Berlin - Blur in den Berliner Union-Film-Studios. Unsere Konzert-Tour beginnt zu ungewöhnlich früher Stunde an ungewöhnlichem Ort; kurz vor 19 Uhr tritt die britische Rockgruppe Blur in den Union-Film-Studios in der Tempelhofer Oberlandstraße auf. Ein legendäres Haus, das man viel zu selten besucht, früher hat Dieter Thomas Heck darin die „ZDF Hitparade“ moderiert, heute wird hier unter anderem der „Circus HalliGalli“ mit Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt abgehalten. Im „HalliGalli“ vom Montag sind Blur zu Gast, um „The Magic Whip“ vorzustellen, ihr erstes neues Album seit 2003 (wir berichteten). Nachdem die Sendung fertig aufgezeichnet ist, spielen sie vor etwas mehr als hundert geladenen Gästen dann noch ein einstündiges Konzert: Alle neuen Songs in der Reihenfolge, in der sie sich auch auf dem Album befinden, und als Zugabe dann noch die alten Hits „Beetlebum“ und „Trouble in the Message Centre“.

Weil auf dem Cover von „The Magic Whip“ eine Waffel mit Softeis zu sehen ist, steht auf der Bühne auch eine ebensolche; damit ironisieren Blur die britischen Wurzeln des Neoliberalismus, denn das Softeis wurde bekanntlich von Margaret Thatcher erfunden. Ergänzend ironisiert Blur-Sänger Damon Albarn auch noch den Umstand, dass er mit seiner Band ausnahmsweise einmal nicht vor einer riesigen Menschenmenge auftritt, sondern in einem sehr kleinen Saal: Ab dem ersten Takt übt er sich in ganz großen Stadionrock-Gesten, beispielsweise blickt er mit starrem Blick in ferne Publikumsränge, die gar nicht da sind, oder begießt das keineswegs erhitzte kleine Spätnachmittagspublikum sinnloser Weise mit Unmengen von Wasser aus kleinen Plastikflaschen.

Auch in musikalischer Hinsicht ist das Konzert kurzweilig – es gibt einige sehr schöne melancholische Songs auf der Platte, Gitarrist Graham Coxon gefällt sich neuerdings in Thin-Lizzy-artigen Quieksoli –, und doch verlässt man es am Ende mit gemischten Gefühlen, denn alles, was man in den letzten Jahren von Damon Albarn in seinen wechselnden Bandprojekten und als Solokünstler zu sehen bekam, war erheblich moderner und interessanter als das, was er uns mit der wiedervereinigten alten Band nun beschert. Damon Albarn braucht Blur offensichtlich nicht mehr, und mir persönlich geht es in dieser Hinsicht wie ihm. (Jens Balzer)

Spandau Ballet im Tempodrom. Aus dem „HalliGalli“-Zirkus geht es ins Zirkuszelt an die Kreuzberger Möckernstraße, hier empfangen uns mit stampfenden Beats unterlegte Achtziger-Hymnen. Die wenigsten Besucher dürften den Mann hinter dem DJ-Pult kennen, doch handelt es sich um eine legendäre Figur: Rusty Egan war in den frühen Achtzigerjahren Mitglied von Visage und Plattendreher im stilprägenden „Blitz“-Club der New-Romantic-Ikone Steve Strange. Es passt bestens, dass Spandau Ballet ihn als Vorprogramm auf ihre Tour eingeladen haben, denn auch die Band nimmt in ihrem fast zweieinhalbstündigen Set immer wieder Bezug auf ihre Anfänge. Im Publikum tummeln sich indes erstaunlich viele junge Menschen.

Die smarten Briten, mittlerweile Mitte 50, haben sich ja auch gut gehalten – und das nicht nur optisch: Tony Hadleys Stimme ist immer noch so kraftvoll und soulig-schmelzig wie zu „True“-Zeiten – und das war 1983! Mit seinen Martial-Arts-Einlagen wird er als Performer Elvis Presley immer ähnlicher. Gitarrist Gary Kemp spielt sein Gerät bei „Chant No. 1“ in funkigster Chic-Manier, Steve Norman klöppelt eine flotte Percussion, wenn er nicht gerade seinen Körper zur Brücke biegt und Saxofon spielt – ein Markenzeichen des Spandau-Ballet-Sounds.

Die Wandlung von Szenestars der New-Romantic-Bewegung zu einer Band, die die Massen begeistert, spiegelt sich in der Setlist wider, ein „Blitz“-Medley, das herrlich unpoliert und new-wavig klingt. Mit Liedern wie „To Cut A Long Story Short“ liefern Spandau Ballet aber auch eine Hommage an ihren im Februar verstorbenen Freund Steve Strange, dessen Sarg sie bei der Beerdigung trugen. Spätestens bei „Instinction“, „Communication“ und „Lifeline“ verliebt man sich neu in die Band; bei den Zugaben „Through The Barricades“ und „Gold“ singt der ganze Saal jubelnd mit, und am Ende liegen die Musiker sich verdientermaßen freudestrahlend in den Armen. (Katja Schwemmers)

Ibeyi im Grünen Salon der Volksbühne. Der Abend endet dann in Mitte im Grünen Salon, wo das kubanisch-französische Schwesternduo Ibeyi sein erstes eigenes Berlin-Konzert spielt. Im Publikum sind etwa so viele Hörer wie bei Blur, aber ähnlich wie diese, hätten Ibeyi auch mühelos eine weit größere Halle ausverkaufen können. Ihr im Februar veröffentlichtes Debütalbum „Ibeyi“ ist die Sensation der Saison; ihre erste Tournee spielen sie trotzdem ausschließlich in kleinen Clubs. Ein Glück für die Wenigen, die eine Karte ergattern konnten: Für die traumwandelnde Virtuosität und die Zartheit der Musik von Ibeyi ist der intime Rahmen natürlich der beste.

Eine Stunde lang spielen Lisa-Kaindé und Naomi Díaz die Songs ihres Albums und den schönsten davon, „River“, als Zugabe noch einmal in einer Call-and-Response-Version mit dem Publikum. Und wie auf der Platte, versöhnen sie auch live völlig anstrengungslos volksmusikalische Traditionen und Popmoderne, E-Piano und Kastentrommel, rituelle Gesänge und live gesampelte Loops, elektronische Rhythmen und federnde, auf dem eigenen Körper und der eigenen Brust geschlagene Beats. Die Zwillingsschwestern sind gerade 20 geworden, in der letzten Reihe tänzelt ihre Mutter umher, sie begleitet die Mädchen zu jedem Konzert, wacht über den richtigen Klang und erteilt dem Mann am Mischpult ihre Anweisungen, und am Ende steht sie mit den beiden, die von der Bühne direkt zu ihr heruntergestürmt sind, gemeinsam am Merchandise-Stand und verkauft Schallplatten und Poster, ein herzerwärmendes Familienglück. (Jens Balzer)