Blumfeld kosten ihre Rückkehr aus. Eigentlich sollte es zunächst nur um eine Festivalaufführung ihres Debüts „Ich-Maschine“ gehen, Ende 2017, zum 25-Jährigen. Aber dann wurde eine Art Reunion-Tour daraus, zehn Jahre nach der Auflösung.

Die überschaubare Reihe von 15, naturgemäß meist ausverkauften Konzerten führte sie am Sonnabend in den Festsaal Kreuzberg, wo sie die Leute anstachelten, vier Zugaben zu fordern. Klar, man könnte sagen, das bewegte Volk ließ die Band nicht gehen. Aber wo die Band das Licht nicht anknipste und keine Abspannmusik laufen ließ, signalisierte sie schon den Wunsch, nochmal rausgeklatscht zu werden. Welches Publikum könnte da widerstehen?

Es ging ums Aushebeln rockistischer Eigentlichkeiten

Diese elegante Art, sich wechselseitig des Begehrens zu versichern, passt zu dieser Band, die mit Tocotronic und den Sternen zusammen den sogenannten Diskursrock der Hamburger Schule erfunden hat. Kürzer: Blumfeld sind eine der wirklich wenigen wichtigsten deutschsprachigen Bands aller Zeiten.

Es ging ihnen ums Aushebeln rockistischer Eigentlichkeiten, und jedes Stück des Konzerts im Festsaal legte Zeugnis davon ab, wie großartig es klingen kann, wenn man nicht einfach von Politik und Liebe singt, sondern vom Reden und Singen darüber: „Viel zu früh und immer wieder – Liebeslieder“ gibt es also zu hören, Gedanken zur „Unmöglichkeit, nein zu sagen, ohne sich umzubringen“ oder den Rant über „Die Diktatur der Angepassten“, der natürlich eine Übung in Punkwut ist. Übrigens auch ein eher seltener später Titel, denn das druckvoll um Tobias Levin und Daniel Florey an zusätzlichen Gitarren (und gelegentlichem Keyboard) erweiterte Trio konzentrierte sich auf die Post-Punk-Schraffuren der ersten beiden Alben – Bassist Eike Bohlen hat ja schon 1996 die Band verlassen und heute eine Ethik-Professur in Köln.

Eine Inszenierung reiner Lust

Es herrscht ein großartig sturer Rockgroove aus paranoid in die Obertöne geöffneten Akkorden, ein relativer, zweifelnder Ton gegenüber der luftdichten Melodik der meisten Deutschrocker. Gut darin aufgehoben sind auch ein paar Stücke aus Distelmeyers beiden Soloalben, zumal das launig als Mitsing-Lied angepriesene „Wohin mit dem Hass?“, und die Stücke aus der späteren Bandzeit – Experimentalschlagereskes, das nicht überall gut ankam, aber, sage ich, super ist – werden im frühen Sinne ein bisschen post-punk-rauer gespielt, wobei Jochen Distelmeyer „Tausend Tränen tief“ schön gefühlig allein auf einem Barhocker beginnt.

Auch wenn Distelmeyers Roman „Otis“ 2015 auf wenig Gegenliebe gestoßen ist, hat wohl keiner der drei (Drummer Andre Rattay spielt bei der Liga der gewöhnlichen Gentlemen) die Reunion existenziell nötig. Die Tour heißt nicht nur „Love Riots Revue“, sie ist auch bis in die schicken Ansagen – „ich kann euch spüren“ – eine Inszenierung reiner Lust. Es war also schön, oder in den Worten Distelmeyers: „Ganz nice!“