Blome als Spiegel-Vize abgelehnt: Verhärtete Fronten

Die Fronten beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel bleiben verhärtet. Die Ressortleiter waren sich am Montag einig. Stefan Willeke, einer der Chefs des Gesellschaftsressorts, verlas die Forderung gleich zu Beginn der Konferenz: Die Verpflichtung des stellvertretenden Bild-Chefredakteurs Nikolaus Blome, in gleicher Stellung zum Spiegel zu wechseln, stößt auf einstimmige Ablehnung.

Wolfgang Büchner, dessen Vertrag vorsieht, dass er am 1. September Spiegel-Chefredakteur werden soll, blieb stur. Blome sei „ein guter Mann“, das würden sie beim Spiegel schon noch merken, wenn er erst einmal da sei, sagte er und beharrte darauf: Blome werde sein Stellvertreter, sie beide freuten sich schon auf die neue Aufgabe.

Angespannte Stimmung und große Ratlosigkeit

Die Stimmung war angespannt. Der Erste, der sich aus der Redaktion zu Wort meldete, war Thomas Darnstädt, der frühere Sprecher der Mitarbeiter KG, die mit 50,5 Prozent Hauptgesellschafter des Spiegel-Verlags ist. Wie ein Staatsanwalt beim Plädoyer, berichten Teilnehmer, sei er mit erhobenem Zeigefinger hin- und herspaziert, während er erläuterte, wieso ein hochrangiger Bild-Mann nicht zum Spiegel passt.

Plötzlich zog er mit zwei spitzen Fingern die Bild-Zeitung vom vergangenen Freitag aus dem Sakko: „De Griesche kriesche nix mehr“, zitierte er daraus und fragte, ob das künftig der Spiegel-Stil sei. Büchner, an dem alle Kritik abzuprallen schien, „als trage er einen Neopren-Anzug“, sagt ein Teilnehmer, entgegnete, die Griechenland-Serie, die Blome verantwortet habe und für die die Bild-Zeitung – für Kritiker unverständlich – den Quandt-Preis erhalten hat, hätte auch dem Spiegel gut zu Gesicht gestanden; lediglich sprachlich hätte sie dem Spiegel entsprechend anders formuliert werden müssen. Solche Ansichten trugen nicht dazu bei, dass sich die Wogen glätteten. Die Enttäuschung der Spiegel-Redakteure ist am Montag eher gewachsen.

Es half auch nicht, dass Büchner versicherte, Blome werde den Titel eines stellvertretenden Chefredakteurs lediglich als „Schulterklappe“ tragen, also anders als die amtierenden Vizechefs, Klaus Brinkbäumer und Martin Doerry, keine blattmacherischen Aufgaben wahrnehmen. Inakzeptabel auch das, fand die Redaktion.

Nach anderthalb Stunden endete die Konferenz in großer Ratlosigkeit. Ungeklärt blieb, ob die Geschäftsführer der Mitarbeiter KG wussten, dass Blome nicht nur Leiter des Hauptstadtbüros, sondern auch stellvertretender Chefredakteur werden soll.

Angeblich sei KG-Geschäftsführer Gunther Latsch seit Wochen informiert gewesen. Eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung ließ Latsch mit der Bitte um Verständnis unbeantwortet. Auch während der Konferenz äußerte sich die KG-Spitze nicht. Die Regularien sehen vor, dass sie sich nur gegenüber den stillen Teilhabern erklären, zu denen die anwesenden Redakteure von Spiegel Online nicht gehören. Es bleibt also abzuwarten, was die KG-Geschäftsführung bei der für Mittwoch angesetzten Informationsveranstaltung sagen wird.

Enttäuschung zieht sich durch alle Ressorts

Die Konferenz zeigte: Die Enttäuschung über Büchner zieht sich durch alle Ressorts und Hierarchien. Einige bedauern, dass er nicht längst von sich aus hingeschmissen hat. In der vergangenen Woche soll er angeblich mit dem Gedanken gespielt haben, von der Geschäftsführung aber davon abgehalten worden sein. Gäbe Büchner freiwillig auf, müsste sein gültiger Arbeitsvertrag nicht ausbezahlt werden. Dasselbe gilt für Blome, der sich ebenfalls fragen müsste, ob er unter diesen Umständen zum Spiegel wechseln will. Eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung ließ er unbeantwortet.

Sollten die beiden nicht freiwillig aufgeben, wäre ein Beschluss der Gesellschafter erforderlich, die Verträge vorzeitig aufzulösen. Dieser erforderte die Zustimmung des Minderheitsgesellschafters Gruner + Jahr. Nur mit G+J erreicht die KG die dafür notwendige Mehrheit von 76 Prozent.

Sollte um des lieben Friedens willen Büchner wie geplant am 1. September seinen Posten als Spiegel-Chef antreten, warnen Redakteure, die in ihm den falschen Mann erkennen, dass sein Fehler, obwohl erkannt, perpetuiert würde. Ein Redakteur fragte im Gespräch mit dieser Zeitung rhetorisch: „Ist Blome wert, dass man eine solche Katastrophe in Kauf nimmt?“

Die Friedensverhandlungen vom Wochenende scheinen jedenfalls wenig aussichtsreich gewesen zu sein. Eine Sprachregelung sollte gefunden werden, die es allen ermöglicht, gesichtswahrend aus dem Schlamassel herauszukommen.

Ganz nebenbei wirkte ein Dritter bei der Redaktionskonferenz fast angeschlagener als Büchner: Geschäftsführer Ove Saffe, auf dessen Vorschlag hin Büchner zum Chefredakteur berufen worden ist. Beabsichtigt er tatsächlich, gemeinsam mit G+J die KG zu entmachten, weil angeblich nur so Reformen möglich und Besitzstandsdenken abzuschaffen seien? Eine Lösung der Konflikte scheint zum derzeitigen Zeitpunkt ferner denn je.