaltet.

Romaniuk betonte, wie wichtig beim Wandel in Kiew die neuen Medien gewesen seien: Ein Journalist hatte auf Facebook unter dem Motto „Euromaidan“ zu den ersten Demonstrationen aufgerufen. Heute sei die Lage komplett anders als vor einem halben Jahr. Einerseits haben Romaniuk und andere heute die Chance, an der Gestaltung neuer Mediengesetze mitzuarbeiten. So soll nicht nur Zensur verboten, sondern auch Transparenz gefordert werden: Welcher Oligarch steckt hinter welchem Verlag und welchem Sender? Anders als in Russland gebe es in der Ukraine keine zentralistischen Medien, sondern viele lokale und regionale Medien. Andererseits sei der Aufschwung der Medien im Osten des Landes in Gefahr: Journalisten werden bedroht und als Geiseln genommen, der Einfluss der russischen Fernsehens sei dort sehr stark. Alena Popova in Moskau kann angesichts der Restriktionen in den russischen Staatsmedien nur die Arbeit im Netz beschwören: Nur hier könne sie die Sprache der Politik vermeiden.

Klickzahlen schnellen nach oben

In der starken Verunsicherung gewinnen die ausländischen Medien an Einfluss. Bernd Johann, Leiter des ukrainischen Programms der Deutschen Welle, beobachtet verblüfft, wie die Klickzahlen für die aktuellen Online-Seiten auf Ukrainisch nach oben schnellen, selbst bei gesicherten Meldungen. Seit Februar produziert die Deutsche Welle das wöchentliche TV-Magazin Geofaktor auch in ukrainischer Sprache. Zu Zeiten des gestürzten Präsidenten Janukowitsch sei es immer schwerer geworden, Partnersendung für die Ausstrahlung zu finden, inzwischen seien die Medien des Landes wieder viel offener geworden.

Dagegen habe sich die Situation in Russland sehr verhärtet, erklärt Johann. Der Kenner des Landes hatte sich stark darüber gewundert, dass Putins Regierung die Einschränkung der russischen Sprache in der Ukraine beklagt hatte: „Mindestens die Hälfte der Fernsehsender in der Ukraine stammt nämlich aus Russland.“ Auch Oksana Romaniuk betont, die russische Propaganda habe das angebliche Sprachen-Problem künstlich aufgebauscht: „Sogar auf dem Maidan haben doch viele Redner russisch gesprochen.“