Es ist ein Blick auf die Stadt jenseits des kitschigen Glanzes der goldenen Zwanziger – und eine grandiose Wiederentdeckung: „Blutsbrüder – Ein Berliner Cliquenroman“. 1932 wird Ernst Haffners Roman erstmals unter dem Namen „Jugend auf der Landstraße Berlin“ veröffentlicht. Über den Autor weiß man kaum mehr, als dass er von 1925 bis 1933 als Sozialarbeiter und Journalist in Berlin tätig ist. Mit nüchternem Blick beobachtet er die Erlebnisse der fiktiven „Blutsbrüder“. Angeführt von ihrem „Cliquenbullen“ Jonny treiben die Jungs ihr Unwesen auf den Straßen Berlins. Das heißt zunächst einmal überleben lernen. Sie machen Gelegenheitsjobs, sie klauen, sie prostituieren sich für die nächste Zigarette, den nächsten Schlafplatz, das nächste Bier, das nächste Essen, die nächste Frau. Ständig auf der Flucht vor den Autoritäten. Doch so fiktiv diese Geschichte sein mag, realitätsfern ist sie nicht.

Entstanden sind die Wilden Cliquen um 1915 als Gruppen von arbeitenden Jugendlichen, die sich zum Wandern oder zur sonstigen Freizeitgestaltung im Berliner Umland treffen. Ein zunächst eher harmloser Spaß, der auf Wochenendausflüge und das Tragen von Abzeichen hinausläuft. Ab 1925 jedoch, so beschreibt es der Historiker Jonas Kleinmann, driften die Jugendcliquen ins kriminelle Milieu. Die Rezession setzt ein, immer mehr Menschen verlieren ihre Arbeit. Allein in Berlin soll es um 1930/31 45.000 bis 50.000 erwerbslose Jugendliche von 14 bis 21 Jahren geben. Bis zu 600 Cliquen mit 15.000 Mitgliedern ziehen durch die Straßen der Hauptstadt.

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