Noch ehe Bob Dylan ab Mitte der 60er-Jahre zum Lautsprecher des jungen Amerika erkoren wurde, hatte er das amerikanische Songschreiberwesen revolutioniert. Wer zu der Zeit Lieder schrieb, hoffte auf Aufnahme bei großen Musikverlagen an der New Yorker Tin Pan Alley, einer Straße in Broadway-Nähe. Songs kursierten als Handelsware, und die Komponisten und Texter waren Beschäftigte der Verleger.

Bob Dylan sei der Erste gewesen, so der einflussreiche Musikmanager Artie Mogull, der zehn oder zwölf Lieder auf eine Platte bringen konnte, die alle von ihm geschrieben und getextet waren und deren Rechte er auch besaß. Bob Dylan überführte das Prinzip der künstlerischen Originalität in die Unterhaltungsbranche und besiegelte so das Ende der Tin Pan Alley.

Authentizität als Zwangsjacke

Aber irgendwann muss er den Drang zu immer mehr Authentizität als Zwangsjacke seiner künstlerischen Existenz wahrgenommen haben. Nach einem schweren Motorradunfall 1966 zog Dylan sich in das ländliche Woodstock zurück und entschleunigte seinen Schaffensdrang. Eine Platte wie John Wesley Harding war Ausdruck einer Rückbesinnung zum Folk, den er einige Jahre zuvor zum Entsetzen nahezu aller Freunde des akustischen Liedguts unter Strom gesetzt hatte.

Doch als er 1970 das Album „Self Portrait“ herausbrachte, war das Entsetzen nicht minder groß. Was soll der Scheiß?, fragte der heute längst als Gralshüter der Dylan-Deutung gehandelte Kritiker Greil Marcus. Und es war tatsächlich nur schwer zu begreifen, dass Dylan sich mit Coverversionen wie „Mr Bojangles“ abgab, das doch eher zum Repertoire von Entertainern wie Sammy Davis Jr. gehörte. Mit viel Hall und süßlich klingenden Bläsersätzen orchestriert, war „Self Portrait“ für Fans der nasalen Einfachheit eine klangliche Überforderung. Die Plattenkäufer hat das übrigens nicht gestört. „Self Portrait“ gehörte seinerzeit zu den eher besser verkauften Dylan-Alben. Und doch blieb es ein geschmähtes Werk, dessen Titel bereits ein damals nur schwer aufzulösende Paradoxie enthielt. Warum sollte ausgerechnet eine Platte mit Cover-Versionen ein Selbstbild des Hauptdarstellers der jungen amerikanischen Selbstbesinnung sein?

Der Gitarrist David Bromberg, den Dylan neben dem Pianisten Al Kooper und anderen lakonisch eingeladen hatte, mal ein neues Studio auszuprobieren, lieferte die Erklärung erst später nach. Die Songs, die sie da in zielloser Spielfreude aufgenommen hatten, sei jene Musik gewesen, aus der Dylan hervorgegangen sei. Es handelte sich gewissermaßen um eine frühe Vertonung dessen, was Bob Dylan Jahrzehnte später in seiner Sendung „Theme Time Radio Hour“ als Exkursion durch das amerikanische Liedgut betrieb. Ein Mix aus Unterhaltung, Country, Blues und Folk, alles was auf dem Highway und seinen Nebenstrecken so zu hören war.

Das nun als Doppel-CD erhältliche „Another Self Portrait“, das als Nummer 10 der Bootleg-Serie 35 zum Teil unveröffentlichte Songs der Zeit um 1970 enthält, präsentiert Dylan als Apologeten seiner eigenen Entlastungsstrategie. Das Instrumentalstück „Wigwam“, das Drafi Deutscher als pathetisches „Weil ich Dich liebe“ covern konnte, ohne der Vorlage allzu sehr Gewalt anzutun, scheint einen Seufzer auszustoßen, der ruft: Stop Making Sense.

Die Stücke verweisen aber auch auf einen selbstironischen und experimentierlustigen Dylan, dessen Stimme wohl nie so sanft geklungen hat wie in der Entstehungszeit des Albums Nashville Skyline, das ebenfalls in dieser Periode entstand.

Gehört in den Kanon

Für die beachtlich stabile Dylan-Fangemeinde dürfte „Another Self Portrait“, das die Songs jener Jahre ohne die überbordenden Arrangements ungeschminkt und roh präsentiert, ein willkommener Anlass sein, die eigene Werkfestigkeit zu überprüfen und die offene Einladung zu Dekonstruktion und Uminterpretation anzunehmen. Es ist zum Beispiel kaum verständlich, dass es ein Stück wie „Thirsty Boots“ nicht in den Kanon der Dylan-Songs geschafft hat. Und das schöne „Went to see the Gypsy“, das den Liedereigen eröffnet, hätte ebenfalls sehr viel mehr Aufmerksamkeit im Dylan-Kosmos verdient.

Wer nur zufällig in „Another Self Portrait“ hereinhört und es als nachgereichte Ergänzung nimmt, der kann die Verstörung, die das Original „Self Portrait“ 1970 auslöste, nicht mehr recht nachvollziehen. Man mag es mit Bob Dylan selbst halten, der schon vor Jahren der Ansicht war, dass es genug Dylan-Songs gebe. Nun sind ein paar verschollene hinzugekommen.