Auf dieses Album haben sich die Rolling Stones ihr ganzes Leben vorbereitet – und am Ende war die Sache nach drei Tagen erledigt. Im vergangenen Dezember hatte sich die Band im Londoner Studio von Mark Knopfler getroffen, um nach langer Zeit wieder an einer neuen Langspielplatte zu arbeiten. Es sollte ihr erstes Studioalbum seit „A Bigger Bang“ werden, mit dem die Stones vor elf Jahren keinen allzu großen Knall gelandet hatten.

Begleitet wurden die Sessions von dem üblichen Mediengemurmel,  die Rolling Stones würden diesmal so klingen, wie man sie „vielleicht nie zuvor gehört hat“, ließ sich Mick Jagger  raunend zitieren. In gewisser Weise stimmt das sogar,  selbst wenn dann alles etwas anders kommen sollte als gedacht.

Mit ihrer LP „Blue & Lonesome“, die am Freitag erscheint, kehren die Stones zu ihren Anfängen zurück, wie man so sagt. Doch  wohnt jedem Anfang ein Ende inne. Dazwischen liegt das Leben.  Und so ist die erste reine Bluesplatte der Rolling Stones und das erste Album, auf dem nicht ein einziger eigener Song von ihnen zu hören ist, zu einem Schlussstein in ihrem Werk geworden. Dabei wirkt die Band so frisch und räudig und beieinander wie lange nicht.

Ein diffuses Unwohlsein

Wenn die Rolling Stones hier zwölf Bluessongs aus Chicago covern, größtenteils aus den Fünfzigern, ist das fast so etwas wie ein DNA-Test. Wer sind wir? Und wenn ja, warum? Dass sie diesmal nach der Substanz ihrer Musik suchen mussten, liegt in einem diffusen Unwohlsein begründet, das die Musiker bei der Arbeit in Knopflers Studio überkam. Der frühere Chef der Dire Straits hatte alles schön eingerichtet, alte Verstärker und   moderne Technik, helle Holzfußböden, hohe Decken. Aber  irgendwie passte das Ambiente nicht. Es kam keine Stimmung auf. Sie spielten vor sich hin, doch nichts kam zustande, wie  Keith Richards  der Zeitschrift  Rolling Stone erzählt. Da habe ihn der Blues befallen, im wahrsten Sinne des Wortes. Per Fax hat er seinem Gitarrenkollegen Ron Wood aufgegeben, für den nächsten Tag „Blue&Lonesome“ zu üben, eine todessüchtige Klage des Harmonikaspielers Little Walter, in der sich am Ende gar die Fische und Wale gegen den liebeskranken Sänger  verschwören, als der beschließt, ins Wasser zu gehen. Man sollte es nicht glauben, aber das hat die Laune verbessert. Mick Jagger griff sich eine Mundharmonika in der richtigen Tonart, und nach zwei Durchgängen war das Stück gekauft. Es bildet den Kern des neuen Albums, und wenn Jagger bei der Wiederholung der Schlüsselzeile „Baby please, Baby pleeeease come back to me“ barmt und heult,  klingt er tatsächlich wie ein Mann von dreiundsiebzig Jahren und nicht wie einer, der sich täglich in die Hosengröße seiner Jugend turnt. Zu dieser Musik kann man nicht über die Bühne sprinten.

Was zunächst  als Auflockerung gedacht war, geriet unversehens zu einer Mission. Die Songs rollten sozusagen  ins Studio. An einem Tag waren fünf Nummern fertig. Dabei stellte sich  heraus, dass Mick Jagger all die alten Sachen  auf seinem iPod hatte. Ausgerechnet er, der sonst viel auf seine Modernität hält und  vor ein paar Jahren den Vorschuss für eine Biografie zurückgegeben hat, weil es ihn langweile, wie er sagte, sich mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen. Nun hat er es auf diese Weise getan, und das Resultat ist umwerfend. Dass Keith Richards und Ron Wood mit ihren Riffs und Gitarrenschlieren all dem  Gebarme einen  losen Rückhalt  schenken und  Charlie Watts am Schlagzeug den Drive nie verliert, versteht sich von allein. Live im Studio aufgenommen und klanglich kaum nachbehandelt, feierndie Stones hier ein Fest des Unmittelbaren, voller Hingabe, Rauschhaftigkeit und Intensität.

Mit gleich vier Songs huldigen die Rolling Stones auf ihrem Album  Little Walter, der einst gemeinsam mit  dem großen Muddy Waters aufgetreten ist und als einer der Ersten  die Mundharmonika mit Verstärker spielte. Mick Jagger hat  alles an diesem Instrument von ihm gelernt, wie Keith Richards in seinen Erinnerungen schreibt: „Mick entpuppte sich als fabelhafter Mundharmonikaspieler. An einem guten Abend würde ich ihn mit den Besten der Welt auf eine Stufe stellen. Little Walter würde noch im Grab lächeln, wenn er Micks Spiel hören könnte.“

Heute wohl mehr denn je. Wie er an dem Instrument saugt und schnauft, wie er haucht und faucht, ist  schon phänomenal. Dass Jagger ein guter (oft viel zu guter) Entertainer ist, kann  jeder bei den Konzerten sehen, auf dieser Platte  ist er endlich einmal wahrhaftig zu hören, als Musiker und als Sänger, frei von Manierismen und Allüren.